1. Wie viele Firmennachfolger werden gesucht?

In den kommenden Jahren steht bei mehr als 150 Betrieben in der Region das Thema Nachfolgersuche an. Darunter befinden sich aktuell 17 Handwerksbetriebe, die bei der Handwerkskammer Konstanz gemeldet sind. Die IHK Hochrhein-Bodensee betreut im gesamten Kammerbereich derzeit rund 50 Unternehmen in Sachen Nachfolge und schätzt, dass allein im Landkreis Waldshut in den kommenden Jahren 50 bis 60 Nachfolgen anstehen.

2. Welche Eigenschaften sollte man für den Schritt in die Selbstständigkeit mitbringen?

Neben der fachlichen Qualifikation kommen auf einen Unternehmer viele weitere Aufgaben zu. Mitarbeiterführung beispielsweise und Bürotätigkeit. „Man darf den ganzen buchhalterischen Bereich nicht unterschätzen“, bestätigt Dennis Schäuble von der Handwerkskammer. Er ergänzt: „In der Werkstatt wird gearbeitet, aber das Geld wird im Büro verdient.“ Tatsächlich sei nicht jeder geeignet, erfolgreich selbstständig zu sein. Man müsse diesen Entschluss genau überdenken und dabei ehrlich zu sich selber sein.

3. Gibt es Branchen, die besonders beliebt sind und solche, in denen nur schwer ein Nachfolger gefunden wird?

Dazu sagt IHK-Gründungs- und Nachfolgeexperte Alexander Vatovac: „Im Hotel- und Gastgewerbe ist es aufgrund eines oft vorhandenen Investitionsstaus schwierig, einen Nachfolger zu finden. Das betrifft auch den nicht spezialisierten kleinen Einzelhandel. Besser ist es bei gut aufgestellten Industriebetrieben. Grundsätzlich gilt: Unternehmen, die immer wieder investiert haben und keinen Investitionstau vorweisen, haben es einfacher, einen passenden Nachfolger zu finden. Zum Thema Investitionsstau gehört auch, dass ein Unternehmer im Online-Bereich gut aufgestellt ist.“

In der Gastronomie ist die Nachfolgersuche oft schwierig.
In der Gastronomie ist die Nachfolgersuche oft schwierig. | Bild: Patrick Seeger

Entlastend wirke sich im Handwerk die Neuregelungen bei der Meisterpflicht aus. Mittlerweile sind nicht mehr alle Gewerke meisterpflichtig, so dass das Fortführen eines Betriebes auch schon mit Gesellenstatus möglich ist. Für 41 Gewerke gilt nach wie vor die Meisterpflicht, so beispielsweise bei Elektrikern, Friseuren oder Bäckern.

4. Was kostet ein Unternehmen und wie findet man das heraus?

Was eine Übernahme kostet und welcher Wert gerechtfertigt ist, muss zunächst herausgefunden werden. Deshalb gibt es meist zunächst eine Betriebsbewertung. Eine individuelle Betrachtung des jeweiligen Unternehmens, in die sowohl harte Fakten, wie Gebäude- und Inventarwerte, aber auch schwieriger zu fassende Aspekte wie die Inhaberabhängigkeit einfließen. Darüber hinaus wird der aktuelle Zustand, aber auch ein möglicher Investitionsbedarf berücksichtigt.

Der Meistertitel ist nicht mehr in allen Gewerken Voraussetzung, einen Betrieb zu übernehmen.
Der Meistertitel ist nicht mehr in allen Gewerken Voraussetzung, einen Betrieb zu übernehmen. | Bild: Sebastian Gollnow

Dennis Schäuble von der Handwerkskammer, die für ihre Mitglieder bei Bedarf eine kostenlose Bewertung anbietet, erklärt dazu: „Diese ist speziell für Handwerksunternehmen entwickelt worden und richtet sich nach dem Ertragswertmodel. Die Bewertung ergibt dann einen angemessenen Richtwert sowohl für Übergeber als auch für Übernehmer.“ Was dann aber tatsächlich bezahlt wird, darüber müssen sich Unternehmer und Nachfolger einigen. „Eine Rolle spielt dabei sicher, ob der Betrieb die einzige Altersvorsorge ist, oder ob andere Faktoren eine Rolle spielen“, so Dennis Schäuble.

5. Muss der Übernehmende viel Eigenkapital mitbringen, um sich das überhaupt leisten zu können?

„Nicht zwangsläufig“, sagt Dennis Schäuble. Oft werde die Übernahme eines bestehenden Unternehmens fremdfinanziert. Hinzu kommen die Möglichkeiten, Fördergelder zu beziehen, oder Fremdkapital von der L-Bank. Bei der Finanzierung komme es vor allem darauf an, realistisch bei den Möglichkeiten der Rückzahlung zu kalkulieren. „Man sollte nie von der maximalen Kapazitätsauslastung und Gewinn-Erwirtschaftung ausgehen und lieber einen Puffer einbauen, damit man hier nicht in Schwierigkeiten kommt“, rät Dennis Schäuble.

6. Ein Unternehmen übernehmen oder lieber selber gründen – was ist besser?

„Es ist schwierig, hier pauschal eine Antwort zu geben“, so Handwerkskammer-Experte Schäuble. Natürlich komme es immer auf die individuelle Situation an, wie er ergänzt: „Es kann lukrativer sein, einen bestehenden Betrieb zu übernehmen, als neu zu gründen. Zwar sind die Kosten anfangs höher, aber man kennt das Unternehmen, das meist am Markt etabliert ist.“

7. Erfolgt die Unternehmensübernahme dann „über Nacht“?

Das kann so sein, muss aber nicht: „Die gemeinsame Unternehmensführung ist ein gängiges Modell, insbesondere, wenn die Nachfolge extern geregelt wird“, sagt Dennis Schäuble von der Handwerkskammer. „So kann sich der Nachfolger in Ruhe einarbeiten, Kontakte knüpfen und auch die Kunden können sich langsam an den Neuen gewöhnen. Das gilt vor allem, wenn der Chef praktisch das Gesicht des Unternehmens ist.“

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Es gebe darüber hinaus aber auch weitere mögliche Konstellationen, etwa, dass der Nachfolger zunächst als Angestellter in das Unternehmen eintritt, oder die Nachfolge direkt antritt, der bisherige Chef aber noch eine Weile im Angestelltenverhältnis weiterarbeitet.

8. Gibt es Fehler, die man vermeiden kann, wenn man in die Selbstständigkeit einsteigt?

„Nicht wenige machen den Fehler, dass sie sich selbst und den Wert ihrer Arbeit nicht richtig einschätzen“, sagt Dennis Schäuble. Dies sei aber für die Wirtschaftlichkeit entscheidend. „Ich muss mir klar werden, was meine Familie und ich zum Leben brauchen und welche Fixkosten ich habe“, gibt Schäuble zu bedenken. Dadurch bestimme sich die Höhe des Unternehmerlohns und der wiederum muss in die Preise einkalkuliert werden. „An sich selbst nicht oder zu wenig denken, ist einer der häufigsten Fehler“, so Schäuble.

9. Wo findet man Betriebe, die übergeben werden sollen?

Neben Inseraten und persönlichen Kontakten, können sich sich Unternehmen anonym auf verschiedenen Plattformen vorstellen. Mögliche Nachfolger können sich dann bei Interesse direkt melden.

Die bundesweite Unternehmensbörse „nexxt-change hat das Ziel, für bestehende Unternehmen Nachfolger und tätige Teilhaber zu vermitteln und bietet aktive Unterstützung im Nachfolgeprozess, erläutert Alexander Vatovac von der IHK. Die Börse wende sich an Unternehmer, die einen Nachfolger oder aktiven Teilhaber suchen (Angebote), stehe aber auch Interessenten offen, die ein Unternehmen übernehmen oder sich daran beteiligen wollen (Gesuche).

Auf der Webseite der IHK Hochrhein-Bodensee gibt es eine Existenzgründungs- und Nachfolgebörse.

Angebote und Gesuche im Bereich Handwerk bietet die regionale Nachfolgebörse der Handwerkskammer Konstanz.

10. Wo gibt es Informationen?

IHK und Handwerkskammer beraten und unterstützen Unternehmen bei der geregelten Nachfolge. Neben Informationsmaterialien gibt es in den Kammern spezialisierte Berater, die den Prozess des Generationswechsels unterstützen und begleiten.

In Einzelgesprächen informieren beispielsweise die IHKs Unternehmensinhaber und Nachfolger. „Bei dieser Erstberatung werden die relevanten Themen sowie etwaige Problemfelder und der daraus resultierende Handlungsbedarf aufgezeigt und Ratschläge zum weiteren Vorgehen gegeben“, sagt Alexander Vatovac.

Ein vergleichbares Angebot bietet die Handwerkskammer, wie Dennis Schäuble erläutert: „Wir beraten beide Seiten und stehen bei Fragen zur Seite. Häufig wird unsere Hilfe bei der Bewertung von Betrieben in Anspruch genommen.“

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