Der Öflinger Dorfladen lebt: Ein Jahr nachdem die Genossenschaft kurz vor der Insolvenz stand, konnten Aufsichtsrat und Vorstand den Mitgliedern am Mittwochabend deutlich positivere Nachrichten verkünden. Das Defizit konnte im Laufe des Geschäftsjahrs 2018 deutlich gesenkt werden, und auch die ersten Monate dieses Jahres machen Hoffnung, dass 2019 mit der angestrebten „schwarzen Null“ abgeschlossen werden kann.

Umsatzziel: 45000 Euro

Als Zielmarke für den Umsatz aus dem laufenden Geschäftsbetrieb des Dorfladens gelten nun 45000 Euro. „Wenn wir über dieser Marke liegen, schaffen wir ein kleines Plus. Liegen wir drunter, wird es schwierig für uns“, fasste Vorstandsmitglied Katharina Hinnenberger zusammen. Tatsächlich konnte die Marke in den vergangenen zwölf Monaten mehrheitlich übertroffen werden.

Neuer Vorstand bringt de Wende

„Die vergangene Generalversammlung war ein Wendepunkt“, so Steuerberater Michael Eckert, der den Jahresabschluss der Genossenschaft zusammengestellt hat. Zur Erinnerung: Mitte Juni 2018 diskutierte die Genossenschaftsversammlung ernsthaft eine Liquidation, nachdem sich das Defizit im Jahr zuvor auf über 30000 Euro angehäuft hatte und auch in den ersten Monaten 2018 schon ein Minus von 15000 Euro erwirtschaftet worden war. Diese desaströsen Zahlen lösten intern seinerzeit eine gewisse Initialzündung aus: Mit Katharina Hinnenberger und Birgit Kiefer fanden sich zwei neue Vorstandsmitglieder, die Daniela Klausmann unterstützten. „Wir haben das Sortiment stetig überprüft und weiter reduziert“, erklärte Hinnenberger.

Regionale Produkte im Fokus

Verstärkt setze der Laden nun auf regionale Produkte, die es in normalen Supermärkten nicht gebe. Honig aus Rüßwihl, Direktsaft vom Rührberg oder Holzofenbrot aus Öflingen haben sich zu echten Rennern entwickelt. Etwas Besonderes ist auch das griechische Olivenöl einer aus Öflingen stammenden Auswanderin. Metzger Ralf Strittmatter habe eigens für den Öflinger Laden eine „Dorfladen-Wurst“ entwickelt. Dies seien Dinge, die einen Dorfladen ausmachen und von den Kunden gerne angenommen werden. Dazu zählt auch, dass aus der Obst-Abteilung Plastiktüten verbannt wurden und die offene Ware in Papiertüten verpackt wird.

Volksbank erlässt Darlehen

Den drei Frauen sei es gelungen, das Ruder herumzureißen, attestierte Steuerberater Michael Eckert dem Vorstand. Der Jahresumsatz 2018 ist mit 515000 Euro zwar nochmals 8000 Euro niedriger als 2017, gleichzeitig sanken aber auch die Aufwendungen um 42000 Euro. Dass in der Jahresbilanz 2018 am Ende sogar ein dicker Jahresüberschuss von 61000 Euro steht, liegt an der buchhalterischen Bilanzierung einer außerplanmäßigen Darlehenstilgung: Die Volksbank Rhein-Wehra und die Stadt Wehr hatten im vergangenen Oktober vor dem Eindruck einer drohenden Insolvenz gemeinsam ein 80000-Euro Darlehen getilgt, das die Bank der Genossenschaft zur Gründung gewährt hatte. Nun verzichtet das Kreditinstitut auf die Rückzahlung, sorgt damit für eine positive Bilanz und gibt dem Dorfladen finanziell Luft. Denn der seit 2015 angelaufene Verlust von 64000 Euro konnte damit ausgeglichen werden. Vorstand und Aufsichtsrat zeigten sich gegenüber Bank und Stadt sehr dankbar für die Darlehensablösung. „Wir fangen sozusagen wieder bei Null an“, so Aufsichtsratsvorsitzender Michael Thater. „Wenn Sie im Dorfladen einkaufen und für Umsatz sorgen, werden wir den Laden dauerhaft betreiben können“, richtete er einen Appell an die Genossenschaftsmitglieder.

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Vorstand vorsichtig optimistisch

„Wir sind auf einem guten Weg, aber es liegen noch viele Steine vor uns, die uns zum Stolpern bringen können“, versprühte Katharina Hinnenberger vorsichtigen Optimismus, mahnte aber gleichzeitig vor zu großer Sicherheit. Wenn der monatliche Umsatz dauerhaft unter 45000 Euro fällt, könne dies wohl kaum ausgeglichen werden. „Dann müssten wir schnell handeln“, so Hinnenberger.

Ausblick

Im Ausblick auf das kommende Jahr zeigte sich die Kreativität des aktuellen Vorstands: Die drei Frauen haben noch zahlreiche Ideen, mit welchen Produkten Nischen besetzt werden und Kunden gewonnen werden können: Im Gespräch ist beispielsweise die Integration eines Toto-Lotto-Angebots – eine Hürde ist hier allerdings das hohe Haftungsrisiko, für das eine Einzelperson gerade stehen müsste. Mit einer Gruppe „Freunde des Dorfladens„ soll das Ehrenamt gestärkt werden, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit von Investitionen geschaffen werden. Keinen Spielraum sieht der Vorstand hingegen bei den Personalkosten. „Hier sind die Einsparungspotentiale ausgereizt“, so Hinnenberger. Ehrenamtliche Helfer sind aber nach wie vor dringend erwünscht- „auch wenn es nur einmal im Monat ist“.

Seinen Respekt zollte Bürgermeisterstellvertreter Paul Erhart als Vertreter der Stadt Wehr dem Vorstandsteam. „Der Gemeinderat hat immer ein offenes Ohr. Er ist aber auch immer kritisch, wenn es um die Verwendung von öffentlichen Steuergeldern geht“, bat er um Verständnis, dass vom Gemeinderat bereits zwei Mal Finanzspritzen für den Dorfladen abgelehnt wurden. Katharina Hinnenberger kündigte an, auch mit dem neuen Gemeinderat im Gespräch über eine finanzielle Unterstützung zu bleiben.

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Die Dorfladen-Genossenschaft wurde 2015 gegründet. Aktuell gehören ihr rund 400 Mitglieder an, etwa 20 mehr als im Vorjahr. Davon nahmen nun 70 Genossenschaftler an der Hauptversammlung teil. Der Jahresbilanz 2018 wurde ebenso einstimmig zugestimmt, wie der beantragten Entlastung von Aufsichtsrat und Vorstand. Die von einem Mitglied beantragte Entlastung zweier Vorstandsmitglieder aus dem Jahr 2016 wurde auf kommendes Jahr verschoben.