Rückenschmerzen, Durchfall oder auch nur ein leichter Sonnenbrand – echte Notfälle sind das nicht. Und doch finden sich immer mehr Patienten mit solchen Symptomen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. In Waldshut ist das nicht anders. „Die Anzahl der Patienten, die unsere Notaufnahme mit Bagatell-erkrankungen aufsuchen, ist in den vergangenen Jahren fortlaufend gestiegen – schätzungsweise um neun Prozent pro Jahr“, sagt Georg Picha, ärztlicher Direktor des Spitals Waldshut.

Klassiker der Bagatellerkrankungen sind Erkältungen, allgemeine Übelkeit oder auch Kopfschmerzen. Weit entfernt also von den Patienten, die sprichwörtlich mit dem Kopf unter dem Arm beim Arzt erscheinen. Ein Grund für die steigende Tendenz dürfte Bequemlichkeit sein. „Die Notaufnahme ist bei vielen Patienten zu einem Ersatz für den Haus- und Facharzt geworden, eine Art ambulantes Rundum-Paket. Alle wichtigen Fachabteilungen sind an einem Ort versammelt, das ist praktisch und spart die lange Wartezeit auf einen Termin bei einem Facharzt“, schildert Georg Picha.

Die Auswirkungen sind allerdings gravierend. Der Chefarzt am Spital Waldshut betont: „Darunter leiden die echten Notfälle, da die Notaufnahmen deutschlandweit verstopft sind.“ Es müsse klar gesagt werden, dass Patienten mit Bagatellerkrankungen die Kapazitäten für echte Notfälle schröpfen. Übervolle Wartezimmer, lange Wartezeiten und eine Mehrbelastung für Ärzte und Pflegepersonal in den Krankenhäusern seien die Folgen. Und auch Unzufriedenheit bei den Patienten – nicht selten äußerten sich diese durch Beschimpfungen und Anfeindungen gegen das Personal der Notaufnahme, so Picha.

Der Leiter der Notaufnahme, Norbert Ebner (rechts), mit einem Teil seines Teams: Gesundheits- und Krankenpfleger Stefanie Ziegler (links) und Jacob Hinze (vorne) und Stationshilfe Karsten Bollin. Bild: Julian Kares
Der Leiter der Notaufnahme, Norbert Ebner (rechts), mit einem Teil seines Teams: Gesundheits- und Krankenpfleger Stefanie Ziegler (links) und Jacob Hinze (vorne) und Stationshilfe Karsten Bollin. Bild: Julian Kares | Bild: Julian Kares

„Interessanterweise verzeichnen wir jedoch die meisten Beschwerden von jenen Patienten, die mit einer Bagatell-Erkrankung unsere Notaufnahme aufsuchen“, betont der ärztliche Direktor.

2017 wurden rund 15 000 Patienten in der Notaufnahme des Spitals behandelt. Pro Patient entstehen im Durchschnitt etwa 130 Euro Kosten – 40 Euro bekomme das Spital anschließend erstattet. Durch die Schließung des Spitals in Bad Säckingen Ende Dezember 2017 sei ein Zuwachs von rund 30 Prozent zu verzeichnen, erklärt der ärztliche Direktor: „Wir haben aus diesem Grund die Kapazitäten in der Notaufnahme aufgestockt und die Abläufe umstrukturiert.“

Um bei der Vielzahl der Patienten keine echten Notfälle zu übersehen, wird im Waldshuter Krankenhaus ein sogenanntes Triage-System angewandt. Dabei werden Patienten nach festen Kriterien in fünf Dringlichkeitsstufen, von der sofortigen Behandlung bis hin zu nicht dringend, eingestuft. „Wer Anzeichen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls zeigt, kommt sofort dran, wem die Nase läuft, der muss warten“, verdeutlich Georg Picha. Doch er betont auch: „Wir weisen grundsätzlich niemanden ab.“

Einem Gutachten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) zufolge ist etwa jeder dritte Patient in der Notaufnahme des Krankenhauses fehl am Platz. „Oftmals suchen uns diese Patienten freitagabends auf, da ihnen dann einfällt, dass sie ’ja mal noch zum Arzt gehen könnten’“, sagt Picha. Die richtige Anlaufstelle dieser Patienten, die sich schlecht fühlen und einen Arzt aufsuchen wollen, aber kein akuter Notfall sind, ist in der Regel der Haus- oder Facharzt, oder außerhalb der Sprechstunden der Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung. Dieser ist telefonisch unter der bundesweit einheitlichen Nummer 116 117 erreichbar. Eine Nummer, die laut Meinung vieler Experten nicht bekannt genug ist.

Bei allen nicht lebensbedrohlichen Beschwerden vermittelt die Servicenummer außerhalb der üblichen Praxis-Sprechstunden, also nachts, an Feiertagen oder Wochenenden, einen Bereitschaftsdienst. Die Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung, deren Bereitschaftsdienst von Ärzten aus der Region übernommen wird, befindet sich ebenfalls im Spital Waldshut, eine weitere in Schopfheim (Landkreis Lörrach). Auch für Rückenschmerzen, Übelkeit und Fieber kann das Spital also der richtige Anlaufpunkt sein – nur eben die Notfallpraxis im Erdgeschoss und nicht die Notaufnahme. Geöffnet ist der ärztliche Notfalldienst im Krankenhaus immer samstags, sonntags und an Feiertagen von 9 bis 13 Uhr und 15 bis 19 Uhr.

Georg Picha hat wie viele andere auch den Eindruck, dass die Servicenummer 116 117 vielen weitestgehend unbekannt ist. Hinzu komme, dass das System sehr komplex sei. Notaufnahme, Bereitschaftsdienst der kassenärztlichen Vereinigung, Notarzt oder ärztlicher Notdienst – für viele Patienten ist da die einfachste und sicherste Lösung der Gang in die Notaufnahme eines Krankenhauses – von wegen, niemand möchte freiwillig in ein Krankenhaus.

Doch der Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie sagt auch: „Leider muss man auch sagen, dass selbst wenn Betroffene die Nummer kennen, diese häufig nicht genutzt wird. Denn wer in der Nacht oder am Wochenende einen Arzt braucht, geht in der Regel in die Notaufnahme einer Klinik – weil es einfach schneller geht und somit bequemer ist.“ Sehr zum Leid der wirklichen Notfälle.

Wann wohin?

  • In die Notaufnahme des Klinikums bei Lebensgefahr. Dazu zählen unter anderem der Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall, schwere Verletzungen, hoher Blutverlust, Vergiftungen oder Schock mit starker Schwellung. Rettungsdienst erreichbar unter der Notrufnummer 112.
  • Zum Bereitschaftsdienst (Notfall-Praxis der niedergelassenen Ärzte) ohne Lebensgefahr. Hier liegt ein dringender Behandlungsbedarf außerhalb der normalen Sprechzeiten vor. Hier geht es um Dinge wie beispielsweise grippaler Infekt mit anhaltendem Fieber, Magen-Darm-Virus mit Brechdurchfall, Hexenschuss, überdehnte Bänder, Mittelohrentzündung oder Windpocken. Telefon 116 117.

Patienten anKosten beteiligen

Johannes Fechner, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), bemängelt, dass viele Patienten den Notfalldienst als erweiterte Sprechstunde nutzen. Dem soll ein Riegel mit einer Kostenbeteiligung vorgeschoben werden. Die KVBW vertritt über 20 000 niedergelassene Ärzte in Baden-Württemberg

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg fordert, dass sich Patienten an den Kosten beteiligen, wenn sie den Notfalldienst in Anspruch nehmen. Warum?

Warum nicht? Wenn jemand am Wochenende oder an den Feiertagen irgendeine andere Notfalldienst-Leistung in Anspruch nimmt, muss er sich an den Kosten beteiligen. Apotheken, Schlüsseldienst, die Liste ließe sich beliebig verlängern. Die Organisation des Bereitschaftsdienstes erfordert einen enorm hohen Aufwand und bedeutet für die Ärzte eine große Belastung.

Inwiefern haben sich die Zahlen der Patienten verändert, die die Notaufnahme aufsuchen?

Wir registrieren insgesamt leicht steigende Zahlen im ärztlichen Bereitschaftsdienst, eine starke Zunahme aber in den Notaufnahmen der Krankenhäuser während der Sprechstundenzeiten der niedergelassenen Ärzte.

Nutzen Patienten den Notfalldienst als erweiterte Sprechstunde? Aus Bequemlichkeit? Aus Unwissenheit?

Natürlich gibt es hier alles. Darunter auch viele Patienten, für die es bequemer ist, am Wochenende zu einem Arzt zu gehen. Oder auch Patienten, denen noch einfällt, dass ihnen vor der Urlaubsreise am Montag ein Medikament fehlt. Und natürlich viele Patienten, die tatsächlich aus medizinischen Gründen am Wochenende oder abends einen Arzt benötigen und nicht bis zum nächsten Morgen warten können.

Was hat das für Folgen?

Wenn viele Menschen den Notfalldienst aus Bequemlichkeit oder wegen Bagatellen in Anspruch nehmen, verlängern sie die Wartezeiten in den Notfallpraxen und den Notaufnahmen der Krankenhäuser und verursachen höhere Kosten. Gelder, die dann für die Grundversorgung der Patienten fehlen.

Soll sich dann jeder Patient, der den Notfalldienst in Anspruch nimmt, an den Kosten beteiligen oder nur die Patienten, bei denen kein Notfall vorlag?

Alle Patienten, die den Notfalldienst in Anspruch nehmen, sollten sich finanziell daran beteiligen. Es wäre viel zu kompliziert und aufwendig, hier zwischen wirklichen Notfällen und Bagatellfällen zu unterscheiden.

Zieht eine Kostenbeteiligung nicht einen enormen bürokratischen Aufwand nach sich?

Wir könnten die Gebühr sicherlich so gestalten, dass wir den bürokratischen Aufwand in Grenzen halten.

Könnte man sich auch vorstellen, eine Art Praxisgebühr für die Notfalldienste einzurichten? Das würde eventuell den einen oder anderen abschrecken, unberechtigt die Notfalldienste in Anspruch zu nehmen.

Das wäre in der Tat so eine Praxisgebühr im Notfalldienst.

Fragen: Simone Ise

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