Die Kultschüür ist seit Samstag ein Gerichtsaal: Das Theater Wiwa begibt sich mit dem Psychothriller „Vier scharfe Richterinnen“ in juristisches Gelände. Die Leistung der Schauspieler an der Premiere war formidabel, das Publikum war begeistert. Es muss der Albtraum eines Mannes sein: Ein vermeintlich amouröses Techtelmechtel endet nicht im Bett, sondern in Handschellen auf einem mit Stromkabeln verbundenen Stuhl. Davor stellen sich vier Frauen in roten Roben auf und führen eine Verhandlung wegen eines Todesfalls, von dem niemand genau weiss, wie er sich ereignet hat.

Roland Dinkel als Casanova

Auch der von Roland Dinkel köstlich gespielte Casanova, dem aus heiterem Himmel eine Anklage unter die Nase gehalten wird, weiss nicht, wie ihm geschieht. Die Frauen in den roten Roben sind die vier Richterinnen, deren Schärfe im Titel des Stücks auf ihre Konsequenz zurückzuführen ist – eine Konsequenz, die in zwei Sätzen und einer Frage in wenigen Sekunden formuliert ist. „Du stehst vor Gericht“, erklärt eine Richterin. Der Casanova, ungläubig: „Was wollt ihr?“ Die Antwort: „Dein Leben!“

Bissige Parodie

Auch wenn zwischendurch gelacht werden kann, ist das vom britischen Dramaturgen Leslie Darbon geschriebene Stück (Originaltitel: „Time to kill“) eine bissige Parodie auf die gutbürgerliche Gesellschaft. „Vier scharfe Richterinnen“ weist Parallelen mit Friedrich Dürrenmatts „Die Panne“ auf. Auch dort wird eine Gerichtsverhandlung wie ein Spiel inszeniert, auch dort gerät die moralische Verwerflichkeit ins Rampenlicht. Der Unterschied: In „Die Panne“ ist ein Männerstück, wogegen in „Vier scharfe Richterinnen“ die Frauen in der Mehrzahl sind und die Oberhand haben. Die zwei Männer – Roland Dinkel und Mario Geng – bilden zwar eine solidarische Gemeinschaft, die jedoch sehr brüchig ist.

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Auch die Frauen sind sich in ihrer Vorgehensweise nicht immer einig, was dem Stück eine extra Portion Brisanz verleiht. Der Fall ist sehr komplex und kommt mit etlichen Überraschungen um die Ecke, wodurch die zweistündige Aufführung trotz ihrer Textlastigkeit bis zur letzten Minute spannend ist. Diese Spannung bauen die Schauspieler wie eine klare Brühe auf: von kalt auf heiss in kurzer Zeit und dann leicht köcheln lassen.

Volles Haus und kräftiger Applaus

Katrin Müller-Lorch, Barbara Blatter, Christel Imhof und Katharina Theurer (im Wechsel mit Brigitte Vogel) überzeugen als die vier Richterinnen mit Kompetenz, energischem Auftreten, Witz und, wo geboten, Zurückhaltung. Wenn eine von ihnen sagt „Das hier ist kein Spiel“, kann man(n) froh sein, nicht selbst an den Stuhl gekettet zu sein. Unter der Regie von Mario Geng und Anja Grimbichler macht das Theater Wiwa wieder einmal klar: Vergleichbares muss erst einmal gesucht werden. Der Lohn für die erste von acht Aufführungen waren ein volles Haus und kräftiger Applaus.