Nach dem Rauswurf des Betrügers Wilhelm Neflin 1904 kam es zu großen Weichenstellungen in der seit 1885 auf Möbelstoffe spezialisierten Weberei Neflin & Rupp. 1906 beteiligte sich Friedrich Rupp an der Gründung der Färberei Wehr GmbH und siedelte sie auf seinem Firmengelände an. Ein Jahr später holte der weitblickende Unternehmer den Teppichweber Alfred Hauber ins Boot. Mit Hauber begann die Erfolgsgeschichte der legendären Wehra-Teppiche. Bereits in den 1920er Jahren zählte die 1871 als kleine Schuhstoffweberei gegründete und 1921 zur Wehra AG umgewandelte Firma zu den Marktführern im Möbelstoff- und Teppichsegment.

Das Team der Färberei der Wehra AG Mitte der 1950er Jahre bei einer kleinen Feier in der Abteilung: Da die Arbeit noch nicht so verdichtet wie heutzutage war, blieben noch Freiräume für die Geselligkeit.
Das Team der Färberei der Wehra AG Mitte der 1950er Jahre bei einer kleinen Feier in der Abteilung: Da die Arbeit noch nicht so verdichtet wie heutzutage war, blieben noch Freiräume für die Geselligkeit. | Bild: Erika Berger, Repro: Reinhard Valenta

Dass Rupp den Aufbau einer Färberei vorantrieb, hatte gute Gründe. Das Färben der für die Möbelstoffe (sogenannte Moquettes und Epingle) verwendeten Wollgarne war kompliziert. Weil die hiesigen Färbereien das nicht konnten, ließ er die von der Krafft‘schen Spinnerei Hausen gefertigten Kammgarne bei Spindler in Berlin färben. Die oberhalb von Neflin & Rupp an der Wehra gelegene Färberei Hummel erhielt lediglich Aufträge für Leinen- und Baumwollgarne. Der Transport der in Hausen hergestellten Ware zum Färben nach Berlin war teuer. Aber die von Rupp geforderte Qualität stimmte.

Franz Büche (auch Schmidtmaxfranz genannt) wurde ein brillanter Färbermeister, der im Dienst eine modische Krawatte oder Fliege trug. Das hob den Arbeiteraristokraten vom einfachen Arbeiter ab.
Franz Büche (auch Schmidtmaxfranz genannt) wurde ein brillanter Färbermeister, der im Dienst eine modische Krawatte oder Fliege trug. Das hob den Arbeiteraristokraten vom einfachen Arbeiter ab. | Bild: Erika Berger, Repro: Reinhard Valenta

Als seit 1890 auch englische Weftgarne für die Möbelstoffweberei verwendet wurden, ließ Rupp diese in der damals bedeutenden Färberei Jonas Halbach in Barmen färben. Er orderte die besonders fest gedrehten Spezialgarne in England, während Halbach den Transport nach Barmen abwickelte. Die Transportkosten waren im Färberlohn inbegriffen. Die gefärbten Garne wiederum wurden auf Kosten von Neflin & Rupp nach Wehr gebracht.

Wen Friedrich Rupp nach dem Abgang Jonas Halbachs als neuen Färbereichef engagiert hat, ist unbekannt. Jedenfalls sorgte er für die Ausbildung des heimischen Nachwuchses, wie dieses Detail des Lehrvertrags von Franz Büche beweist.
Wen Friedrich Rupp nach dem Abgang Jonas Halbachs als neuen Färbereichef engagiert hat, ist unbekannt. Jedenfalls sorgte er für die Ausbildung des heimischen Nachwuchses, wie dieses Detail des Lehrvertrags von Franz Büche beweist. | Bild: Erika Berger, Repro: Reinhard Valenta

Trotz der riesigen Distanzen war der Betrieb mit Barmen gut eingespielt. Rupp konnte sich auf Halbach verlassen. Als der Kaufmann G. A. Schlechtendahl Rupp überreden wollte, einer anderen Färberei Aufträge zu geben, erhielt er eine vielsagende Antwort: „Ihrem Vorschlag, einmal einen größeren Posten bei Sauermann färben zu lassen, würden wir zustimmen, wüssten wir nicht aus Erfahrung, dass jeder Färber andere Farbstoffe verwendet. Die Folge ist, dass selbst bei sorgfältigster Ausführung der Farbtöne doch kleine Abweichungen unausbleiblich sind. Damit ist uns bei unseren Mustern nicht gedient.“

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Jonas Halbachs Färberei brannte 1897 bis auf die Grundmauern ab. Rupp ließ trotzdem weiter in Barmen färben. Halbachs Sohn Ewald bediente die Kunden seines Vaters in einem Provisorium weiter. 1905 musste er die Firma aufgeben. Er war ein exzellenter Färber, jedoch kein Kaufmann. Außerdem hatten die Halbachs infolge der Brandkatastrophe kein Kapital mehr.

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Nun ergriff Friedrich Rupp zielstrebig die Initiative. Um weiter bei Halbach färben zu können, verschaffte er ihm kurzerhand eine neue Färberei. Diese sollte nicht in Barmen, sondern in Wehr stehen. Klar, dass Rupp die Transportkosten senken und die Zusammenarbeit vereinfachen wollte. Er überzeugte Halbachs Schwäger, die Unternehmer Oswald und Ferdinand Sehlbach sowie F. W. Steinhof in Barmen, das Kapital in Höhe von 40.000 Mark für die Gründung der Färberei Wehr GmbH lockerzumachen. Rupp selbst beteiligte sich mit 10.000 Mark. Halbach sollte die technische Leitung übernehmen, Neflin & Rupp die Verwaltung kontrollieren. Rupp kannte Halbachs kaufmännische Schwächen genau.

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Im April 1906 waren die Verträge unterzeichnet, sodass Architekt C. Brüderle aus Schopfheim die neue Färberei auf dem zum Selbstkostenpreis von Rupp überlassenen Gelände des Fabrikareals planen und bauen konnte. Um Rupp in der Bauphase mit Garnen zu versorgen, färbte Halbach bei Vorwerk in Barmen, einem textilen Vorläuferbetrieb des späteren Staubsauger-Produzenten.

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Bereits im Herbst 1906 wurden die ersten Weft- und Kammgarne in Wehr gefärbt. Rupp machte seinen Einfluss geltend, damit Halbach einen guten Start hatte. Er besorgte ihm Kunden sowie eine Wohnung in Schopfheim. Anfänglich gab es Probleme mit den Arbeitern, weil Halbach kein „Wäärerdütsch“ verstand und als Rheinländer für diese wiederum zu schnell sprach. Aber das war bald ausgestanden. 1907 stimmte Rupp sogar dem Bau einer Kreuzspulbleicherei zu, ohne einen direkten Nutzen davon zu haben. Doch dann kam es zum Konflikt.

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Nachdem Alfred Hauber 1907 mit dem Aufbau der Teppichabteilung begonnen hatte und diese 1908/09 anlief, war Halbach nicht mehr fähig, die Fremdaufträge mit denen von Neflin & Rupp abzustimmen. Nach leidigen Querelen wechselte der Rheinländer zur Färberei Bötsch & Behringer nach Hausen, während Friedrich Rupp am 1. August 1909 die Färberei in eigener Regie übernahm. Nun begann das neue Kapitel „Teppichweberei“.