An einem Spätwintertag, an dem im Hochschwarzwald heftige Schneeschauer übers Land ziehen, treffe ich beim Hüsli in Grafenhausen-Rothaus Barbara Ott-Pfender, ihren Ehemann Hans Pfender, den früheren Alleinvorstand der Badischen Staatsbrauerei Rothaus, und ihren Bruder Hans Ott. Vor drei Jahren waren im Hüsli, das Helene Siegfried in den Jahren 1911/12 zunächst als Feriendomizil erbaut hatte, zahlreiche Hefte einer wissenschaftlichen Literaturzeitschrift zutage gekommen, die die Hausherrin, vermutlich als einzige Person weit und breit, abonniert hatte.

Das Hüsli bei Rothaus ist seit mehr als 50 Jahren ein Volkskundemuseum. Dieser Anlass wurde mit besonderen Führungem im vergangenen Oktober gefeiert.
Das Hüsli bei Rothaus ist seit mehr als 50 Jahren ein Volkskundemuseum. Dieser Anlass wurde mit besonderen Führungem im vergangenen Oktober gefeiert. | Bild: Sabine Braun

Nun möchte ich Neues in Erfahrung bringen, Neues und Genaueres darüber, wie sich das Leben im Hüsli in Rothaus in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts abgespielt hat. Denn in ihrer Kindheit und Jugend hat Barbara Ott-Pfender, gemeinsam mit ihrer Mutter Luise und längere Zeit auch mit ihrem jüngeren Bruder, Helene Siegfried, die Herrin des Hüsli, nahezu täglich besucht. Luise Ott und Rösli Bächthold standen Helene Siegfried mit Rat und Tat zur Seite und umsorgten sie ehrenamtlich.

Eine Herrin im wahrsten Wortsinn

Wir kommen rasch ins Gespräch, und dabei wird deutlich, dass der Begriff „Herrin“ durchaus zutrifft. Barbara Ott-Pfender und Hans Ott waren jung, als sie Tag für Tag ins Hüsli kamen. Seit jenen Jahren ist viel Zeit vergangen, und ihre Erinnerungen werden sich nicht nur abgeschliffen, sondern sicherlich auch mit den Erzählungen anderer, etwa jenen der Mutter, vermischt haben. Das ist im Rahmen mündlicher Überlieferung stets der Fall. Doch die Umrisse des Charakterbilds und der Lebensabläufe, die Barbara Ott-Pfender und Hans Ott zeichnen, sind klar. Sie bestätigen nicht nur das, was wir bisher schon über Helene Siegfried und ihr Haus in Rothaus wussten, sondern fügen wichtige, neue Details hinzu.

Das Heimatmuseum Hüsli im herbstlichen Gewand.
Das Heimatmuseum Hüsli im herbstlichen Gewand. | Bild: Wilfried Dieckmann

Im Gespräch beschreiben Barbara Ott-Pfender und Hans Ott Helene Siegfried, die Fabrikantentochter aus Lörrach und ehemalige klassische Konzertsängerin, als selbstbewusste großbürgerliche Frau. Sie war gemäß den Berichten meiner Gesprächspartner das, was man eine Berliner Grande Dame nennt. Sie trat als Herrin auf, die genau wusste, was sie wollte, sich nicht dreinreden ließ und in ihrem Lebensumfeld die Regeln bestimmte. Und sie war immer „standesgemäß“ gekleidet, betonen meine Gesprächspartner.

Ordnung war ihr wichtig

Tracht kam nicht in Frage, und in einer Schürze habe man sie nie gesehen. Um ihr leibliches Wohl kümmerte sich Haushälterin Gertrud Grötzbach, die zugleich für Ordnung im Hüsli zu sorgen hatte. In den Wintermonaten musste sie unter anderem sieben Öfen beheizen. Heißes Wasser aus der Leitung gab es nicht. Gertrud Grötzbach lebte, nacheinander mit zwei Partnern zusammen, die im Erdgeschoss des Hüsli logierten, als Beschützer der beiden Frauen und zum Teil auch als Fahrer fungierten.

Pünktlichkeit und große Gesellschaft

Helene Siegfried besaß Selbstdisziplin und legte auf größte Pünktlichkeit Wert. Das galt insbesondere für die Essenszeiten, an denen sie strikt festhielt – selbst wenn sie für ein paar Tage oder Wochen in einem anderen Haus zu Besuch war. Sie war auch im hohen Alter nicht gewillt, sich den Lebensabläufen anderer anzupassen – und ihren Tee nahm sie täglich Punkt 16 Uhr ein. Mit der bäuerlichen Bevölkerung in ihrer Umgebung hatte sie gesellschaftlich nichts zu tun. Selbst in ihren späten Lebensjahren verkehrte die Herrin des Hüsli in ihren angestammten Kreisen. Zu ihnen gehörte beispielsweise Hotelier Winter vom Kurhaus in Rothaus. Zu ihnen zählte ebenfalls Frau von Ernest vom Herrenhaus des Schlüchtsee-Hofs, das über eine große Freiterrasse verfügte.

Legendäre Feste

Dort wurden legendäre Feste gefeiert. Aber auch in ihrem eigenen Haus hielt die betagte Helene Siegfried Hof und empfing Gäste. Sie lebte keineswegs isoliert. An ihrem Geburtstag, dem 18. Mai, legte sie ihren Schmuck an, ließ ihre Besucher bewirten und rauchte eine Zigarette. An solchen Tagen kamen Landrat Alfred Mallebrein und Erster Landesbeamter Götz aus Neustadt ins Hüsli. Aber auch zu dem jungen Dietrich Fischer-Dieskau unterhielt die ehemalige Berliner Konzertsängerin Kontakt, von dem sie oft erzählte und der sie offenbar mehrfach in Rothaus besuchte.

Jede Form von Rummel verhasst

Der Erste Landesbeamte Götz aber war ihr Vertrauter und fungierte als Unterhändler, der den Erwerb des herrschaftlichen Hüsli durch den Landkreis Hochschwarzwald vorbereitete. Ihm traute sie zu, so Barbara Ott-Pfender, dafür Sorge zu tragen, dass ihr Wohnhaus nach ihrem Tod nicht verkitscht würde. Jede Form von Rummel sei ihr verhasst gewesen. Je älter Helene Siegfried wurde, desto knapper waren freilich ihre Geldmittel, obwohl sie von der Frau ihres Bruders im schweizerischen Baden finanziell unterstützt wurde.

Finanzieller Abstieg

Landrat Mallebrein gelang es, einen einstimmigen Beschluss des Kreistags herbeizuführen: Im Jahr 1958 erwarb der Landkreis Hochschwarzwald, mit finanzieller Hilfe von Regierungspräsident Anton Dichtel, das Hüsli für 100 000 Mark und sicherte Helene Siegfried gleichzeitig ein lebenslanges Wohnrecht zu, wobei der Kaufpreis, auch für damalige Verhältnisse, wohl eher niedrig angesetzt war. In ihren guten Zeiten habe Helene Siegfried, so erinnern sich Barbara Ott-Pfender und Hans Ott an ihre Erzählungen, jährlich mehr als 60 000 Reichsmark zur Verfügung gehabt; das entspricht ziemlich genau der Kaufkraft von 234 000 Euro.

An Hochkultur interessiert

Im Sommer unternahm Helene Siegfried täglich Spaziergänge in Richtung Grafenhausen. Im Winter konnte sie das Haus nicht mehr verlassen und ging in der Laube hin und her, um sich Bewegung zu verschaffen. Mit dicken Nadeln strickte sie Schals und freute sich, wenn sie ein Exemplar verkaufen konnte. Auch das zeigt, dass sie gegen Ende ihres Lebens knapp bei Kasse war. Sie schrieb meist nicht von Hand, sondern auf der Schreibmaschine und las viel. Als sie in hohem Alter und nach mehreren Augenoperationen, die in Tuttlingen vorgenommen wurden, immer schlechter sah, ließ sie sich vorlesen. Es ist sicherlich nicht übertrieben zu sagen, dass auch die alte Helene Siegfried das Leben eines vor allem an der Hochkultur interessierten Menschen führte.

Gut und freundlich zu Kindern

Mit Brennholz, Brot (sie aß stets nur Einback) und anderen Lebensmitteln versorgt wurde sie nicht zuletzt von den Geschwistern Ott, die in Brünlisbach im Tante Emma-Laden Binninger für sie einkauften. Medizin wurde vom Bierkutscher der Brauerei in der Ühlinger Apotheke abgeholt und von Barbara und Hans Ott ins Hüsli gebracht. Gütig und freundlich sei Helene Siegfried gewesen und habe den Kindern regelmäßig kleine Geschenke gemacht, berichten meine Gesprächspartner, an Weihnachten, zu Neujahr oder am Dreikönigstag. Als Dank fürs Einkaufen habe es Schweizer Schokoladenstängeli in Staniolpapier gegeben. Als Helene Siegfried am 27. Juni 1966 im 100. Lebensjahr starb, waren ihr Grafenhausener Hausarzt Rainer Bohl und Luise Ott bei ihr.