Begleitet von Protesten aus Umweltschutzverbänden und der Politik ist nach drei Jahren Zwangspause der Reaktorblock 1 des Schweizer Atomkraftwerks Beznau wieder hochgefahren worden. Damit sind beide Atommeiler, die zu den ältesten der Welt gehören und 20 Autominuten von Waldshut entfernt stehen, wieder in Betrieb. Reaktorblock 2 war von den Problemen mit den Aluminiumoxid-Einschlüssen nicht betroffen.

  1. .Seit wann ist der Reaktor wieder am Netz? Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) hatte bereits Anfang März erklärt, dass gegen eine Wiederinbetriebnahme des Reaktorblocks 1 keine Bedenken bestünden. Am Montag nun hat die Atomaufsichtsbehörde die formale Freigabe zum Wiederanfahren erteilt. Am Tag darauf informierte die Betreibergesellschaft Axpo darüber, dass der Reaktor wieder in Betrieb genommen worden sei.
  2. .Was war der Grund für den Stillstand? Seit dem 15. März 2015 war der aus dem Jahr 1969 stammende Reaktorblock auf der Aareinsel abgeschaltet gewesen. Grund dafür waren Auffälligkeiten am Stahl des Reaktordruckbehälters. Wegen der fehlerhaften Materialstellen, bei denen es sich um rund 925 jeweils fünf bis sechs Millimeter große Aluminiumoxid-Einschlüsse handeln soll, musste Axpo auf Anordnung der Atomaufsichtsbehörde umfangreiche Überprüfungen einleiten.
  3. .Wie wurden die möglichen Risiken überprüft? Laut Ensi wurde eine Kopie von dem hauptsächlich betroffenen Bereich des Reaktorbehälters angefertigt. Das Referenzteil sei nach dem gleichen Herstellungsverfahren produziert worden wie das Original-Gegenstück in den 60er-Jahren. Bei der Beurteilung der Untersuchungsergebnisse wurde das Ensi laut eigener Mitteilung von einem internationalen Expertengremium unterstützt. Dessen Leiter erklärte in einem vom Ensi veröffentlichten Interview unter anderem: „Die Materialprüfung hat gezeigt, dass diese Einschlüsse keinen Einfluss auf die wesentlichen Werkstoffeigenschaften haben. Die Analyse der Strukturintegrität zeigt, dass der Reaktordruckbehälter keine Fehler enthält, die zu einem Versagen des Druckbehälters führen könnten.“
  4. .Was sagen Kritiker? Bereits nach der Ensi-Erklärung Anfang März, wonach gegen ein Wiederanfahren keine Bedenken bestünden, hatten deutsche Politiker Kritik geäußert. Die grüne Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit im Bundestag, erneuerte jetzt in einer Stellungnahme gegenüber dieser Zeitung ihre Forderung: „Ein unverantwortliches Spiel mit dem Risiko – auf Kosten der Sicherheit von Millionen Menschen in der Schweiz und in Deutschland. Beznau muss endlich abgeschaltet werden.“ In einer früheren Mitteilung hatte die Abgeordnete erklärt, dass der lange Stillstand des Reaktors „ganz neue Probleme wie das verschärfte Fortschreiten von Alterungsmechanismen“ mit sich gebracht habe.
  5. .Was sagt die Atomaufsichtsbehörde zum langen Stillstand? Die Behörde hat auch in dieser Hinsicht keine Bedenken und erklärte in einer Medienmitteilung: „Das ENSI und der Schweizerische Verein für technische Inspektionen (SVTI) führten während des gesamten Stillstands regelmäßige Inspektionen zu den Instandhaltungs- und Wartungsarbeiten durch. Vor dem Wiederanfahren überzeugten sich die Fachleute des ENSI und die Experten des SVTI davon, dass sich der Block 1 in einem guten Zustand befindet. Es bestehen somit keine Einwände gegen den sicheren Weiterbetrieb des Blocks 1.“
  6. .Wie reagierten Umweltverbände? Gegen das Wiederanfahren protestierte gestern die Waldshuter Bürgerinitiative Zukunft ohne Atom (ZoA). Sprecherin Monika Hermann-Schiel zu dem Prüfverfahren mit einem Stahl-Vergleichsteil: „Allerdings war dieses Musterstück nicht über 45 Jahre lang höchster radioaktiver Strahlung ausgesetzt.“ Unter diesen Umständen könne nicht nachgewiesen werden, ob der Reaktordruckbehälter wirklich allen Sicherheitsanforderungen genügt. Kritik kam auch vom Regionalverband des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Geschäftsführer Axel Mayer: „Die Schweizer Atomlobby hat aus den Katastrophen von Fukushima und Tschernobyl nichts gelernt.“