Die Bemühungen für eine Reaktivierung der Wehratalbahn bekommen einen starken Rückenwind: Mit einem gemeinsamen Brief an den Landesverkehrsminister Winfried Herrmann (Grüne) stellen sich der Regionalverband Hochrhein-Bodensee, die Landräte aus Lörrach und Waldshut, Marion Dammann und Martin Kistler, sowie die die vier Bürgermeister der Anliegergemeinden, Schopfheims Dirk Harscher, Bad Säckingens Alexander Guhl, Helmut Kima aus Hasel und Michael Thater aus Wehr hinter das Projekt. „In der Region herrscht Einigkeit“, betont der Vorsitzende des Regionalverbands und Landrat Martin Kistler. Dies sei ein gutes Signal und eine wichtige Voraussetzung für die Unterstützung des Landes.

Im Verkehrsministerium läuft derzeit eine Prüfung, welche stillgelegten Bahnstrecken im Land reaktiviert werden könnten. Aus zunächst 75 vorgeschlagenen Strecken sind aktuell noch 41 im Rennen, diese Auswahl soll bis Ende des Jahres, spätestens Anfang 2021 auf 15 Strecken reduziert werden, die dann einer detaillierten Prüfung unterzogen werden.

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Dass die Wehratalbahn auch dann noch dabei ist, dafür gibt es gute Argumente: Die Stadt Wehr hat vom Tübinger Nahverkehrsexperten Ulrich Grosse ihr Gutachten aus dem Jahr 2007 aktualisieren lassen. Dieser sieht für eine Schienenverbindung zwischen Schopfheim und Wehr nicht nur Potenzial für die engere Raumschaft mit den insgesamt 51000 Einwohnern der vier Anliegergemeinden. Allein hier gebe es ein tägliches Potenzial von bis zu 10000 Fahrgästen, inklusive dem Schülerverkehr sogar von 12000, so Thater. Die Bedeutung der Wehralbahn beschränke sich aber nicht auf den engeren Nahverkehr: Mit der Verbindung von Hochrhein und Wiesental werden auch zwei wirtschaftsstarke Korridore des Trinationalen Eurodistricts Basel verbunden – davon profitiere letztlich der Großraum Basel. Wie Bürgermeister Michael Thater schildert, sei die Wehratalbahnstrecke als ein Teil der Baseler S-Bahn S6 denkbar, die im Halbstundentakt als von Basel über Weil am Rhein nach Lörrach und Schopfheim über Wehr, Bad Säckingen nach Rheinfelden und zurück nach Basel verkehrt. Als ringförmige Direktverbindung könnte sie das bestehende sternförmige S-Bahn-Netz in Basel sinnvoll ergänzen.

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Der Direktor des Regionalverbands Hochrhein-Bodensee Karl Heinz Hoffmann sieht in der Anbindung des Wiesentals an den Hochrhein einen Schub für die Wirtschaftsregion. Er verweist beispielsweise auf die Pläne der Industrie- und Gewerbeansiedlungen im 2000 Hektar großen Sisslerfeld bei Stein, wo in den nächsten Jahren über 10000 Arbeitsplätze entstehen sollen. Ideal wäre dabei eine zusätzlichen grenzüberschreitende Bahnverbindung, die gleichzeitig die Verbindung des Hochrheins zum Flughafen Zürich schafft. „Natürlich gibt es noch viele offene technische Fragen, klar ist aber, dass es ein großes Chancenpotenzial gibt. Da lohnt es sich einzusteigen“, so Hoffmann.

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Dass bis zu einer möglichen Reaktivierung wohl noch Jahrzehnte ins Land gehen werden, ist den Beteiligten klar. „Dass Planfeststellungsverfahren im Bahnverkehr sehr lange Prozesse sind, sieht man auch an der Elektrifizierung der Hochrheinstrecke“, so Landrat Kistler. Dieses Projekt ist auch die Voraussetzung für eine Reaktivierung der Wehratalbahn. Wichtig sei zunächst, dass man in der Auswahl des Landes bleibe. Sollte es tatsächlich zu einer Reaktivierung kommen, würden Bund und Land 90 Prozent der Kosten übernehmen, nur zehn Prozent müssten die Kommunen tragen. „Auch das ist kein Pappenstiel“, so Thater. Das Gutachten von 2007 schätzte die Baukosten – insbesondere wegen des Haseler Tunnels – auf 70 Millionen Euro, zwischenzeitlich geht Thater von einem dreistelligen Millionenbetrag aus.

Sollte es die Wehratalbahn in den nächsten Monaten nicht in die nächste 15er-Auswahl schaffen, ist für Bürgermeister Thater der Traum aber noch nicht ausgeträumt. „Dann müssen wir den Blick in die Schweiz richten“, so Thater. Auch bei der Elektrifizierung der Hochrheinstrecke sei der Durchbruch nur durch Impulse aus der Schweiz gekommen.

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Die Wehratalbahn

  • Der Bau: Innerhalb von nur drei Jahren wurde die Wehratalbahn zwischen Schopfheim und Säckingen errichtet und 1890 errichtet. Es war eine strategische Bahnline, mit ihr sollte für den Kriegsfall eine Ost-West-Verbindung am Hochrhein gewährleistet werden. Mit der Wehratalbahn konnte das Schweizer Hoheitsgebiet umfahren werden. Eine Pionierleistung war damals der Hasler beziehungsweise Fahrnauer Tunnel, der mit rund 3,2 Kilometern zu den längsten Eisenbahntunnels Deutschlands gehörte.
  • Die Elektrifizierung: Ebenfalls innerhalb weniger Jahre wurde die Strecke bis 1913 elektrifiziert. Den Strom lieferte das Wasserkraftwerk Augst-Wyhlen. Erst einige Jahre nach der Stillegung der Strecke wurden die Stromleitungen abgestellt und schließlich Ende der 70er Jahre rückgebaut. Davor war es zu einigen tragischen Unfällen gekommen, als Jugendliche beim Spielen an den stillgelegten Gleisen von Stromschlägen getroffen wurden.
  • Die Stilllegung: Bis zu elf Zugpaare verkehrten Mitte der 60er Jahre täglich zwischen Säckingen und Schopfheim. Bei einer Fahrgastzählung wurden 1967 zwischen Säckingen und Wehr täglich 1100 Fahrgäste ermittelt. Auf der Strecke Wehr-Schopfheim waren es 800. Die Auslastung lag zwischen 21 und 30 Prozent. Parallel zum Zugbetrieb wurde die Bahnbuslinie in Betrieb genommen, die vielen Wehrern mit mehr Haltestellen attraktiver erschien. Am 3. Mai 1971 erließ die Bundesbahndirektion in Karlsruhe die Stilllegungsverfügung, am 22. Mai fuhr der letzte Personenzug im Bahnhof Wehr ein. Alle Proteste aus der Region blieben wirkungslos.
  • Bemühungen um eine Reaktivierung: 2005 und 2007 wurden vom Wehrer Gemeinderat mehrere Gutachten in Auftrag gegeben, die zeigen sollten, ob eine Wiederinbetriebnahme möglich ist. Der Tübinger „Nahverkehrspapst“ Ulrich Grosse und das Lörracher Ingenieurbüro Poyry Infra kamen dabei zum Ergebnis, dass eine Reaktivierung grundsätzlich möglich ist und auch sinnvoll sein könnte. Demgegenüber stehen allerdings hohe Kosten – insbesondere durch die Sanierung des Tunnels. Eine Umfahrung des Tunnels erschien damals technisch nicht möglich. Die Bahntrasse blieb aufgrund der Gutachten durchgängig erhalten und ist bis heute dem Bahnverkehr gewidmet. Sie ist nach wie vor im Eigentum der Bahn. (job)

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