Frau Kaiser, aktuell liest man immer viel über die steigende Zahl der Kirchenaustritte. Wie empfinden Sie diese Entwicklung?

Das macht mir natürlich Sorgen. Ich glaube, dass vielen nicht klar ist, wie sehr unsere Gesellschaft und unser Leben durch das Christentum geprägt wird. Barmherzigkeit, Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit – all das sind Werte, die ein biblisches Fundament haben. Dazu kommt, was evangelischerseits die Reformation stark gemacht hat: die Gewissensfreiheit und die Annahme jedes einzelnen Menschen unabhängig von seiner Leistung. Wenn das Christentum schwindet, werden wir eines Tages in einer anderen Gesellschaft aufwachen. Jede Krise ist aber auch eine Chance. Es ist viel in Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche, strukturell und inhaltlich, um den christlichen Glauben ins Gespräch zu bringen. Wichtig für mich ist es, dass wir ein Christentum auf der Höhe der Zeit leben und im Gespräch mit den aktuellen Fragen des Lebens sind. Der christliche Glaube gibt dem Leben Sinn und Tiefe. Er lässt uns für die Gemeinschaft sorgen, in dem er Freiheit und Verantwortung miteinander verbindet und die unverfügbare Würde des Einzelnen unbedingt vertritt. Das tut uns allen gut! Deshalb freue ich mich über jedes Zeichen gegen den Austritts-Trend: wenn engagiert über den Glauben diskutiert wird, wenn Eltern ihre Kinder taufen lassen, wenn jemand an meiner Tür klingelt und wieder in die Kirche eintreten möchte.

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Sie engagieren sich mit Ihrer Kirchengemeinde stark für die Kinder- und Jugendarbeit. Ist, den Austritten entgegenzuwirken, mit ein Grund hierfür?

Es ist ein Kennzeichen der modernen Gesellschaft, dass die großen Institutionen und Verbände an Mitgliedern verlieren. Das geht nicht nur den Kirchen so. Man entscheidet sich heute bewusst, wo man dabei sein möchte und was man unterstützt und das ist gut so. Und ja, mit unserer Arbeit wollen wir unter anderem auch ein Ort sein, an dem besonders die nächste Generation mit ihren Fragen, Ansichten und ihrer Sinnsuche Raum findet. Das ist wichtig, denn Kinder und Jugendliche sind die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft. Kinder und Jugendliche sollen etwas anderes mit auf den Weg bekommen, als dass der Sinn des Lebens darin besteht, nur an sich selbst und an den eigenen Erfolg zu glauben. Wer nur auf sich alleine setzt, kann schnell verloren gehen und merkt, wie brüchig solche Lebenseinstellungen sind. Dietrich Bonhoeffer, den ich sehr schätze, sagte einmal: „Es gibt nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzustehen. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus, sei so etwas.“

Was genau wird alles von Ihrer Kirchengemeinde organisiert und welche Altersgruppen werden hier angesprochen?

Wir versuchen am Sonntag mit dem Gottesdienst für alle einen Ort des Auftankens und der Orientierung anzubieten und im Alltag sozialraumgestaltend unterwegs zu sein. Eine Kirchengemeinde lebt durch die Beteiligung ihrer Mitglieder. Wer sich einbringen möchte, ist willkommen. Traditionell organisieren wir unter dem Motto „Familien stärken“ vieles für das Leben mit Kindern von Anfang an, wie das Storchencafé, Eltern-Kind-Gruppen, der Natur- und Waldkindergarten, das Kinderbistro als gemeinsamer Mittagstisch von Jung und Alt, dazu kommen Begegnungs- und Bildungsangebote, Angebote für Jugendliche und Erwachsene. Vieles findet bei uns generationsübergreifend statt. Das macht es jetzt unter Corona-Bedingungen besonders schwierig für uns. Unsere große Sommerfreizeit für Jugendliche von zwölf bis 18 Jahren konnte nicht stattfinden. Dafür gibt es jetzt das Programm „#AugustohneFrust“ – lockere Angebote für den Sommer daheim.

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Aufgrund von Corona fällt in diesem Jahr das beliebte Familien-Open-Air aus.

Ja, das hat dieses Jahr vielen sehr gefehlt. Gemeinsam mit der Evangelischen Kirchengemeinde Klettgau und dem Verein Natur erleben Küssaberg haben wir alle geplanten Musik- und Kleinkunstgruppen auf nächstes Jahr verschoben. In der Corona-Zeit haben wir neben dem neuen Angebot der Online-Gottesdienste auch extra einen Online-Gottesdienst mit vielen Videos und Fotos von vergangenen Familien-Open-Airs produziert als Familien-Open-Air-Feeling für Zuhause. Man findet es auf unserem Youtube-Kanal: Bergkirche-Kadelburg.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit diesen Angeboten? Haben Kinder und Jugendlichen, die die Angebote nutzen, langfristig einen anderen Bezug zur Kirche?

Das erzählen mir zumindest junge Erwachsene, die zum Beispiel an den Sommerfreizeiten teilgenommen haben. Orte, an denen man willkommen war, wo man unter dem Sternenhimmel oder am Lagerfeuer über die großen Fragen des Lebens reden konnte, wo man tragfähige Antworten gehört und persönlich ermutigt wurde, wo man gute Gemeinschaft erfahren hat, die vergisst man nicht. Das sind Sternstunden. Es freut mich, dass junge Erwachsene, die jetzt irgendwo anders wohnen, auf das neue Format der Online-Gottesdienste positiv reagieren und sich verbunden fühlen. Damit Kinder und Jugendliche einen Bezug zur Kirche bekommen, braucht es in der Kirche eine Sprache, die auf der Höhe der Zeit ist und verstanden wird.

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Gibt es schon Pläne für zukünftige Projekte?

Zwei Projekte liegen mir für den Sommer 2021 am Herzen, die beide dieses Jahr aufgrund Corona ausgefallen sind: die große Sommerfreizeit für Jugendliche von zwölf bis 18 Jahren und die Reise für Jugendliche von 15 bis 25 Jahren nach Jordanien und Israel.

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