Lebensmittel retten und bedürftigen Menschen helfen: Das ist das Prinzip der Tafelläden. Über 947 Tafelläden gibt es in Deutschland, vier davon befinden sich im Landkreis Waldshut. Deutschlandweit engagieren sich über 60 000 ehrenamtliche Helfer, in den Tafelläden in Waldshut, Bonndorf, Bad Säckingen und Wehr sind es 194 Mitarbeiter. Einer von ihnen ist Walter Frank aus Bad Säckingen. Er gehört seit 2007 zu den 14 Fahrern, die regelmäßig Ware für die Bad Säckinger Tafel in den Einkaufsmärkten einsammeln.

Drei Tage in der Woche ist der Tafelladen in Bad Säckingen geöffnet. Die Ehrenamtlichen kümmern sich um das Abholen und Annehmen der Waren, bereiten diese vor und verkaufen sie schließlich. Auf das Jahr gerechnet kommt ein beeindruckender Einsatz heraus: In einem Jahr ist ein Fahrerteam rund 2260 Stunden unterwegs und ist 10 650 Kilometer gefahren. Das Vorbereitungs- und Verkaufsteam ist rund 62 100 Stunden ehrenamtlich tätig. „Ohne die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer wäre der Tafelbetrieb gar nicht möglich“, erklärt Sozialberaterin Ewaldine Schwarz vom Caritasverband Hochrhein, die für die Tafelläden im Landkreis verantwortlich ist.

Unschöne Salatblätte werden entfernt und braune Stellen am Obst und Gemüse weggeschnitten. Katica Bacek ist eine der Mitarbeiterinnen, die die Tafel in Bad Säckingen bereits seit vielen Jahren unterstützt. <em>Bild: Susanne Kanele</em>
Unschöne Salatblätte werden entfernt und braune Stellen am Obst und Gemüse weggeschnitten. Katica Bacek ist eine der Mitarbeiterinnen, die die Tafel in Bad Säckingen bereits seit vielen Jahren unterstützt. Bild: Susanne Kanele | Bild: Susanne Kanele

Am Dienstagmorgen herrscht hektisches Treiben im Tafelladen in Bad Säckingen. Wie in einem Bienenstock schwirren die Helfer durch die Verkaufs- und Vorbereitungsräume. Dazwischen ist Walter Frank, der für die Organisation der Fahrer verantwortlich ist. Um 10 Uhr muss alles für die Kunden der Tafel bereit sein. Während Walter Frank seine Arbeit als Fahrer bereits erledigt hat, haben die anderen noch reichlich zu tun. Denn das Gemüse und Obst, das Walter Frank am Vortag in den Einkaufsmärkten abgeholt hat, wird nicht einfach so wie es ist in den Verkaufsraum gestellt. Jeder Salatkopf, jede Orange und jede Stange Lauch wird überprüft und aufbereitet: Unschöne Salatblätter werden entfernt, dunkle Stellen weggeschnitten. Danach werden die Lebensmittel in Kisten in den Verkaufsraum gebracht.

Die Waren, die im Tafelladen verkauft werden, stammen aus Überproduktionen, die im Handel kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aussortiert werden. Aber auch Waren, die Transportschäden aufweisen und falsch ausgezeichnet sind, kommen von den Einkaufsmärkten. Viele Spenden kommen zudem aus der Bevölkerung. „Allerdings konzentrieren sich diese Spenden vor allem auf Weihnachten und Ostern“, sagt Schwarz. „Es wäre schön, wenn sich diese Spenden auf das gesamte Jahr verteilen würden.“ Grundsätzlich stehen die Einkaufsmärkte in der Region dem Tafelladen sehr wohlwollend gegenüber. Das zeigt sich auch in den Mengen an Paprika oder Lauch, aber auch bei den Broten und süßen Teilen, die sich im Vorbereitungsraum der Tafel stapeln. Die Einkaufsmärkte werden am Montagnachmittag von den Fahrern besucht, das Brot und die anderen Backwaren werden erst am Dienstagvormittag abgeholt.

46 ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich im Tafelladen Bad Säckingen. Hier richtet Petra Gartner das Brot und die Backwaren zum Verkauf her.
46 ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich im Tafelladen Bad Säckingen. Hier richtet Petra Gartner das Brot und die Backwaren zum Verkauf her. | Bild: Kanele, Susanne

„Viele Leute wissen nicht, was Tafelläden sind“, sagt Ewaldine Schwarz. Immer noch sind einige Leute der Meinung, dass ein Tafelladen lediglich ein kleiner Einkaufsladen ist, der regulär beliefert wird und wundern sich, warum zum Beispiel kein Joghurt da ist. Dass die Lebensmittel alle gespendet sind und die Mitarbeiter der Tafel nur mit den Sachen arbeiten können, die sie haben, wüssten manche nicht. Und während sich Obst und Gemüse oder Molkereiprodukte stapeln, gibt es kaum Trockenprodukte wie Zucker, Mehl oder Öl. Weil diese Produkte im Vergleich zu Obst, Gemüse oder Milchprodukten lange haltbar sind, kommen diese entsprechend selten bei den Tafeln an. „Darum stehen in den Geschäften die roten Körbe der Tafeln, damit die Leute – wenn sie mögen – ihre Spenden in Form von Zucker, Mehl oder Nudeln, direkt in diesen Korb legen können.“

Emmanuel Oluwatyi und Walter Frank sind zwei der ehrenamtlichen Fahrer, die mehrmals in der Woche unterwegs sind und bei den Lebensmittelgeschäften die gespendete Ware abholen. <em>Bild: Susanne</em> Kanele
Emmanuel Oluwatyi und Walter Frank sind zwei der ehrenamtlichen Fahrer, die mehrmals in der Woche unterwegs sind und bei den Lebensmittelgeschäften die gespendete Ware abholen. Bild: Susanne Kanele | Bild: Susanne Kanele

Bei den Kunden der Tafelläden handelt es sich um bedürftige Menschen, deren Einkommen nicht ausreicht, um sich selbst zu versorgen. Damit sie in den Tafeln einkaufen können, erhalten sie vom Caritasverband Hochrhein einen Berechtigungsschein. Momentan haben rund 1000 Menschen im Landkreis Waldshut einen Berechtigungsschein für die Nutzung einer der Tafelläden. Darunter sind viele Asylbewerber, Arbeitslose und Rentner mit geringer Rente und Grundsicherung. Alleine in Bad Säckingen wurden seit des zwölfjährigen Bestehens rund 640 Kundenausweise ausgestellt. Wenn das Geschäft öffnet, werden diese Berechtigungsscheine von den Mitarbeitern eingesammelt. „Die Kunden werden jeweils zu acht in Gruppen zusammengefasst und dürfen dann in Begleitung eines Mitarbeiters einkaufen“, erklärt Ewaldine Schwarz. Weil die Lebensmittel beschränkt sind, wird eine entsprechende Menge an Lebensmitteln ausgegeben. „Denn jeder soll etwas bekommen“, so Schwarz weiter.

Der Bad Säckinger Tafelladen bietet alles für den täglichen Gebrauch. Die Ware wird von den Einkaufsmärkten in der Region eingesammelt oder es gibt Spenden aus der Bevölkerung. Im Bild richtet Mitarbeiterin Barbara Klingele die Ware für den Verkauf her. Bild: Susanne Kanele
Der Bad Säckinger Tafelladen bietet alles für den täglichen Gebrauch. Die Ware wird von den Einkaufsmärkten in der Region eingesammelt oder es gibt Spenden aus der Bevölkerung. Im Bild richtet Mitarbeiterin Barbara Klingele die Ware für den Verkauf her. Bild: Susanne Kanele | Bild: Kanele, Susanne

60 bis 70 Kunden besuchen pro Einkaufstag eine der vier Tafeln im Landkreis. Die Kunden gehen inzwischen viel offener damit um, in einem Tafelladen einzukaufen. „Für viele ist es inzwischen ein Ort der Kommunikation“, erklärt Ewaldine Schwarz. „Ohne die Tafel könnte ich mir nicht so oft frisches Obst und Gemüse leisten“, sagt eine Kundin. Aber auch kleine Extras wie Süßigkeiten oder Gebäck sind durch die Tafelläden möglich. Und: „Durch die günstigen Preise in der Tafel konnte ich mir gute, warme Winterschuhe leisten“, erklärt ein weiterer Kunde.

An einem Tisch: Geschäftsbereichsleiter Bernhard Gampp (links) im Gespräch mit den Mitarbeiterinnen Ewaldine Schwarz, Waltraud Diemer und Renata Goman.
An einem Tisch: Geschäftsbereichsleiter Bernhard Gampp (links) im Gespräch mit den Mitarbeiterinnen Ewaldine Schwarz, Waltraud Diemer und Renata Goman. | Bild: Horatio Gollin

 

 

„Im Taffelladen bekomme ich alles“

Joe Köllner (70) und seine Ehefrau sind seit vielen Jahren Kunden im Bad Säckinger Tafelladen.

Herr Köllner, wie wichtig ist Ihnen der Tafelladen?

Es ist hervorragend, dass es diese Tafelläden gibt, auch weil es immer mehr Menschen gibt, die einen Tafelladen nutzen müssen. Im Tafelladen bekomme ich alles und muss nicht verzichten.

Interview Joe Köllner
Joe Köllner | Bild: Susanne Kanele

Wie schwer fällt es Ihnen, dass Sie vor dem Tafelladen gesehen werden?

Damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich habe viele Bekannte und Freunde und sie wissen alle, dass ich in der Tafel einkaufen gehe. Zu mir kam noch nie jemand und hat gesagt: „Du arme Sau, musst in der Tafel einkaufen.“ Ich ärgere mich eigentlich mehr über die Wartezeit. Denn wenn gleich drankommst, hast du eine entsprechend größere Auswahl. Und alles für rund zehn Euro. Im Tafelladen benötige ich rund 90 Euro im Monat und bin rundum versorgt. In anderen Lebensmittelgeschäften kostet es mich mehr als das Doppelte. Im Tafelladen kann ich sparen und so bleibt mir auch einmal Geld und ich kann auch mal ein Geschenk machen.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie in einem Tafelladen einkaufen müssen?

Ich muss halt sparen im Leben, aber durch den Tafelladen fällt es mir leichter, weil ich eigentlich – was Lebensmittel angeht – nicht verzichten muss. Jetzt zu Weihnachten spendet der Zonta-Club Schäufele für jeden Kunden und wir haben ein richtig gutes Weihnachtsessen. Einzig, man muss die Sachen durch das kürzere Haltbarkeitsdatum schneller verzehren. Aber dafür zahle ich nur 50 Cent, statt zwei Euro. (ska)

 

"Tafelläden sind eine sinnvolle Einrichtung"

Jürgen Sulger aus Murg ist ein Lebensmittelhändler, der die Tafel im Landkreis Waldshut unterstützt.

Herr Sulger, wie lange unterstützen Sie mit Ihrem Geschäft den Tafelladen mit Lebensmittel?

Seit acht Jahren erhält der Tafelladen in Bad Säckingen Molkereiprodukte von uns. Diese werden zweimal in der Woche mit einem Kühlfahrzeug der Tafel bei uns abgeholt. Die Produkte nehmen wir zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) aus dem Verkauf. Diese Lebensmittel sind zum Teil auch noch Wochen nach Ablauf des MHD bedenkenlos verzehrbar.

Jürgen Sulger
Jürgen Sulger

Wie wichtig ist es Ihnen, dass es solche Tafelläden gibt?

Die Tafelläden sind eine sinnvolle Einrichtung. Denn Lebensmittel werden nicht weggeworfen, sondern dienen noch einem guten Zweck. Menschen mit niedrigem Einkommen wird es ermöglicht, sich günstig mit Lebensmittel zu versorgen. Natürlich versucht jeder Lebensmittelmarkt, seine Verluste bei den Frischartikeln so klein wie möglich zu halten, aber wenn schon etwas übrig bleibt, findet es hier noch eine sinnvolle Verwendung und das unterstützen wir gerne. Und ich finde, so lange es Menschen gibt, die mit wenig Geld auskommen müssen, haben die Tafelläden auf jeden Fall eine Daseinsberechtigung.

Was können Ihre Kunden tun, um die Tafelläden ebenfalls zu unterstützen?

In unserem Markt steht an der Kasse eine Spendenbox, in die jeder Kunde Lebensmittel für den Tafelladen reinlegen kann. Diese Box wird ebenfalls regelmäßig von den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Tafel geleert. Einmal im Jahr verkaufen wir hier in unserem Geschäft zwei Wochen lang vorgepackte Tüten mit Grundnahrungsmitteln für 5 Euro. Diese Tüte kann von den Kunden gekauft und auf einem Wagen neben der Kasse abgegeben werden. In diesem Jahr haben wir dem Tafelladen auf diesem Weg 300 Tüten mit Trockenprodukten übergeben, die von unseren Kunden gekauft worden sind. (ska)