Einrichtungen, die sich ausschließlich der Kultur verschrieben haben, sind am Hochrhein eine Seltenheit. Im schweizerischen Laufenburg betreibt ein Verein eine solche Einrichtung: die Kultschüür. Die Stadt Laufenburg hat einen zwiespältigen Ruf. Einerseits wird sie wegen ihrer idyllischen Altstadt bewundert und geschätzt, andererseits aber genau deswegen auch kritisch betrachtet. So hat der Schweizer Journalist Benjamin von Wyl neulich in einem Essay im Aargauer Kulturmagazin Laufenburg mit einer „Kulisse“ verglichen und abschließend erklärt: „Eine Kulisse ist tot.“

Die Stadt bleibt lebendig

Sauber recherchiert hat er nicht, sonst wären ihm vier Einrichtungen, die das Image der Schweizer Altstadt ordentlich aufmöbeln, aufgefallen: das Rehmann-Museum, das Museum Schiff, das Sprachpanorama und eben die Kultschüür. Alle vier Einrichtungen sind auf private Initiative, in Form von Vereinen oder Stiftungen, entstanden und führen die Kultur in ihrer ganzen Vielfalt vor – ein Glücksfall für eine Region, die dadurch mehr ist als „nur“ ein gut geölter Wirtschaftsstandort und der sich abseits der großen Zentren in kultureller Hinsicht blicken lassen kann.

Die Geschichte des Hauses

Die Kultschüür befindet sich in einem Gebäude mitten in der Laufenburger Altstadt auf Schweizer Seite bei einem historischen Brunnen im „Hinteren Wasen“. Das Haus mit der Nummer 48 wurde 1711 erbaut. Im Jahr 2001 erfolgte ein sanfter Umbau der Liegenschaft durch die Besitzerfamilie Kurt Weiss. Fortan wurden die Räume unter dem Namen „Schüüre“ für Kurse und kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Umbenennung

2003 kehrte ein neuer Wind ein, als das Theater Wiwa unter der Leitung des Theaterpädagogen Martin Willi einzog. Das Theater hat mittlerweile ungefähr 30 Produktionen auf die Beine gestellt. Elf Jahre später, am 1. Januar 2014, übernahm das Theater Wiwa die Lokalität als alleiniger Mieter. Die Einrichtung und der Verein wurden mit diesem Datum auf den Namen „Kultschüür Laufenburg“ umbenannt. „Das Wort beinhaltet einerseits die Kultur, die weiterhin einen großen Stellenwert haben wird, andererseits den bisherigen Namen der Schüüre, der sich bereits etabliert hat“, erklärt Martin Willi, seither auch als Betriebsleiter im Dienst. Die Kultschüür, so die Absicht des gleichnamigen Vereins, „soll zu einem Daheim für regionale Kulturschaffende werden“.

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Martin Willi erklärt weiter: „Wir streben an, die Kultschüür zu einem nicht mehr wegzudenkenden Nischenprodukt in den Bereichen Theater, Literatur, Kunst und Musik werden zu lassen.“ Die Kultschüür setzt somit ein dickes Ausrufezeichen in der regionalen Kulturszene. Finanziell nicht auf Rosen gebettet, hat die vom gleichnamigen Verein geführte Kultschüür dennoch seit Jahren etliche hochkarätige Anlässe mit bekannten und regionalen Kunstschaffenden nach „zum Teil sehr langen Verhandlungen“ (Willi) zu bieten.

Neuerdings auch Kino

Seit Kurzem wirkt die Kultschüür sogar als Kino im Kleinformat unter der Bezeichnung „Club de Cinema“. „Wir zeigen in loser Folge Filme“, erklärt Betriebsleiter Martin Willi. Er und seine Mitstreiter streben für die Kultschüür ein Jahresprogramm an, das beidseits des Rheins von Interesse ist. Ein fester Bestandteil des Programms sind außerdem die Produktionen des Theaters Wiwa. Dieses setzt sich zum Ziel, Produktionen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu organisieren. Ebenso sollen Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung integriert werden.

Die Finanzierung

Die Mittel des Vereins bestehen einerseits aus den Mitgliederbeiträgen, die jährlich mindestens 50 Franken betragen. Andererseits aus projektbezogenen Sponsorings, Förderbeiträgen von Behörden und Stiftungen, Gönnerbeiträgen, Einnahmen aus dem Veranstaltungsbetrieb und sonstigen Einnahmen. Die gesamten finanziellen Mittel des Vereins werden ausschließlich für die Projekte der Kultschüür und des Theaters Wiwa verwendet.

Besondere Zusammensetzung

Eine Besonderheit des Theaters ist die Zusammensetzung des aktuellen Ensembles: Es besteht aus Schauspielern von beiden Seiten des Rheins. Mario Geng zum Beispiel lebt in Lauchringen und hat neben einem Engagement im Theater Wiwa auch eines im Laientheater Zurzach (Latz), wo er im Vorstand als Kassierer tätig ist. Melanie Emmerich, Christel Imhof, Katharina Theurer und Brigitte Vogel – auch sie leben auf deutscher Seite des Rheins – sind bekannt von Produktionen im Ali Theater in Tiengen.

Häufig ausverkauft

Zurzeit sind nur drei in der Schweiz lebende Schauspieler im Theater Wiwa aktiv: Lukas Bannier, Steffen Ehrhardt und Jürg Wiss. In der aktuellen Produktion, bestehend aus dem Kriminalklassiker „Plötzlich und unerwartet“ von Francis Durbridge, hat Regisseur Martin Willi bei der Besetzung also auf ein erfahrenes Team gesetzt. Was sich auszahlt, denn die Aufführungen sind, mit rund 50 Sitzplätzen, häufig ausverkauft.

Schauspieler sprechen Dialekt

Für das Stück „Plötzlich und unerwartet“ hat Willi sich entschieden, „weil es ein Stück ist, das ich schon lange im Kopf hatte“. Was es heraushebt und trotz der Leichen sympathisch macht: Anders als in früheren Produktionen sprechen die Schauspieler die Texte in der ihnen eigenen Sprache. So kommt es, dass Hochdeutsch zu hören ist, ebenso Schweizerdeutsch und Badisch, wie es im süddeutschen Raum gesprochen wird.

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Damit unterstreicht das Theater Wiwa die Absicht, das Stück lokal und beidseits des Rheins spielen zu lassen. Im Original spielt „Plötzlich und unerwartet“ in London, „aber wir wollten das Stück hier in und um Laufenburg verorten“, erklärt Martin Willi. Den lokalen Bezug schafft das Stück dadurch, dass Ortsnamen wie Sulz, Rheinsulz, Laufenburg und Waldshut vorkommen. Man trifft sich im „Rebstock“ oder im „Kranz“, geht zum Frisör nach Albbruck und fährt Tram in Basel.