Soll in Lörrach wie in vielen anderen Städten mit sogenannten Stolpersteinen im Boden an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden? Diese Frage wurde am Mittwoch kontrovers und emotional diskutiert. Nachdem im Dezember die Israelitische Kultusgemeinde den Weg für Stolpersteine in Lörrach frei gemacht hatte, hat nun Markus Hofmann als Sprecher einer Initiative ihre Ideen vorgestellt.

Nachhaltige Botschaft

Etwa 30 Interessierte, darunter viele Stadträte, kamen zu der Veranstaltung am Mittwoch. Markus Hofmann, der die selbst ins Leben gerufene Initiative für Stolpersteine in Lörrach maßgeblich vorantreibt, sagte, in der Gedenkform der Stolpersteine würden die Opfer wieder zu Personen. „Das ist eine Botschaft, die nachhaltig wirkt.“ Er habe einen persönlichen Bezug zu dem Kunstprojekt, das es in vielen deutschen Städten gibt. Es sei „tragisch, wenn Lörrach meint, es wäre schlauer“. Er könne nicht nachvollziehen, wieso das Projekt so lange blockiert worden sei und sehe jetzt auch eine politische Dringlichkeit. Natürlich werde es noch zwei oder drei Jahre dauern, bis die ersten Steine verlegt werden könnten, weil die Namen nachrecherchiert und Nachkommen ausfindig gemacht und kontaktiert werden müssten.

Landesrabbiner Moshe Flomenmann räumte frühere Bedenken der Israelitischen Kultusgemeinde an dem Projekt aus. Die Stolpersteine böten eine gute Ergänzung zur allgemeinen Erinnerungskultur in Lörrach.

„Man tritt nicht mit Füßen auf Tote“

Mit dem dritten Redner an diesem Abend, Markus Moehring, Leiter des Dreiländermuseums, zeigten sich die Schwierigkeiten des Themas. Moehring sagte, er arbeite seit 30 Jahren an der Erinnerungskultur in Lörrach und sei ursprünglich von den Stolpersteinen begeistert gewesen. Doch er habe seine Meinung geändert, aus verschiedenen Gründen. „Man tritt nicht mit Füßen auf Tote“, so ein Kritikpunkt. Zudem reduzierten die Steine die Menschen auf ihre Ermordung. Nicht zuletzt störe ihn, dass die Rechte beim Künstler liegen, was in anderen Städten schon zu Konflikten führte.

Von den Zuhörern kamen viele Rückfragen, vor allem nach der konkreten Ausgestaltung der Steine, ob etwa auch andere Opfergruppen neben den Juden mit einbezogen werden sollten oder wie viele Steine angedacht seien. Darauf hatte Hofmann noch keine konkreten Antworten.

Thema wird rege diskutiert

Eine Vielzahl an Besuchern äußerte sich kontrovers zum Thema. Margarete Kurfeß (Grüne) wehrte sich gegen die Vorwürfe, die Stadt habe Stolpersteine blockiert. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Christoph Hoffmann begrüßte die Initiative und sagte, es sei wichtig, ein Zeichen gegen die AfD und gegen Sympathien für autokratische Systeme zu setzen. Thomas Eßer, ehemaliger Geschichtslehrer am Hans-Thoma-Gymnasium, meinte, die Jugendlichen bräuchten „ganz dringend“ eine sichtbare Form des Erinnerns, weil sie oft kaum etwas aus der NS-Zeit wüssten. So beschrieb auch Jonas Hoffmann von der SPD es als Aufgabe der Jüngeren, nachzufragen und sich zu erinnern – und Stolpersteine seien eine Chance dazu. „Wenn sie in das gesamte Gedenken passen, dann gehören sie da auch hin“, sagte er.

Gesamtkonzept notwendig

Letztlich wurde deutlich, dass ein Konzept für Stolpersteine im Kontext der gesamten Erinnerungskultur in Lörrach stehen soll. Darauf wies vor allem Hubert Bernnat hin, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD und früher ebenfalls Geschichtslehrer. Die Initiative für Stolpersteine und die Erinnerungskultur seien in einen Wettlauf gegeneinander geraten, dabei gehe es doch gerade um Versöhnung. „Wir brauchen einen Konsens und ein Gesamtkonzept“, sagte Bernnat, warnte aber vor vorschnellen Entscheidungen, da viele Fragen noch offen seien. Sowohl Moshe Flomenmann als auch Markus Hofmann sahen die Stolpersteine als kompatibel mit anderen Erinnerungsformen, etwa Rundwegen durch die Stadt. Markus Moehring ergänzte im Hinblick auf die Erinnerungskultur: „Es geht nicht um die Frage ob Ja oder Nein, sondern um die Frage Wie.“

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