Jetzt zerstöre doch bitte jemand endlich Karthago! Manche werden sich aus dem Latein-Unterricht an Catos übersetzte Worte erinnern: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam. „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.“

Nimmermüde soll der römische Staatsmann jede seiner vielen Reden mit diesem Satz beendet haben. Egal, ob es nun um Kanäle, neue Münzen oder einen Tempelbau ging. Immer wieder dieses Karthago, nur um sein Ziel irgendwann einmal erfüllt zu sehen.

Weg vom alten Rom, blicken wir nach Konstanz

Echt beharrlich, werden manche dazu sagen. Völlig realitätsfern, andere. Nun ist Konstanz nicht Rom, der Ratssaal kein Forum Romanum und Stadträte präsentieren auch nicht die neuesten Tuniken. Auch ist nicht zu befürchten, dass vom Bodensee aus die Auslöschung einer Großmacht gefordert wird. Im Gegenteil: Statt um Zerstörung geht es dort künftig noch mehr um den Erhalt. Aber: Die Lage ist ernst in Sachen Klima.

Anfang dieser Woche rummste es. Ein von einem knallenden, qualmenden Riesen-Feuerwerk und zigtausend Müll und Abgas produzierenden Gästen besuchtes Seenachtfest – wie passt das noch zu den Zielen des jüngst ausgerufenen Klimanotstands?

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Der Klimanotstand: Vom belächelten Begriff zum politischen Instrument

Vor etwas mehr als einem Monat wurde der Beschluss des Gemeinderats vielfach belächelt. Da sei wortreich etwas versprochen worden, dem keine Taten folgen würde, hieß es. Und überhaupt: Was bringe der Konstanzer Aktionismus, die Ursachen für den Klimawandel lägen doch ganz woanders.

Oberbürgermeister Uli Burchardt lehnt sich weit aus dem Fenster, wenn er sagt: Das Seenachtfest entspreche nicht mehr dem Zeitgeist, passe nicht mehr zur Stadt und sollte seiner Meinung nach zu einem kleineren Fest verschlankt werden.

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Er dürfte damit wohl die Hälfte der Konstanzer auf seiner Seite haben. Die übrigen hat er wahlweise verstimmt oder zum Kopfschütteln gebracht.

Aus Klimafreundlichkeit Hand ans Seenachtfest legen – wer hätte diesen Schritt erwartet?

Jene aber, die von Tatenlosigkeit nach dem herbeizitierten Klimanotstand ausgingen, verlieren ein Argument. Dass aus Gründen der Klimafreundlichkeit Hand ans Seenachtfest gelegt werden könnte, hatten wohl nicht viele als ersten größeren Schritt erwartet. Damit wurde ein erster Pflock gesetzt, was von Verwaltung und Politik in den kommenden Jahren zu erwarten ist.

...und wer wirkt sich doch auf den Alltag aus

Natürlich ist nicht das 80.000-Euro-Feuerwerk das eigentliche Problem, an Silvester wird wohl kaum weniger Feinstaub in die Luft geblasen. Der wahre Klimakiller – um neben dem Notstand einen weiteren schlagenden Begriff zu wählen – sind der produzierte Müll, der zusätzliche Verkehr, die verbrauchte Energie.

Die Signalwirkung, wenn das Seenachtfest in jetziger Form infrage gestellt wird, ist aber klar: Der Klimanotstand wirkt sich sehr wohl auf den Alltag aus.

Was sich beim Seenachtfest wie durch einen Lautsprecher verkündet als Nachricht in ganz Deutschland verbreitet, geht an anderer Stelle leise weiter. Frei nach Cato ist vor vielen Entscheidungen im Gemeinderat oder innerhalb der Verwaltung schon jetzt zu hören: Ceterum censeo caelum esse salvandum. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Klima gerettet werden muss.

Weihnachtsbeleuchtung, Kunstrasen am Hockeyplatz – ist das Okay fürs Klima?

Wie verträgt sich denn die Weihnachtsbeleuchtung mit dem Klimanotstand? Das wurde neulich gefragt, als es im Fachausschuss um die nötigen Mittel für neue Lichtlein und Sterne in der adventlichen Innenstadt ging. Die Antwort: Der Energieverbrauch der Beleuchtung scheint nicht dramatisch, das Deko-Material umweltverträglich abbaubar.

Am selben Tag galt es zu klären: Welche – womöglich umweltbelastenden – Substanzen stecken eigentlich im neuen Kunstrasen, der am Hockeyplatz verlegt werden soll? Antwort: keine.

Beide Beispiele klingen kurios bis abwegig

Zumal sich sowohl bei der Weihnachtsbeleuchtung wie beim Hockeyplatz zeigte, dass Verwaltungsmühlen langsamer mahlen, als manch Gemeinderatsentscheidung. Denn bearbeitet wurden die entsprechenden Vorlagen noch bevor der Klimanotstand ausgerufen worden war. Und damit auch bevor Gemeinderatsvorlagen mögliche positive oder negative Auswirkungen auf Umwelt und Klima ausweisen müssen.

Ob man den Begriff Klimanotstand nun für geeignet hält oder nicht. Tatsache ist: Das Thema geht nicht mehr so schnell weg. Es wird wiederkehren. Bei weniger kuriosen Entscheidungen als der Wahl nach der ökologisch sinnvollsten Weihnachtsbeleuchtung.

Diese Umstellung wird dauern, begonnen werden muss sie aber jetzt

Und bei weniger emotional aufgeladenen als einer Debatte über Sinn oder Unsinn eines Seenachtfests als Massenevent. An Karthago arbeiteten sich die Römer mehr als ein Jahrhundert ab, von drei verlustreichen Kriegen einmal ganz abgesehen. Zeit zur Umstellung werden auch die Stadt Konstanz und ihr Gemeinderat benötigen.

Mögen sie loslegen, ganz ohne Kämpferei.

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