Frau Geiger, was bedeutet Foodsharing? Was passiert da eigentlich?

Wir setzen uns ehrenamtlich und aktiv gegen Lebensmittelverschwendung ein. Einerseits holen wir übrige Lebensmittel von Bäckereien und Supermärkten ab und fairteilen sie weiter, sodass sie noch gegessen werden können, bevor sie schlecht werden. Andererseits bieten wir Möglichkeiten, wie Privatpersonen Lebensmittel, die nicht mehr gegessen werden, weitergeben können. Zum Beispiel über einen Essenskorb. Das ist eine digitale Annonce, in der man die übrigen Lebensmittel inserieren kann und so jemanden findet, der sie abholt und verwertet. Außerdem betreiben wir Fairteiler, das sind öffentliche Lebensmittelregale oder Kühlschränke, vergleichbar mit den offenen Bücherschränken, die es in der Stadt gibt, nur eben mit Lebensmitteln.

Wie sind Sie zu der Initiative gekommen?

Das war 2014 während eines Praktikums in Hamburg, da hatte ich eine Mitbewohnerin, die bei Foodsharing sehr aktiv war. Über sie habe ich die Initiative kennengelernt und wurde selbst Mitglied. Bei den ersten Abholungen bei einem großen Supermarkt wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie groß das Problem der Lebensmittelverschwendung ist. Fünf Autos voller Lebensmittel wurden dort mehrmals die Woche abgeholt – das alles wäre ohne Foodsharing im Müll gelandet. Und das war nur ein einziger Supermarkt.

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Und wie kam es dann zu der Gründung Foodsharing Waldshut-Tiengen?

Meine Kollegin Isabelle Mainka hat im vergangenen Jahr den Bezirk gegründet. Als ich dazu gekommen bin, bestanden bereits ein paar Kontakte. Die Dritte im Bunde, Jennifer Kohlbrenner, kam kurz nach mir dazu. So richtig aktiv sind wir seit Juli diesen Jahres. Gemeinsam haben wir losgelegt und erste Kooperationen geschlossen, weitere Menschen für unsere Initiative begeistert und unsere Präsenz in den Sozialen Medien sichtbar gemacht. Wer mag kann uns gerne auf Instagram, Facebook oder Linkedin folgen @foodsharingwaldshut. Uns ist es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, was oder wer Foodsharing ist und wie Lebensmittelverschwendung im Alltag reduziert werden kann.

Welche Aktionen wurden bereits durchgeführt? Was ist in Planung?

Neben einem Infoabend waren wir im September auf dem Klimaschutztag, der von Fridays-for-Future organisiert wurde, mit einem Stand vertreten. Wir waren auf der großen Klimademo im September dabei mit einem mobilen Mini-Fairteiler, wo wir gerettete Lebensmittel an die Demonstrierenden verteilt haben. Außerdem retten wir mehrmals wöchentlich Lebensmittel in unseren Kooperationsbetrieben. Die Lebensmittel verbrauchen wir selber oder fairteilen sie weiter. Langfristig wollen wir auch hier im Landkreis eigene Fairteiler betreiben, zu denen alle Leute Lebensmittel hinbringen, aber auch mitnehmen können. Die werden von uns gepflegt, geputzt und instandgehalten. Das ist einer der nächsten Schritte. Es gibt übrigens schon zwei Fairteiler bei uns im Landkreis: Einmal in Dogern (von der Nachhaltigkeitsgruppe Dogern betrieben) und in Bad Säckingen (von den Stadtoasen) – da kann man sehen, wie gut das Lebensmittelretten im öffentlichen Raum funktioniert.

Kennen Sie die aktuellen Zahlen, wieviel Lebensmittel jeder Deutsche im Jahr wegwirft?

Das sind pro Jahr so ungefähr 75 Kilogramm pro Person. Wenn man das in den Warenwert umrechnet, schmeißt jede Person in Deutschland 230 Euro an Lebensmitteln jährlich in den Müll. Aber der finanzielle Aspekt ist meines Erachtens nicht das wichtigste. Um diese Lebensmittel zu produzieren, werden Ressourcen eingesetzt, es wird Fläche benötigt und es werden Treibhausgase emittiert. Und all das für die Tonne. Um es ein bisschen anschaulicher zu machen: Wäre Lebensmittelverschwendung ein Land, so wäre es weltweit der drittgrößte Emittent von CO2 – nach den USA und China.

Was glauben Sie, woran es liegt, dass wir so viel wegschmeißen?

Lebensmittelverschwendung passiert entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Wir konzentrieren uns mit Foodsharing auf die Einzelhandelsbetriebe und die privaten Haushalte: In Lebensmittelbetrieben sind es oftmals Produkte, die das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht oder überschritten haben, manche haben Schönheitsfehler. Zum Beispiel Limetten mit brauner Schale sehen nicht mehr schön aus, sind aber von innen einwandfrei. Oder auch Obstnetze mit einer verdorbenen Orange werden komplett entsorgt. Wir holen genau diese Lebensmittel ab und verwerten sie weiter. In privaten Haushalten sind die Gründe für das Wegwerfen sehr vielfältig. Einerseits liegt es an der Planung, dass man einfach kauft, worauf man Lust hat und dann aber nicht gezielt verbraucht. Oft werden Sachen auch in großen Mengen verkauft, zu viel für einen kleinen Haushalt. Mangelnde Sicherheit im Umgang mit Lebensmitteln gehört auch zu den Gründen. Oft fragt man sich, kann ich das noch essen, obwohl das MHD überschritten ist? Da versuchen wir, aufzuklären und die Sensibilität zu erhöhen.

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Was wird am meisten gerettet, gibt es etwas was immer dabei ist?

Ein Klassiker sind braune Bananen. Sie können mit Sicherheit von jedem Foodsaver mindestens zehn Rezepte bekommen, wie man braune Bananen noch gut verwerten kann. Ansonsten sind oft Salate dabei und Produkte jenseits des Mindesthaltbarkeitsdatums.

Stichwort „Containern“ – wie stehen Sie dazu?

Generell finde ich, Lebensmittel, die mit einem enormen Aufwand an Ressourcen entstanden sind und in den Supermarkt gebracht wurden, sollten nicht weggeschmissen werden, wenn sie noch genießbar sind. Containern ist verboten, klar aber da ist meiner Meinung nach eine Gesetzesänderung notwendig, wie beispielsweise in Frankreich. Dort ist es verboten, genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. Das wäre für mich im Sinne der Wertschätzung unserer Lebensmittel das richtige Signal. Deshalb finde ich Foodsharing so schön, weil es eine Möglichkeit ist, Containern überflüssig zu machen. Wir holen legal die Lebensmittel zu Tageslicht-Zeiten ab und das auch noch in Kooperation mit den Betrieben.

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Wieso kooperieren die Lebensmittelbetriebe denn eigentlich mit Foodsharing?

Einerseits ist es für viele Lebensmittelbetriebe nicht schön, Lebensmittel wegschmeißen zu müssen. Sie freuen sich darüber, dass wir eine unkomplizierte, flexible und kostenlose Möglichkeit bieten, die Lebensmittel weiter zu verteilen. Außerdem sparen sich die Betriebe damit Entsorgungskosten und wir helfen beim Sortieren der Waren in genießbar und ungenießbar. Das spart den Betrieben nicht nur Zeit sondern auch Geld. Letztlich kann Foodsharing auch als Marketing-Instrument genutzt werden, und die Betriebe können damit werben, keine Lebensmittel wegzuwerfen – das kommt bei den Kunden auch gut an.

Was kaufen Sie, wenn Sie einkaufen gehen und welchen Anteil hat Foodsharing in ihrer Speisekammer?

Bei Foodsharing sind die Menge und was man abholt sehr unterschiedlich. Das ist der Deal, dass wir die Lebensmittel nehmen, die übrig sind. Wir kommen in den Betrieb, und wir nehmen alles mit, was aussortiert wurde. Es ist egal, ob ich das mag oder ob mir das schmeckt. Unsere Verantwortung ist es dann, diese Lebensmittel weiter zu verteilen. Da sind viele Sachen dabei, die ich gerne esse. Aber auch manche, mit denen ich gar nichts anfangen kann. Dann muss ich überlegen, wem ich das weitergeben kann. Ich würde sagen, dass etwa 30 Prozent von den Sachen, die ich konsumiere, vom Foodsharing stammen. Es schwankt aber wirklich und hängt auch davon ab, wie oft ich eingeplant bin, die Lebensmittel zu holen. Das Engagement bei Foodsharing lässt sich nämlich ganz flexibel an den Alltag anpassen und es gibt keine Verpflichtung zu regelmäßigen Terminen.

Haben Sie schon mal eine komplette Party organisiert mit Foodsharing?

Ja, in dem früheren Bezirk in dem ich tätig war. Da haben wir einmal im Jahr bei einem Festival Lebensmittel abgeholt. Und das waren unglaubliche Mengen, die am Ende übriggeblieben sind. Da haben wir immer einen Tag später zu einem großen Foodsharing-Fest eingeladen und die ganzen Reste in einer großen Gruppe verkocht. Das war immer sehr schön.

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Gibt es eine gewisse Hemmschwelle bei den Leuten, wirklich etwas umsonst mitzunehmen?

Bei den meisten Leuten besteht eine Hemmschwelle, ja. Oft müssen wir am Anfang die Leute überreden, die Sachen auch wirklich mitzunehmen, weil es ein komisches Gefühl ist, etwas umsonst zu bekommen. Da denkt man immer gleich „es muss einen Haken geben“. Doch wir leben in einer Überflussgesellschaft, da bleiben täglich massenhaft Lebensmittel übrig, die bedenkenlos verzehrt werden können.

Sie laden am 21. Oktober um 19 Uhr ins JUZ Tiengen ein zu einem Foodsharing Stammtisch. Was erwartet mich da?

Es ist ein Treffen, offen für alle die Lust haben, Foodsharing kennenzulernen, die sich für Lebensmittelverschwendung interessierten und die gerne aktiv werden wollen. Egal in welcher Art und Weise. Wir wollen eine Plattform für ein Vernetzungstreffen kreieren und uns in entspannter Atmosphäre austauschen. Fragen aller Art werden beantwortet und wir wollen an dem Treffen ein wenig Pläne schmieden für künftige Aktionen, Aktivitäten und was so alles ansteht. Und wir bringen natürlich gerettete Lebensmittel mit, die gerne mitgenommen werden dürfen.