Treffpunkt: Wochenmarkt Gebhardplatz. Ziel nach zwei Stunden: der Hafner. Uli Burchardt schlägt eine kleine Radtour vor, um ihn im Wahlkampf zu begleiten. Natürlich, möchte man ergänzen.

Gerade noch am Wahlkampf-Stand auf dem Konstanzer Wochenmarktz auf dem Gebhardsplatz und schon macht Oberbürgermeister Uli Burchardt (rechts) gemeinsam mit SÜDKURIER-Lokalredaktionschef Benjamin Brumm eine Radtour von Petershausen über Industriegebiet bis Wollmatingen. Bild: Aurelia Scherrer
Gerade noch am Wahlkampf-Stand auf dem Konstanzer Wochenmarktz auf dem Gebhardsplatz und schon macht Oberbürgermeister Uli Burchardt (rechts) gemeinsam mit SÜDKURIER-Lokalredaktionschef Benjamin Brumm eine Radtour von Petershausen über Industriegebiet bis Wollmatingen. Bild: Aurelia Scherrer | Bild: Scherrer, Aurelia

Kritik nach Stimme gegen Klimapositiv-Entscheidung

Schließlich stieg er nach Ausrufen des Klimanotstands als Oberbürgermeister öffentlichkeitswirksam vom Dienstwagen hauptsächlich auf ein Dienst-E-Bike um.

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Kritiker sagen und er würde dies vehement bestreiten: Viel mehr Konsequenzen folgten nach der Entscheidung vor einem Jahr nicht. Vor allem Fridays-for-Future wertete seine Stimme gegen das Ziel, Konstanz bis 2030 klimapositiv werden zu lassen, als Verrat an den ambitionierten Klima-Plänen.

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Burchardt vertritt die Meinung: Gerne soll Konstanz schnell klimaneutral oder -positiv werden. Aber nicht, bevor klar sei, wie das gehen und was das für die Stadtgesellschaft bedeuten soll.

Wenig los am Wahlkampf-Stand

Doch weg vom Klima und hin zum Wahlkämpfer. An diesem Morgen seien nicht viele an den Stand nahe der Gebhardskirche gekommen, erklärt Burchardt. Denen, mit denen er gesprochen habe, sei es vor allem um mangelnde Sauberkeit und öffentliche Toiletten gegangen.

„Ein häufig wiederkehrendes Thema“, sagt der 49-Jährige. Da könnten die Mitarbeiter der Technischen Betriebe noch so früh loslegen und so häufig wiederkommen: „Sauberer isch‘s Konschtanzerischer“, wie eine städtische Kampagne vor etlichen Jahren einmal festlegte.

Werbemann Hans Wagner (rechts) und der damalige Stadtwerke-Chef Konrad Frommer präsentieren den Werbespruch „Sauberer isch‘s konstanzerischer“.
Werbemann Hans Wagner (rechts) und der damalige Stadtwerke-Chef Konrad Frommer präsentieren den Werbespruch „Sauberer isch‘s konstanzerischer“. | Bild: Archiv Wagner

Abgesehen von der gemusterten Alltagsmaske tritt Burchardt auf, wie man ihn kennt: weißes Hemd, beige Marken-Cargo-Hose, dunkelbraune Schuhe, am Handgelenk eine Smart-Watch. Das dunkelblaue Sakko legt er zwischendurch ab, warm genug ist es allemal. Dazu glitzert ein kleiner Stecker im linken Ohrläppchen.

Außer dass einige Fältchen im Gesicht und graue Strähnen in den dunklen Haaren hinzugekommen sind und sich die Brille geändert hat, schaut einen derselbe Mann an, der 2012 Nachfolger von Horst Frank wurde.

Uli Burchardt während des Wahlkampfs zur Oberbürgermeister-Wahl – im Mai 2012.
Uli Burchardt während des Wahlkampfs zur Oberbürgermeister-Wahl – im Mai 2012. | Bild: Oliver Hanser

Der Hafner: Letztes Projekt zur Außenentwicklung?

Burchardt will einige Kilometer zurücklegen. Sie sollen dort enden, wo er sich gut vorstellen könne, selbst irgendwann zu leben: am Hafner. Nichts deutet darauf hin, dass hier mittelfristig Tausende Menschen leben sollen. Der gebürtige Konstanzer weist mit auslandender Geste über grüne Felder: „Es ist richtig, dass wir den Hafner jetzt entwickeln“, sagt er.

Hier könnte die Außenentwicklung von Konstanz enden: Uli Burchardt vor den Feldern am Hafner, wo mittelfristig Tausende Menschen leben sollen.
Hier könnte die Außenentwicklung von Konstanz enden: Uli Burchardt vor den Feldern am Hafner, wo mittelfristig Tausende Menschen leben sollen. | Bild: Scherrer, Aurelia

„Ich denke aber: Es könnte das letzte Projekt in der Außenentwicklung von Konstanz sein.“ Keine noch größere Stadt? Er sei für städtisches Wachstum. In Maßen. Deshalb sei er „ganz froh“, dass das Tempo im Vergleich zu den 2010er-Jahren zuletzt etwas gedrosselt war.

„Die Alternative wäre eine schrumpfende Stadt, einen Stillstand gibt es nicht. Und das kann niemand ernsthaft wollen“, sagt er. Wachstum finanziere Infrastruktur, schaffe Angebote für Bürger.

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Was macht Burchardt am wenigsten Spaß im Amt?

Für sie hätte er gerne mehr Zeit. Was ihm als OB am wenigsten Spaß macht? „So oft Nein sagen zu müssen, wenn man persönlich zu Terminen oder Veranstaltungen gebeten wird“, sagt er. Ein mit Sitzungs- und Pflichterminen gefüllter Kalender ermögliche zu wenige davon. Burchardt versucht, seine Zeit „gerecht auf die Stadt zu verteilen“.

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Zumal er froh ist, dass auch jede Woche mindestens ein positives Ereignis im Terminplan anstehe, das ihn mit Bürgern der Stadt zusammenbringe: vom 100. Geburtstag bis zum Schulklassen-Besuch. „Mitbewerbern ohne Führungserfahrung, die erzählen, man müsse das Ohr noch mehr bei den Bürgern haben, denen kann ich nur raten: Vorsicht, der OB-Kalender ist manchmal ein Tsunami.“

Ein Mann unter Beobachtung

Wie ein solcher ist er auf dem Rad nicht unterwegs.

Nur mit Helm: Burchardt weiß um seine Vorbildfunktion – und dass er ständig beobachtet wird.
Nur mit Helm: Burchardt weiß um seine Vorbildfunktion – und dass er ständig beobachtet wird. | Bild: Scherrer, Aurelia

Uli Burchardt weiß um seine Vorbildfunktion – und darum, dass er unter Beobachtung steht: Der Helm ist obligatorisch, Schulterblick, sehr deutliche Handzeichen beim Abbiegen ebenso. Im Kreisverkehr zeigt er selbst an, dass er geradeaus weiterfahren wird.

Vor der Ankunft an den Feldern hinter Wollmatingen will er unter anderem auf der Z-Brücke anhalten. „Ein guter Ort, um sich die Stadtentwicklung der vergangenen Jahre zu vergegenwärtigen“, wie er sagt.

Ein Ort, an dem Stadtentwicklung von Konstanz sichtbar werde: Die Z-Brücke am Bahnhof Petershausen.
Ein Ort, an dem Stadtentwicklung von Konstanz sichtbar werde: Die Z-Brücke am Bahnhof Petershausen. | Bild: Scherrer, Aurelia

Konstanz erweitere seine Innenstadt auf die gegenüberliegende Rheinseite. „Im Dreieck Sternenplatz-Zähringerplatz-Brückenkopf Nord ist schon heute vieles nicht mehr wiederzuerkennen“, meint er auf seine Amtszeit zurückblickend, „und wird sich mittelfristig noch vieles mehr zu einem positiven Stadtbild verändern“, ergänzt er in Richtung Zukunft.

Hätte Stadt Siemens-Gelände kaufen müssen?

Nicht weit entfernt liegt das Bückle-Areal. Wo die Stadt, sagen Kritiker, von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch hätte machen sollen. Es sei nur an einem kleinen Betrag im Vergleich zu den vom letztlich vom Käufer i+R bezahlten 28,6 Millionen Euro gegangen.

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Nein, wendet Burchardt ein, weil das „mehrere Millionen über dem intern besprochenen Limit lag“ und der Investor vertrauenswürdig sei. „Wichtig ist doch, dass die Stadt über das Baurecht verfügt und entsprechende Vorgaben durchsetzen konnte,“ sagt der Amtsinhaber.

Am Bodenseeforum gab es keinen Stopp. Absicht, um kritische Fragen zum Streitthema zu umfahren? Zufall, versichert Burchardt. „Es stimmt nicht, dass ich beim Kauf des Gebäudes fürs heutige Bodenseeforum den Gemeinderat in irgendeiner Form überrumpelt habe“, sagt er zur Kritik, er hätte kurz vor der damaligen Gemeinderatswahl unnötig Entscheidungsdruck ausgeübt.

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„Mein Verhältnis zum Gemeinderat ist vertrauensvoll“

„Überhaupt ist mein Verhältnis zum Gemeinderat vertrauensvoll.“ Das Veranstaltungshaus in städtischer Hand zu belassen, hält er trotz der notwendigen jährlichen Millionenzuschüsse für richtig.

Kurz darauf schickt der 49-Jährige dann noch eine Nachricht hinterher – es geht noch einmal ums Bodenseeforum und eine Klarstellung: „Ich habe damals explizit gesagt: Natürlich steckt in diesem Business-Plan auch ein Risiko, aber dieses Risiko können wir uns in diesen Jahren leisten.“ Das Thema scheint ihm dann doch wichtig zu sein.