Frau Harmel, welche Idee steckt hinter dem Projekt Wohnwerkstatt?

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben wir immer mal wieder drüber gesprochen, wie wir uns das Wohnen in der Zukunft vorstellen. Egal, wen ich gefragt habe, ganz viele Leute sagen dann, mal schauen, vielleicht eine Wohngemeinschaft. Aber niemand hat eine konkrete Idee. Wir haben dann irgendwann im Bekanntenkreis gesagt, dass es gut wäre, darüber nachzudenken. Ich war einmal bei einem Vortrag des Vereins Wohnvision in der Waldshuter Gartenstraße und da sagte jemand: „Vielleicht ist es zu früh, jetzt darüber nachzudenken, aber wenn wir in dem Alter sind, wo wir es brauchen, dann sind wir zu alt, um darüber nachzudenken.“ Und das hat mich überzeugt. Deshalb denken wir jetzt darüber nach. Es hängt ja noch mehr als nur Wohnen dran, es ist ja das ganze Leben.

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Gibt es schon konkrete Pläne?

Nein, wir sind gerade in der Findungsphase, deshalb gibt es jetzt drei Workshops, in denen Ideen entwickelt werden sollen. Wir hoffen, dass möglichst viele Interessierte zu den Workshops kommen und ihre Ideen mitbringen. Denn viele Köpfe denken mehr als einer.

Und jeder soll sich einbringen?

Ja, es geht um das Gemeinsam-Denken, denn das ist es ja schließlich auch, was uns treibt.

Wie viele Menschen sind bei der Initiative Wohnwerkstatt derzeit dabei?

Derzeit sind wir zu acht, manchmal auch zu zehnt. Dabei sind mehrere Altersgruppen abgedeckt, etwa von 40 bis 70 Jahre. Aber wenn wir etwas entwickeln wollen, müssen wir mehr sein. Das Projekt in der Gartenstraße ist schön, aber wir wissen eben noch nicht genau, was wir wollen. Deshalb sind unsere Veranstaltungen Workshops, in denen wir in kleinen Gruppen verschieden Fragen beantworten, und uns immer wieder anders zusammensetzten, sodass sich möglichst viele Leute untereinander austauschen können.

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Haben Sie sich schon Projekte in anderen Städten oder Gemeinden angeschaut?

Ja, zum Beispiel die Kalkbreite in Zürich. Dabei handelt es sich um ein Wohnprojekt mit unterschiedlichsten Gruppen, von Singles über Familien, die dort gemeinsam wohnen und auch leben. Es gibt dort größere und kleinere Wohnungen, aber auch viele Gemeinschaftsräume. Ich kenne auch eine Familie in Basel, die in einer Clusterwohnung lebt, in der es eine große Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftswohnzimmer gibt. Dennoch hat jeder seine eigene kleine Wohneinheit.

Welches Wohnmodell könnten Sie sich persönlich vorstellen?

Ich könnte mir vorstellen, irgendwann in einer größeren Einheit mit Familien, Paaren und Singles zu leben. Aber mir ist es wichtig, eine eigene kleine Wohnung zu haben. Ich war einmal in Zürich im Kraftwerk. Dort gibt es eine genossenschaftlich organisierte Wohngruppe. Die hatten ein Motto: Mehr Nachbarschaft wagen. Das hat mir unheimlich gut gefallen. Und darum geht es mir – um mehr Nachbarschaft. Es geht um Solidarität, auch mal jemandem die Milch aus der Stadt mitzubringen. Es geht um Verantwortung, denn wir leben nicht allein. Ich freue mich ja auch, wenn mich jemand unterstützt.

Warum klappt das gemeinschaftliche Wohnen denn nicht in der Nachbarschaft?

Ich glaube, dass das in vielen Nachbarschaften funktioniert. Wenn ich mir aber beispielsweise einen Wohnblock anschaue, dann ist die Nachbarschaft dort zufällig. Was ich mir vorstelle, ist eine geplante Nachbarschaft, in der man die Leute kennt und jeder ist für jeden ansprechbar. Und das ist dann von Anfang an klar.

Gab es in ihrem Umfeld einen Fall, der Sie dazu gebracht hat, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen?

Was ich immer wieder sehe, sind Eltern, die älter werden und deren Kinder nicht mehr zu Hause leben. Das Konstrukt, das darauf ausgerichtet ist, wir schaffen das zu zweit, bricht auseinander, wenn beispielsweise einer stirbt. Dann funktioniert das nicht mehr. Und Heime oder Einrichtungen für betreutes Wohnen haben in der Regel immer eine sehr lange Warteliste. Wichtig ist es, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, denn niemand weiß, was auf einen zukommt.

An wen soll sich ihr Wohnprojekt richten?

Es gibt keine Grenzen, weder beim Geschlecht, Alter, Religion, akademischen Grad oder Herkunft. Wir sind für alles und jeden offen.

Fragen: Susann Duygu-D‘Souza

Die Workshops: 7. November, 19.30 Uhr, Gemeindehalle in Unterlauchringen, 13. November, 19.30 Uhr, im Dietrich Bonhoeffer Haus, Kadelburg, oder 5. Dezember, 19.30 Uhr, Stoll Vita Stiftung Waldshut. Weitere Informationen im Internet (www.wohnwerkstatt.org).

Zur Person

Beate Harmel ist in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen und lebt seit 1982 in Waldshut. Die 61-Jährige hat drei Kinder. Sie studierte Innenarchitektur, hat sich aber vor über zehn Jahren selbstständig gemacht und gibt Kurse in „Kommunikation auf Augenhöhe“ im pädagogischen und sozialen Umfeld. Zu ihren Hobbys zählt sie Lesen und Wandern.