Eingebettet zwischen Hügeln liegt Wutöschingen, direkt an der Verkehrsader B 314 und der Wutachtalbahn. Den Aufschwung hat die Industriegemeinde zum Großteil der Aluminiumindustrie zu verdanken. Sie prägt die Gemeinde seit 1904, als Fritz Burr die Aluminiumwerke gründete und dem durch Landwirtschaft geprägten Dorf im Lauf der Jahre einen völlig anderen Charakter gab.

Die Alemannenschule (rechts der Neubau für die gymnasiale Oberstufe) lockt mit ihrem Konzept inzwischen viele Familien in die Wohn- und Industriegemeinde.
Die Alemannenschule (rechts der Neubau für die gymnasiale Oberstufe) lockt mit ihrem Konzept inzwischen viele Familien in die Wohn- und Industriegemeinde. | Bild: Gerald Edinger

Von zentraler Bedeutung ist für die Industriegemeinde die direkte Anbindung an die B 314. Neu hinzu kam das Thema Bildung, bei dem die Kommune im Schulterschluss mit Gemeinderat und Schulleitung einen eigenen Weg geht. Die Gemeinschaftsschule hat inzwischen eine gymnasiale Oberstufe. Offenbar ist das Bildungs- und -Kundenbetreuungsangebot für junge Familien so interessant, dass die Baugebiete aus dem Boden schießen. Im jüngsten Neubaugebiet gab es für 50 erschlossene Plätze nach Informationen von Bürgermeister Georg Eble 250 Interessenten. Als Wohngemeinde war Wutöschingen in den zurückliegenden 70 Jahren fast durchgehend gefragt. Erst waren es die Mitarbeiter der AWW, die hier bauen und leben wollten, nun sind es junge Familien, die durch das attraktive Betreuungs- und Bildungsangebot angelockt werden.

Marlis Triebs war 43 Jahre im Wutöschinger Rathaus beschäftigt und in dieser Zeit Sekretärin von drei Bürgermeistern. Heute geht sie gern an der Wutach spazieren, hier beim Kraftwerk.
Marlis Triebs war 43 Jahre im Wutöschinger Rathaus beschäftigt und in dieser Zeit Sekretärin von drei Bürgermeistern. Heute geht sie gern an der Wutach spazieren, hier beim Kraftwerk. | Bild: Gerald Edinger

Marlis Triebs (79) hat die rasante Entwicklung der Gemeinde vom durch Landwirtschaft geprägten Dorf zum modernen Industriestandort 43 Jahre lang hautnah im Rathaus miterlebt. Sie erlebte den Aufbau unter Bürgermeister Walter Maurer, die Fortsetzung dieser Basisarbeit von Horst Albicker und sie saß als Sekretärin im Vorzimmer beim derzeit amtierenden Bürgermeister Georg Eble. Triebs ist in der alten Siedlung Richtung Degernau aufgewachsen. „Noch heute ist die Wutach einer meiner Lieblingsorte, an denen ich gerne spazieren gehe.“

Das Rathaus und die katholische Kirche, zwei Symbole für den rasanten Aufstieg der Gemeinde in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Das Rathaus und die katholische Kirche, zwei Symbole für den rasanten Aufstieg der Gemeinde in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. | Bild: Gerald Edinger

Als sie nach dem Abschluss der Handelsschule 1958 von Walter Maurer eingestellt wurde, stand im alten Rathaus (heute Mietshaus und Friseursalon) nur ein Raum zur Verfügung, und der Rathaus-Chef machte seine Arbeit im Nebenberuf. Mit Ratschreiber (heute Hauptamtsleiter) Max Kaiser war Triebs für die Verwaltungsarbeit der damals rund 1100 Einwohner zählenden Gemeinde zuständig.

Die Trotte ist eines der ältesten Bauwerke in Wutöschingen. Heute wird das markante, historische Gebäude als Vereinshaus genutzt.
Die Trotte ist eines der ältesten Bauwerke in Wutöschingen. Heute wird das markante, historische Gebäude als Vereinshaus genutzt. | Bild: Gerald Edinger

Die Gemeindekasse befand sich im Privathaus von Ludwig Meier. In diesem Gebäude waren bis Anfang der 1960er Jahre auch noch Schule und Kindergarten untergebracht. „Alle kamen damals mit dem Rad ins Rathaus“, erinnert sich Marlis Triebs. Zentral wurde für alle Bauern auch der Fleischverkauf im Rathaus geregelt, berichtet sie.

Die katholische Kirche wurde in den 1950er Jahren mit viel persönlichem Einsatz von engagierten Mitgliedern der Pfarrgemeinde gebaut.
Die katholische Kirche wurde in den 1950er Jahren mit viel persönlichem Einsatz von engagierten Mitgliedern der Pfarrgemeinde gebaut. | Bild: Gerald Edinger

Walter Maurer war in seiner Amtszeit (bis 1975) Initiator vieler richtungweisender Projekte. In seiner Ära wurde Anfang der 1960er Jahre das heute noch bestehende Rathaus gebaut. „Im Obergeschoss waren damals zwei Wohnungen, in einer wohnte unser Ratschreiber“, berichtet die ehemalige Sekretärin. Später wurde der Teil angebaut, in dem sich heute der Sitzungssaal befindet. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, als der Umsatz in der Gemeinde über eine Million D-Mark stieg – das war Mitte der 1960er Jahre für uns eine Sensation!“ Die Freude von Bürgermeister Maurer war immer groß, wenn er die Gewerbesteuer der Alu-Werke sah, damals die größte Einnahmequelle, die Investitionen möglich machte.

Die Aluminium Werke sind ortsprägend. Die Werkhallen reichen bis die alte Ortsmitte der Gemeinde hinein und sind sinnbildlich für das Selbstverständnis als Industrie- und Wohngemeinde.
Die Aluminium Werke sind ortsprägend. Die Werkhallen reichen bis die alte Ortsmitte der Gemeinde hinein und sind sinnbildlich für das Selbstverständnis als Industrie- und Wohngemeinde. | Bild: Gerald Edinger

Marlis Triebs erlebte die Tage, als im Dorf die Straßen noch Feldwege waren. Eine Kanalisation wurde Zug um Zug in allen Straßen gebaut und sie bekamen Asphaltdecken. Dann war auch eine Kläranlage notwendig. Bis dahin wurde das Abwasser der Häuser im sogenannten „Gülleloch“ aufbewahrt und regelmäßig von einer Spezialfirma abtransportiert. Bis 1963 gab es in Wutöschingen nur die Werksfeuerwehr der Aluminium-Werke, erst dann wurde im neuen Rathaus Wutöschingen die Feuerwehr gegründet.

Ein Gedenkstein erinnert an den Gründer der Aluminiumwerke Wutöschingen, Fritz Burr.
Ein Gedenkstein erinnert an den Gründer der Aluminiumwerke Wutöschingen, Fritz Burr. | Bild: Gerald Edinger

Trotz des Widerstands der damals etwa 20 Landwirte in der Gemeinde, wurde die Müllabfuhr eingeführt. Bis dahin wurde er in einer Deponie im Wald direkt an der Bundesstraße entsorgt. Weil viele dieser Bauern zur damaligen Zeit in der Fabrik arbeiteten und die Landwirtschaft nebenbei betrieben, wurden sie landläufig als „Mondscheinbure“ bezeichnet. Maurer hat auch ein Baugebiet in Obstanlagen ermöglicht und den Friedhof gebaut, den es im Dorf bis dahin nicht gab.

Mit der Gemeindereform wurde Horst Albicker (1975 bis 1999) Bürgermeister. Unter ihm wurde die Entwicklung der Kommune zur einer modernen Wohn- und Industriegemeinde fortgesetzt. „Die Gemeinde hat sich rasant entwickelt“, sagt Marlis Triebs im Rückblick. Aus 1100 Einwohnern wurden bis heute fast 2500. Die heutige Situation sieht sie nicht unkritisch. Der Ort sei eine „Schlafgemeinde“ geworden, der Zusammenhalt fehle. Sie vermisst einen echten Mittelpunkt im Ort und den Einzelhandel. „Aber wir haben ein buntes und lebendiges Vereinsleben und wunderschöne Wanderwege, das gefällt mir.“