Ohne Scheu vor schwierigen Texten, dabei die biblischen Botschaften sehr ernst nehmend und gründlich reflektierend – auch bei seiner letzten Predigt als evangelischer Stadtpfarrer am Sonntagabend blieb Winfried Oelschlegel seinem Stil treu, den die Bad Säckinger Christen während der vergangenen 23 Jahre kennengelernt hatten. Zahlreiche Gäste waren zu seiner Verabschiedung gekommen.

Gottesdienst im Freien

Der Gottesdienst fand im Freien statt, weil gar nicht alle Besucher unter den Corona-Bedingungen in die Stadtkirche gepasst hätten. Doch kurz vor Beginn richteten sich bange Blicke gen Himmel. Und ausgerechnet, als der letzte Akkord des Posaunenchores verklungen war, setzte ein heftiger Regenguss ein. Die Gäste spannten Schirme auf, und ihr Durchhaltevermögen wurde belohnt, denn im Verlauf des Gottesdienstes hellte sich der Himmel auf.

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In seiner Predigt widmete sich Winfried Oelschlegel der Theodizee und damit einem Thema, das in zeitlebens umtrieb. „Wenn der Apostel Paulus schreibt, dass wir Menschen der Tempel des Heiligen Geistes sind, können wir schlussfolgern, dass Gottes Geist unser Handeln bestimmt – dann dürfte es nicht möglich sein, schlecht zu handeln.“ Warum aber gelinge es nicht immer, nach den ethischen Maßstäben zu leben, die Jesus und die Bibel vorgegeben hätten, so seine Frage.

Im Rahmen eines Freiluftgottesdienstes wurde Pfarrer Winfried Oelschlegel verabschiedet.
Im Rahmen eines Freiluftgottesdienstes wurde Pfarrer Winfried Oelschlegel verabschiedet. | Bild: Michael Gottstein

Die Antwort liege in der Freiheit des menschlichen Willens, die von Gott gegeben sei. Wie man es von ihm kannte, begnügte er sich nicht mit wohlfeilen Floskeln, sondern gestand, dass er das Problem der Theodizee „auch nach langen Jahren als Pfarrer nicht abschließend lösen“ könne. Man müsse ernsthaft versuchen, den Maßstäben der Heiligen Schrift gerecht zu werden, auch im Wissen, dass man dabei oft scheitere, aber dann dürfe man auf Gottes Liebe vertrauen.

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Auch Dekanin Christiane Vogel hatte einen Paulus-Text ausgewählt, „aber einen weniger sperrigen“. Sie verglich den Pfarrdienst mit der Gartenarbeit: „Man muss gießen und pflegen, manchmal auch Unkraut jäten, und in schönen Stunden sieht man etwas erblühen, aber man weiß, dass dies nicht von selbst geht.“ Es komme auf den guten Boden an, und den habe niemand anderer gelegt als Jesus Christus, warb sie um Vertrauen. An die Adresse des scheidenden Pfarrers gerichtet, sagte sie: „Wenn man ein redlicher Mensch ist wie Sie, dann weiß man, dass man Gottes Vergebung braucht.“ „Aber er ist weiterhin berufen, Gottesdienste zu halten.“

Kirchen- und Posaunenchor umrahmten den Gottesdienst musikalisch.
Kirchen- und Posaunenchor umrahmten den Gottesdienst musikalisch. | Bild: Michael Gottstein

Auf Wunsch des Pfarrers gab es nur kurze Abschiedsreden. Bürgermeister Alexander Guhl, Dekan Peter Berg, der altkatholische Pfarrer Armin Strenzl und der evangelische Diakon Sven Holtkamp würdigten seine Persönlichkeit und seine Leistungen als Seelsorger, das Eintreten für die Ökumene und das unkomplizierte Miteinander. Dankesworte sprachen Vertreter der Jugendgruppen und Kirchengemeinderätin Christina Binder. Die Geschwister Christina und Tobias Scholz präsentierten Lieder von Bob Dylan und Johnny Cash, anschließend waren die Gäste zu einem Empfang eingeladen.

Im Rahmen eines Freiluftgottesdienstes wurde Pfarrer Winfried Oelschlegel verabschiedet.
Im Rahmen eines Freiluftgottesdienstes wurde Pfarrer Winfried Oelschlegel verabschiedet. | Bild: Michael Gottstein