Kindesmissbrauch ist ein Thema, das bei vielen Menschen Ekel und Abscheu hervorruft. Die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, unschuldig und körperlich unterlegen, werden zu Opfern von oft erwachsenen Tätern mit perversen Vorlieben. Wird ein neuer Fall aufgedeckt, ist der Aufschrei meist groß: „Ist denn niemandem etwas aufgefallen?“ Viel zu selten gibt es aber eine Antwort auf die Frage: „Was soll denn überhaupt auffallen und wie lässt sich erkennen, dass ein Kind vielleicht missbraucht wird?“

Genau an diesem Punkt setzt Sarah Meusburger vom Opferhilfeverein Weißer Ring in Waldshut-Tiengen an. Sie, selbst zweifache Mutter, hat einen Vortrag ausgearbeitet, der diese Antwort geben soll und informiert an Schulen und Kindergärten über das Thema.

Der Weiße Ring setzt auf Prävention gegen Kindesmissbrauch: Siegfried Elis, Leiter der Außenstelle, im Gespräch mit Sarah Meusburger, die ein spezielles Informationsangebot für Eltern, Lehrer und Erzieher ausgearbeitet hat.
Der Weiße Ring setzt auf Prävention gegen Kindesmissbrauch: Siegfried Elis, Leiter der Außenstelle, im Gespräch mit Sarah Meusburger, die ein spezielles Informationsangebot für Eltern, Lehrer und Erzieher ausgearbeitet hat. | Bild: Olheide

22 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch im Kreis Waldshut

Denn was oft weit weg erscheint, ist in Wahrheit erschreckend nah: Auch im Kreis Waldshut werden Kinder zu Opfern – misshandelt, geschlagen, geprügelt und sexuell missbraucht. Jedes Jahr. Ein Blick in die Statistik zeigt: 35 Fälle wurden 2017 in der Kriminalstatistik erfasst. In 22 Fällen ging es um sexuellen Kindesmissbrauch. Die Bandbreite der Taten ist weit und reicht von Berührungen, bis zum schweren sexuellen Missbrauch, bei dem eine Penetration erfolgt. Neun solcher Delikte wurden 2017 erfasst. Die Opfer im Kindesalter bis 13 Jahren waren in sechs Fällen Mädchen, in drei Fällen Jungs. Die Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor.

Der Schatten von einem Mann und einem schaukelnden Kind: Häufig stammen die Täter aus dem sozialen oder sogar familiären Umfeld des Kindes. (Symbolbild)
Der Schatten von einem Mann und einem schaukelnden Kind: Häufig stammen die Täter aus dem sozialen oder sogar familiären Umfeld des Kindes. (Symbolbild) | Bild: Julian Stratenschulte

Ob die Erziehungsberechtigten auch Kontakt zu einer Beratungsstelle aufgenommen haben, ist unklar, aber nicht unwahrscheinlich. Siegfried Elis ist Leiter der Außenstelle des Weißen Rings in Waldshut-Tiengen und gibt einen Einblick in die Zahlen: 2017 waren es elf minderjährige Opfer, für die der Weiße Ring tätig wurde. 2018 sieben. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Von mindestens 65 Prozent wird ausgegangen.

Veränderungen im Wesen des Kindes

Um Missbrauch zu verhindern, oder schneller zu erkennen, gehört das Wissen, das Sarah Meusburger vermitteln möchte: Kenntnisse über das subtile Vorgehen der Täter, aber auch über das Verhalten von betroffenen Kindern.

Keine leichte Aufgabe, wie Meusburger erklärt: „Es ist sehr schwierig, pauschale Aussagen zu treffen. Manche Kinder werden aggressiv, andere ziehen sich komplett in sich zurück. Fast immer ist aber eine gravierende Wesens- und Verhaltensänderung zu beobachten.“

Mehr Sicherheit durch Wissen

Das bestätigt auch Doris Wehinger. Sie ist seit 35 Jahren Erzieherin und leitet den Kindergarten St. Josef in Klettgau-Erzingen. Sie selbst war in ihrer beruflichen Laufbahn lediglich zweimal mit Fällen von Kindeswohlgefährdung konfrontiert gewesen, sagt sie. Umso mehr schätzt sie das Angebot von Sarah Meusburger. „Das gesamte Team hat durch den Vortrag mehr Sicherheit im Umgang mit dem Thema gewonnen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Gerade Erzieher seien in solchen Fragestellungen gefordert, denn sie haben engen Kontakt mit möglichweise betroffenen Kindern. „Wir sind sehr darauf bedacht, dass wir ein auffälliges Verhalten eines Kindes zunächst im Team besprechen. Die Kindeswohlskala gibt uns Orientierung und hilft auch bei einer ersten Einordnung.“ Es folge ein recht langer Weg, bis tatsächlich das Jugendamt informiert werde. „Denn zuvor müssen auf jeden Fall die Eltern über den Verdacht informiert werden und es wird Kontakt zu einer Beratungsstelle aufgenommen“, schildert Wehinger das Vorgehen.

Scheuklappen ablegen

Wie schwierig der Umgang mit dem Thema Kindesmissbrauch ist, ist Außenstellenleiter Elis, der selbst früher aktiv im Polizeidienst tätig war, deutlich anzumerken: „Das Schlimme ist: Wenn die Leute sich melden, dann ist es schon passiert.“ Mit „es“ ist Missbrauch gemeint von verbalen Ausfällen bis hin zu schwersten körperlichen Übergriffen. Was den unbedarften Zuhörer beinahe erstarren lässt, ist in der Opferhilfe gut bekannt.

Elis erklärt: „In den meisten Fällen gilt das Scheuklappenprinzip. Nicht selten wird neben dem Kind auch die Mutter missbraucht. Oder sie lässt es zu – aus Angst oder anderen Gründen. Wenn es so ist, hat sie häufig selbst bereits diesen Teufelskreis erlebt.“ Sarah Meusburger ergänzt: „Darum ist Prävention so wichtig.“

Sich zurückziehen und Kontakte meiden: Das kann eine der Wesensveränderungen sein, die das Umfeld eines Kindes bemerkt, und die Hinweis auf einen möglichen Missbrauch sein kann. (Syxmbolbild)
Sich zurückziehen und Kontakte meiden: Das kann eine der Wesensveränderungen sein, die das Umfeld eines Kindes bemerkt, und die Hinweis auf einen möglichen Missbrauch sein kann. (Syxmbolbild) | Bild: Nicolas Armer

Es gehe ihr darum, Mut zu machen, die Augen zu öffnen. Den Menschen, die Umgang mit Kindern haben, einen Wegweiser zu bieten. Nicht zuletzt, weil die Täter oft aus dem nahen sozialen oder sogar familiären Umfeld stammen.

Geheimnis im Kinderzimmer

Siegfried Elis möchte bei den Fällen am Hochrhein nicht ins Detail gehen, er erläutert aber, wie der Weiße Ring hilft: Zwei Beratungsschecks für einen Rechtsanwalt wurden 2018 ausgestellt, einmal spendierte der Verein eine Woche Ferien, damit Mutter und Kind Abstand finden konnten.

Das könnte Sie auch interessieren

„Aber auch materielle Hilfe ist manchmal nötig“, sagt Elis. Wie man sich das vorstellen muss? „In drei Fällen haben wir in den vergangenen Jahren jeweils eine neue Kinderzimmereinrichtung finanziert. Weil das Kind dort nicht mehr hineinwollte.“ „Dort“, das war der Schauplatz des Missbrauchs, der Ort, an dem der Täter mit dem Kind „das Geheimnis“ teilte. Das gemeinsame Geheimnis ist eine subtile Art, Kinder zu manipulieren. Oft verbunden mit einer Drohung, wie „wenn es verraten wird, passiert Mama etwas Schreckliches“, oder Ähnlichem.

Kinder stark machen

Sarah Meusburger rät dazu, die Persönlichkeit der Kinder von Anfang an zu stärken. Nur bei einem ungetrübten Vertrauensverhältnis sei es möglich, dass sich das Kind überhaupt anvertrauen könne. Sie sagt: „Es gibt gute Geheimnisse und solche, die Bauchweh machen.“ Alles, was irgendwie Bauchweh macht, ist nicht richtig. „Ganz wichtig ist es auch, dem Kind zu vermitteln, dass sein ‚Nein’ bei Berührungen oder körperlicher Nähe akzeptiert und respektiert wird.“

Der Weiße Ring setzt auf Prävention gegen Kindesmissbrauch: Siegfried Elis, Leiter der Außenstelle, im Gespräch mit Sarah Meusburger, die ein spezielles Informationsangebot für Eltern, Lehrer und Erzieher ausgearbeitet hat.
Der Weiße Ring setzt auf Prävention gegen Kindesmissbrauch: Siegfried Elis, Leiter der Außenstelle, im Gespräch mit Sarah Meusburger, die ein spezielles Informationsangebot für Eltern, Lehrer und Erzieher ausgearbeitet hat. | Bild: Olheide

Die körperliche Integrität wahren, das Kind als gleichwertigen Menschen wahrnehmen, diese Punkte seien die Basis dafür, dass das Kind erkennt, wenn etwas nicht richtig ist, jemand sich ihm unsittlich nähert oder es zu sexuellen Handlungen zu bewegen versucht.

Sarah Meusburger hofft, dass ihr Angebot gut angenommen wird: „Wenn ich damit auch nur ein Kind vor Missbrauch und einer langen Leidensgeschichte bewahren könnte, wäre das schon ein Erfolg.“