Wenn die Bürgermeister und Altbürgermeister von Bernau, St. Blasien, Bonndorf, Dachsberg, Grafenhausen, Häusern, Höchenschwand, Ibach und Todtmoos und der Landrat vom Kreis Waldshut in jüngster Zeit zusammenkommen, stehen keine kommunalpolitischen Sitzungen an, sondern Sprechproben für das Freilichttheater vor den Stufen des St. Blasier Doms. Schon im Vorjahr traf sich eine prominente Probenrunde zu ersten Leseproben. Die Lokalpolitiker sind, ebenso wie eine Ex-Bundestagsabgeordnete, geistliche Würdenträger, Schulleiter und der Chef der Rothaus-Brauerei, Mitwirkende der vom 15. bis 19. August stattfindenden Jubiläums-Domfestspiele.

Die illustre Darstellerriege befasst sich in dem aktuellen Theaterstück "Die Säulen der Hoffnung" als Architekten, Baumeister und Stuckateure mit den Plänen von Fürstabt Martin Gerbert, nach der verheerenden Brandkatastrophe von 1768 das Kloster auf den Grundmauern der Brandruine wieder aufzubauen und den Kuppeldom im klassizistischen Stil mit Säulen – als neues Meisterwerk der Baukunst – zu errichten. Aber nicht nur diese eindrückliche Szene, vor allem in dieser Besetzung, verspricht spannend zu werden. Das ganze Stück setzt sich ideengeschichtlich anhand des Infernos mit den historischen Ereignissen in dramatischen und theatralischen Spielszenen auseinander und zeigt Stationen im Leben des bedeutenden Fürstabts.

Dieses Stationentheater ist aber kein frömmelndes Mysterienspiel, kein Oberammergauer Passionsspiel und kein Bühnenweihfestspiel. Vielmehr hat Autor Wolfgang Endres, der jetzt zum vierten Mal Regie führt, ein christliches Historienspiel entwickelt, bei dem der Zuschauer in die Zeit zurückversetzt wird, als der fünfjährige Martin Gerbert – der natürlich nicht als Fürstabt geboren wurde – ein einschneidendes Kindheitserlebnis hat: die Feuersbrunst in seiner Heimatstadt Horb. Das Stück erzählt aber auch vom mutigen, weitsichtigen und geradezu visionären Handeln Gerberts und schlägt, während die Jahreszahlen im Sekundentakt weiterticken, den Bogen in die Zukunft bis ins Jahr 2025.

Mehr als 250 Menschen aus der gesamten Bevölkerung und allen Berufsgruppen sowie Kinder und Jugendliche sind an dem Gemeinschaftsprojekt beteiligt, 50 Schauspieler und Schauspielerinnen treten in Einzelrollen auf. Neben den Sprechrollen werden 200 Mitwirkende die Gruppenszenen mitgestalten: Festspielchor, Tanzgruppen, Soldaten, Mönche, Nonnen, Bauernkinder, dazu noch Pestvögel, die Angst und Konfusion verbreiten. Heutige Jugendliche, die das mysteriöse Geschehen verfolgen, googeln mit ihren Smartphones den Seher und Pestarzt Nostradamus und die Mystikerin Hildegard von Bingen, die als Video bildhaft herausgestellt werden. Moderne Technik ist in die Inszenierung integriert und ersetzt Teile der Kulisse. Eine Besonderheit ist die Großbildprojektion einer Feuer-Illumination, die spektakuläre Bilder auf die Fassade des Doms wirft, zu dessen Zerstörung eine Feuertanzgruppe von 20 Tänzerinnen in feuerroten Kostümen agiert.

Gleich vierfach besetzt ist die Hauptrolle des Fürstabts. Der Darsteller des jugendlichen Martin Gerbert kommt tatsächlich aus Horb, "eine schöne Fügung", so Wolfgang Endres. Der Jesuit Klaus Mertes, seit 2011 St. Blasier Kollegsdirektor, verkörpert die tragende Rolle des 40-jährigen Gerbert "auf der Höhe seiner Fürstabtlichkeit". Nach dem Brand der alten Klostermauern wird er in kollektiver Depression zum Fürstabt gewählt und entwickelt die Vision für den neuen Dom – zum Teil gegen massiven Widerstand im eigenen Kloster. In der Hauptszene wird über verschiedene Positionen und die Finanzierung debattiert. Mertes fühlt sich "sehr geehrt", dass man ihm die Rolle angetragen hat, sie macht ihm "großen Spaß", das Kostüm passe perfekt. Und wie fühlt sich der Pater als Fürstabt? Er lacht: "Erhaben! Oder sagen wir: erhoben". Mertes, der schon als Schüler gern Theater gespielt hat, macht zum ersten Mal bei den Domfestspielen mit; bei den letzten beiden Ausgaben war er als Zuschauer dabei. Für ihn besteht das Besondere der Inszenierung darin, dass sie die Handlung mit starken, großen Bildern verknüpfe. Das sei die kompositorische Leistung von Wolfgang Endres. Man dürfe aber nicht erwarten, ein erzählerisch geschlossenes Drama mit einer Story zu erleben. Es sei eher eine Abfolge von Bildern, die innerlich zusammenhängen. Dass noch die Weltuntergangsvisionen von Nostradamus hinein verwoben sind, findet Pater Mertes großartig. "Den Nostradamus hätte ich auch sehr gerne gespielt", sagt er lachend, "der würde vielleicht meinem Wesen, das ja eigentlich des Fürstabts unwürdig ist, mehr entsprechen."

Thomas Mutter, Bürgermeister-Stellvertreter von St. Blasien, gibt den alten Fürstabt, der 1793 mit 73 Jahren im Kloster stirbt. In dieser letzten Phase teilt der schwerkranke Gerbert den Mitbrüdern eine Botschaft mit – eine Art geistliches Testament. Darsteller Mutter hat in diesem kurzen Sterbensabschnitt wichtige Sätze zu sprechen, in denen der Fürstabt den Menschen ins Gewissen redet, was im Leben wichtig ist: nicht die Bauten und der Reichtum, sondern die Barmherzigkeit. Es habe sich immer als gut erwiesen, sagt der langjährige Akteur Mutter, dass Bürgermeister der Raumschaft bei den Spielen mitmachen. Dies dürfte auch die Absicht von Regisseur Wolfgang Endres sein, Leute ins Spiel einzubeziehen, die man in der Bevölkerung kennt und die einen gewissen Namen haben. Das gebe den Festspielen Auftrieb und Aufwertung und führe dazu, dass aus den Gemeinden Besucher kämen, die ihre Bürgermeister sehen wollten. Mutter, der bei fast allen Aufführungen mitgewirkt und die Rolle des Fürstabts schon zwei Mal, 1993 und 2007, verkörpert hat, sieht dieses Jahr einen "Quantensprung": "Was wir an technischem Fortschritt in der Videotechnik haben, dürfte großartig werden".

Mit dem Amt des Bürgermeisters der Domstadt ist auch die Intendanz der Festspiele verbunden. Adrian Probst konnte bereits bei drei Domfestspielen als Mitspieler Erfahrungen sammeln. Er mimt den Baumeister Christoph von Roth, der aus seinem Gasthaus "Zum roten Haus" die Rothausbrauerei machen will. Probst findet es "unheimlich spannend", dass das Stück zwei Dinge miteinander verbindet: Freilichttheater mit inhaltlich hohem Anspruch und eine verständliche Inszenierung für die annähernd 2000 Zuschauer pro Abend. Dass die Bevölkerung und die ganze Region aktiviert wird, gefällt dem Rathauschef besonders. Auch hält er die Lichtprojektionen, die 2018 im Fokus stehen und den Dom zu einer "gigantischen Leinwand" machen, für höchst effektvoll.

Landrat Martin Kistler hat auf die Anfrage aus St. Blasien "gerne ja gesagt" und war "gleich gefesselt". Schließlich ist Theater schon immer ein Hobby von ihm und es ist kein Geheimnis, dass er in seiner Heimatgemeinde Dogern an diversen Theateraufführungen mitgewirkt hat. Bei den Domfestspielen stellt Kistler den Architekten Michel d' Ixnard, einen interessanten Charakter, dar. Die Baumeisterszene biete für die "Kollegen Bürgermeister" genügend Raum zur Ausgestaltung, zeigt sich Kistler begeistert von dem, was hier auf die Beine gestellt wird. Das Gemeinschaftsgefühl, das da entstehe, so der theateraffine Landrat, sei fantastisch, und er ist überzeugt, dass die Stadt St. Blasien, der Landkreis und die Region davon nachhaltig profitieren werden.

In den letzten 25 Jahren scheint das Schicksal der Festspielidee wohl gesonnen, vor allem auch wegen dem schlüssigen Konzept, Laiendarsteller aus St. Blasien und der Umgebung einzubinden und Themen aus der reichen und farbigen Kloster- und Stadtgeschichte aufzuarbeiten. Wolfgang Endres hat als Hausregisseur erfolgreich Theatergeschichte geschrieben, die Festspiele den gesellschaftlichen und technischen Veränderungen angepasst und neue Elemente in die Inszenierungen hineingebracht. 2002 gab es zum ersten Mal den Versuch, aus dem geschichtlichen Kern auszubrechen und sich mit zwei großen Gestalten St. Blasiens auseinanderzusetzen: Blasius, dem Patron des Orts, der aus der Türkei stammt, und dem Jesuiten und Widerstandskämpfer Alfred Delp. Der Titel jenes Stücks "Licht vom Orient" hatte doppelte Bedeutung: als Licht der Hoffnung und als Licht des Glaubens. So wie jetzt "Die Säulen der Hoffnung" nicht aus Stein und festgemauert zu verstehen sind, sondern als Sinnbild.

Die Entwicklung

Die Erfolgsserie der Domfestspiele St. Blasien, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiern, begann 1993 mit dem Stück "Spiel vom Dom", gefolgt von "Land am Dom" (1997), beides aus der Feder des St. Blasier Heimatforschers und Ehrenbürgers Bernhard Steinert. "Licht vom Orient", die Geschichte des Kirchen- und Stadtpatrons Blasius, von Niklaus Stöckli wurde 2002 aufgeführt. "Kloster in Flammen" (2007) war der gewagte, aber gelungene Versuch einer Zeit- und Literaturcollage in 17 Szenen von Wolfgang Endres. "Sturm am Dom" (2013) von Endres thematisierte die Ereignissen zwischen dem Dombrand 1874 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Aber eigentlich begannen die Festspiele vor der Säulenkulisse der Kuppelkirche schon viel früher, vor über 90 Jahren. 1926 wurde auf den Domtreppen der berühmte "Jedermann" aufgeführt. 1946 flammte mit Steinerts Festspiel "Ein Gottestag" zur Tausendjahrfeier das Projekt Domfestspiele wieder auf. Von 1952 bis 1956 versuchte St. Blasien mit Theaterstücken der Weltliteratur und Prominenten von Bühne und Film den Freilichtspielen Leben und Dauer zu verleihen. Doch erst vier Jahrzehnte später keimte der Festspielgedanke erneut und blüht bis heute. Für Endres neues Historienspiel "Die Säulen der Hoffnung" laufen die Proben.

Termine: 15. bis 19. August, Beginn: 21 Uhr. Vorverkauf: Tourist-Information St. Blasien, Telefon 07652/12 06 85 50.