Herr Müller, als Sie vor fünf Jahren das erste Nahwärmenetz in Bonndorf planten, gewichteten Sie bei Ihren öffentlichen Informationsveranstaltungen die ökologischen Aspekte sehr hoch. Bei Ihrer jüngsten Information für die nun geplante Erweiterung überwogen die wirtschaftlichen Argumente. Wie kommt es zu diesem Wandel?

In vielen Jahren Öffentlichkeitsarbeit habe ich die Denkweise der Menschen kennengelernt und dabei festgestellt, dass mit ökologischen Argumenten ziemlich wenig auszurichten ist. Bei den meisten zählt zuvorderst der Geldbeutel. Das ist bitter, aber es ist so. Umso mehr, als der immer stärker aus dem Ruder laufende Klimawandel langfristig viel teurer wird, wenn wir nicht jetzt entschlossen handeln. Volkswirtschaftlich betrachtet zahlen wir alle deutlich mehr, wenn wir nichts zum Klimaschutz beitragen, allerdings erst später. Vor diesem Hintergrund habe ich entschieden, mit ökonomischen Argumenten zu überzeugen. Den gemeinsamen ökologischen Nutzen gibt‘s dann gratis dazu.

Bene Müller, Vorstand der solarcomplex AG.
Bene Müller, Vorstand der solarcomplex AG.

Das Klimaschutzgesetz sieht vor, dass die Treibhausgasemission massiv verringert werden soll. Nahezu die Hälfte des Endenergieverbrauchs wird für Wärmeerzeugung aufgewandt. Vor allem ältere Gebäude werden mit veralteter Technik beheizt. Wie erklären Sie sich vor diesem Hintergrund die bisher verhaltene Reaktion der Hausbesitzer im geplanten Nahwärmeabschnitt Bonndorf Ost?

Fragen sie mich etwas Leichteres. Wenn man mit einem Anschluss ans Wärmenetz die gesetzlichen Vorgaben ohne teure Investition erfüllen könnte, andererseits in ein paar Jahren genau dafür viele Tausend Euro ausgeben muss, sollte das eigentlich eine einfache Entscheidung sein. Trotzdem tun sich viele schwer. Vielleicht weil man vermeintlich unabhängig bleiben will. Dabei ist man mit einer Ölheizung extrem abhängig, nämlich vom Öl. Und was ist mit Strom, Wasser, Abwasser, Telefon, Internet? Das ist doch auch alles kollektiv organisiert, das macht doch auch nicht jeder für sich.

Viele Menschen fordern von der internationalen Politik ein stärkeres Engagement für den Klimaschutz. Haben Sie den Eindruck, dass der einzelne Bürger tatsächlich bereit ist, auch seinen Beitrag zu leisten?

Nur bedingt. Viele denken, die anderen sollen schon mal anfangen, wir kommen dann hinterher. Aber die Zeit für diese Zögerlichkeit haben wir nicht mehr, die Klimauhr läuft. Wenn eine Gesellschaft vor großen Aufgaben steht, muss jeder seinen Beitrag leisten, sonst geht’s schief.

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Wie definiert sich der ökologische Nutzen der Nahwärme? Wie hoch wäre die CO2-Reduzierung bei einem Anschluss von 100 Häusern?

Die Verbrennung eines Liters Öl erzeugt gut drei Kilogramm Kohlendioxid. Wenn man in 100 Gebäuden jeweils 3000 Liter Heizöl ersetzt, sind das rund 1000 Tonnen weniger Kohlendioxid pro Jahr. 1000 Tonnen Gas, das ist eine enorme Menge. Leider sieht man das nicht. Wenn an jedem Kamin sichtbar ein überdimensionaler Ballon befestigt wäre, der sich im Laufe eines Jahres mit den Abgasen füllen würde, würden die Menschen anders denken.

Mit welchen Verschärfungen des Gesetzes für den Einsatz erneuerbarer Energien müssen Verbraucher in den kommenden Jahren rechnen?

Bis 2050 soll die Wärmeversorgung in Deutschland CO2-neutral sein, das ist parteiübergreifend beschlossen.

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Ist ein weiterer Nahwärmeabschnitt für das ökologische Image der Stadt von Vorteil?

Es geht doch nicht ums Image, es geht um Taten. In Brüssel, Berlin und Stuttgart werden Ziele definiert, aber umgesetzt werden müssen sie in der Fläche, also in allen Gemeinden, in all den Bonndorfs der Republik. Zusätzlich geht es um regionalwirtschaftliche Aspekte. Wohin geht die Kaufkraft für Energie? Nach Saudi-Arabien oder in den Schwarzwald? Auch darüber entscheidet man beim Anschluss ans Wärmenetz.

Oftmals steht in Bonndorf die Behauptung im Raum, die Solarcomplex AG würde die Wärme mit Öl erzeugen. Welche Energieträger zu wie hohen Anteilen nutzen Sie für die Wärmeversorgung in Bonndorf?

In der Weststadt sind rund fünf Prozent Abwärme von Dunker, rund 90 Prozent Energie aus Hackschnitzel und rund fünf Prozent Spitzenlast aus dem Ölkessel. In Bonndorf Mitte kommt alle Energie als Abwärme von der Fleischwarenfabrik Adler.

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Wo liegt für die Solarcomplex AG die Schmerzgrenze, ob Sie den dritten Bauabschnitt realisieren oder nicht?

Man kann das nicht pauschal sagen, weil auch die Entfernung zur Wärmequelle eine Rolle spielt. So etwa die Hälfte der Gebäude pro Straßenzug müssten es sein. Genau sieht man das erst am Ende der Bewerbung. Es kann auch sein, dass dann nur die nächstgelegenen Interessenten angeschlossen werden.

Sollte das Projekt jetzt scheitern, ist Bonndorf für Sie dann endgültig aus der Planung raus oder könnten Sie sich zu einem späteren Zeitpunkt ein erneutes Engagement vorstellen?

Die Bedingungen sind beim aktuellen Ölpreis so gut wie seit vielen Jahren nicht. Wenn jetzt kein ausreichender Anschlussgrad zustande kommt, warum sollte es dann in ein paar Jahren gelingen? Ich denke, dann lassen wir es gut sein.