Zustimmung, Pragmatismus, Ärger – die Reaktionen auf den ganztägigen Verdi-Warnstreik bei den Konstanzer Stadtbussen und der Autofähre am Dienstag waren breit gefächert. „Wir hatten vor allem am Montag sehr viele Anfragen“, sagte Josef Siebler, Pressesprecher der Stadtwerke Konstanz, die den öffentlichen Nahverkehr in der Konzilstadt betreiben. Die Betroffenen, die sich eine Alternative suchten mussten, hätten dabei weitgehend Verständnis gezeigt, aber es „gab natürlich auch einige ungehaltene Kunden.“

Homeoffice vorverlegt aus Solidarität

Erik Klaas wohnt in Daisendorf auf der Nordseite des Sees. Der Geschäftsführer von 8tree in Konstanz pendelt regelmäßig mit der Fähre von Meersburg nach Konstanz. Mit den Streikenden zeigte er sich solidarisch: „Ich unterstütze die Forderung nach einem bundesweit einheitlichen Tarifvertrag.“ Deshalb habe er das eigentlich für Donnerstag geplante Homeoffice einfach vorverlegt.

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Dagegen nahm Apotheken-Inhaber Thomas Winkelbach am Dienstag mit seinem Fahrrad das MS Uhldingen – also die von den Bodensee-Schiffsbetrieben (BSB) extra angebotene Alternativverbindung zwischen Meersburg und dem Konstanzer Stadthafen. Die Runde um den Überlinger See mit dem Rad hätte dann nämlich doch etwas zu lang gedauert für den Arbeitsweg.

Eng auf dem Schiff

„Auf dem Schiff ging es am Morgen ziemlich eng zu“, sagte Winkelbach, der Mindestabstand von 1,5 Metern sei da nur schwer einzuhalten gewesen. Über den Tag hinweg wurden der BSB, die ebenfalls zu den Stadtwerken gehören, laut Josef Siebler allerdings keine weiteren Beschwerden zu dem Thema bekannt.

Ungewohnter Ruhetag an der Autofähre in Staad.
Ungewohnter Ruhetag an der Autofähre in Staad.

Rege diskutiert wurde der Streik im sozialen Netzwerk Facebook – dabei ging es auch um pragmatische Lösungen für Pendler. So bot eine Nutzerin in der Gruppe „Du bist aus Konstanz, wenn ...“ spontan einen privaten Mitfahrservice an und bat andere Autofahrer, ebenfalls Menschen mitzunehmen, die verloren an Bushaltestellen herumstünden.

60 Kollegen streikten

Natürlich alles mit Mund-Nasen-Schutz. Laut Stadtwerke-Sprecher Siebler waren tagsüber bei der Fähre und den Bussen jeweils etwa 60 Kollegen im Streik – in den Fährhäfen sei es sehr ruhig gewesen. Zwischenfälle an Bushaltestellen seien nicht bekannt. Ab 5.05 Uhr werde der Fährbetrieb am Mittwochmorgen in Staad wieder nach dem normalen Fahrplan aufgenommen. Auch die Busse fahren ab dem Morgen regulär, so Siebler.

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Darum geht es in dem aktuellen Streik

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft sieht die Schuld an dem Warnstreik bei den Arbeitgebern. In den Tarifverhandlungen für den kommunalen ÖPNV hatten sie zum Abschluss der Gespräche in Stuttgart statt einem Angebot zwei Seiten mit Vorschlägen für Verschlechterungen des Tarifvertrages vorgelegt, teilte Verdi in einer Presseinformation mit. Damit sollten die Forderungen von Verdi gegenfinanziert werden.

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Die Gewerkschaft hatte den Kommunalen Arbeitgeberverband aufgefordert, diese Liste zurückzunehmen und in konstruktive Gespräche einzusteigen. Sie will für die Mitarbeiter im kommunalen Nahverkehr in Baden-Württemberg unter anderem Entlastungstage, deutlich bessere Überstundenregelungen sowie die Anhebung des Urlaubsgeldes erreichen. Zudem geht es um kürzere Arbeitszeiten.

Vor allem Busfahrer überall gesucht

Der Tarifvertrag Nahverkehr gilt in Baden-Württemberg für rund 6400 Beschäftigte in sieben kommunalen Verkehrsbetrieben in Stuttgart, Karlsruhe, Baden-Baden, Freiburg, Konstanz, Esslingen und Heilbronn. Schon seit Jahren herrsche – auch aufgrund der hohen Belastung durch die Verantwortung am Steuer und den Schichtdienst – massiver Fachkräftemangel in der Branche, so Verdi weiter. Insbesondere Busfahrer würden überall gesucht. Bis 2030 würden bundesweit rund 100.000 neue Beschäftigte benötigt.

Streikgefahr ist nicht gebannt

Neben Konstanz bestreikten die Verdi-Mitglieder am Dienstag auch den Nahverkehr in Freiburg. Es muss nicht der letzte Streik bleiben, denn Verdi hat die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) zu bundesweiten Verhandlungen für mehr als 87.000 Beschäftigte in kommunalen ÖPNV-Unternehmen aufgefordert. Eines der Ziele dabei ist, bundeseinheitliche Standards für die Beschäftigten durchzusetzen. Dies hat die VKA jedoch abgelehnt. Auch hier droht nun ein Tarifkonflikt, der zu weiteren Streiks führen könnte. (sf)

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