Ein historisch bedeutsames Gebäude im Herzen von Waldshut steht vor einer Zäsur. Das Haus der Rats-Apotheke, die 141 Jahre lang im Eigentum der gleichen Familie war, ist verkauft worden. Zumindest vorläufig stellt die Apotheke in der Kaiserstraße, die das älteste Arzneimittelgeschäft in der Stadt ist, bereits diesen Monat ihren Betrieb ein. Über eine mögliche Nachfolgelösung ist bislang nichts bekannt. Für das denkmalgeschützte Anwesen liegt bei der Stadt ein Antrag für Sanierungs- und Umbauarbeiten vor.

Von 1976 bis 2006 wurde der Betrieb geführt von dem Apotheker-Ehepaar Peter und Lieselotte Hoppe. Sie war bislang Eigentümerin des Geschäftshauses und ist die Urenkelin von Julius Beuttel, der das Arzneimittelgeschäft im Jahr 1880 übernommen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Apotheke vermutlich schon über 200 Jahre bestanden. Über das Gründungsjahr gibt es jedoch laut einer Firmenchronik keine Unterlagen.

Nun haben Lieselotte und Peter Hoppe, die im Alter von 77 und 82 Jahren heute in Freiburg leben, sich zum Verkauf entschlossen. Grund dafür ist nach ihren Angaben der Sanierungsbedarf an dem Gebäude, der angesichts des Denkmalschutzes mit dem entsprechenden Aufwand verbunden ist. Lieselotte Hoppe im Gespräch mit dieser Zeitung: „Ein solches Millionenprojekt wollten wir in unserem Alter nicht mehr in Angriff nehmen.“ Nach ihren Angaben wechselt die Immobilie zum 1. Juli 2021 den Eigentümer. Von dem gesamten Gebäudekomplex, zu dem auch ein Hinterhaus zählt, wurden in den vergangenen Jahren lediglich die Apothekenräume im Erdgeschoss genutzt. Ehemals bestand im ersten Obergeschoss eine Arztpraxis.

Letzter Pächter der Rats-Apotheke in der Ära der Familie Beuttel ist Christian Milbrandt (Archivfoto), der zum Monatsende Juni auf eigenen Wunsch den Vertrag beendet.
Letzter Pächter der Rats-Apotheke in der Ära der Familie Beuttel ist Christian Milbrandt (Archivfoto), der zum Monatsende Juni auf eigenen Wunsch den Vertrag beendet. | Bild: Gerard, Roland

Nach dem Rückzug aus dem Betrieb hatte das Ehepaar Hoppe die Apotheke verpachtet. Zuletzt führte Christian Milbrandt, der vor der Übernahme Filialleiter einer Apotheke in Lörrach war, das Geschäft. Zeitgleich mit dem Verkauf des Gebäudes beendet der 47-Jährige auf eigenen Wunsch den Pachtvertrag. Auf Anfrage dieser Zeitung nennt er mehrere Gründe. „Ich möchte mehr Zeit für meine Familie haben“, ist einer davon. Doch es gibt auch geschäftliche Faktoren: Wachsende gesetzliche Auflagen und zunehmende Internet-Konkurrenz nennt Milbrandt als Beispiele. Für sinkende Kundenzahlen hat er auch eine weitere Ursache ausgemacht: „Es gibt immer weniger Ärzte in Waldshut.“ Der Umsatz-Einbruch durch die Corona-Krise sei hingegen nicht ausschlaggebend gewesen, meint Milbrandt, der künftig als Angestellter in der Apotheke seiner Ehefrau in Todtmoos tätig sein wird.

Lieselotte und Peter Hoppe berichten, dass sie vergeblich Ausschau nach einem neuen Betreiber gehalten hätten. Auch sie verweisen auf verschlechterte Rahmenbedingungen. „Die Entwicklung im Apothekensektor macht es immer schwerer, Betreiber zu finden“, meint Lieselotte Hoppe. Bereits Ende 2015 hatte die Schwarzwald-Apotheke, die ebenfalls in der Kaiserstraße ansässig war, für immer geschlossen.

Katina Lindmayer, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der
Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, bestätigt die Problematik und erklärt auf Anfrage dieser Zeitung unter anderem: „Ein Hauptgrund sind sicherlich die etlichen bürokratischen Hindernisse.“

Im Jahr 1898 entstand dieses Foto von der Rats-Apotheke in der Waldshuter Kaiserstraße.
Im Jahr 1898 entstand dieses Foto von der Rats-Apotheke in der Waldshuter Kaiserstraße. | Bild: Archiv Familie Hoppe

Der neue Eigentümer des Gebäudes will sich zum jetzigen Zeitpunkt zu seinen Plänen für die Immobilie nicht äußern. Ein Antrag für Sanierungs- und Umbauarbeiten liegt bereits bei der Stadtverwaltung vor, die auf Anfrage dieser Zeitung aber ebenfalls keine Einzelheiten nennen wollte. Bürgermeister Baumert: „Das Baugesuch ist eingereicht und befindet sich aktuell in der denkmalschutzrechtlichen Klärung.“

Voraussichtlich am Montag, 14. Juni, wird der Noch-Pächter Christian Milbrandt letztmals die Ladentür aufschließen. Ob die Geschichte der ältesten Apotheke Waldshuts danach für immer zu Ende geht, ist derzeit noch unklar. Lieselotte Hoppe sagt jedenfalls: „Gemäß dem Kaufvertrag wird die Apotheke mit allen Betriebseinrichtungen von uns geräumt.“

Das könnte Sie auch interessieren

„Eine uralte Tradition ist zu Ende gegangen“

  • Apotheken in Waldshut: Neben der Rats-Apotheke gibt es in der Kaiserstraße nahe dem Oberen Tor die Löwen-Apotheke, beim Krankenhaus die Engel-Apotheke und im Kaufland-Markt die Bären-Apotheke. Bereits seit Ende 2015 für immer geschlossen ist die Schwarzwald-Apotheke, die auf der Nordseite der Kaiserstraße ansässig war. Bis heute stehen die Ladenräume leer.
  • Das Gebäude der Waldshuter Rats-Apotheke steht, wie der Name nahegelegt, gegenüber dem Rathaus. Das Hauptgebäude besteht aus Erdgeschoss, zwei Obergeschossen und zwei nicht ausgebauten Dachgeschossen. Genutzt wurden zuletzt lediglich die Apothekenräume im Erdgeschoss mit 160 Quadratmetern Fläche. Zur Immobilie gehört auch ein Hinterhaus Richtung Rheinstraße, gegenwärtig als Lager verwendet. Das Alter des Gebäudes, das unter Denkmalschutz steht, ist nicht bekannt. Einen Hinweis auf das Gründungsdatum der Apotheke gibt jedoch die Einprägung auf einem Bronzemörser, der sich einst im Bestand der Apotheke befand und später an einen Besitzer in Bad Säckingen wechselte: „Johann Adam Dempfli Apotegger in Walts Huet 1699“. Ein Apotheker Dempfli wird bereits 1644 im Zinsbuch der Stadt erwähnt. Demzufolge muss die Apotheke weit über 300 Jahre alt sein.
  • Die Familiendynastie: Laut einer Chronik der Rats-Apotheke aus dem Jahr 1953 blickte die aus Amberg in Bayern stammende Familie Beuttel seinerzeit bereits auf 400 Jahre Apotheker-Tradition zurück. Die Waldshuter Ära begann am 1. Juli 1880, als der Apotheker Julius Beuttel aus Rheinbischofsheim in der Ortenau die Rats-Apotheke als damals einzige Apotheke in der Stadt übernahm und das Gebäude kaufte. Julius Beuttels Urenkelin Lieselotte Hoppe führte zusammen mit ihrem Mann Peter Hoppe von 1976 bis 2006 den Betrieb, der danach an externe Apotheker verpachtet wurde: Bis 2012 Helmut Fischer, danach bis zuletzt Christian Milbrandt. „Eine uralte Apothekertradition ist zu Ende gegangen“, sagt Lieselotte Hoppe jetzt zum Verkauf des Gebäudes. (ger)