Das Tiengener Langenstein-Stadion ist wohl bekannt. Seinen Namensgeber, den „Langen Stein“, am gegenüberliegenden Wutachufer kennen aber nur wenige. Um die raue, in der umgebenden Landschaft der renaturierten Wutach aber fast schon wieder unscheinbare steinerne Säule ranken sich neben dem Efeu auch viele Geheimnisse. Stand er schon immer hier, oder wurde er hergebracht? Wozu diente er? Und, was hat es er mit den Tiengener Kindern zu tun?

Erstmals im Jahre 858 erwähnt

Feststeht, der fast sechs Meter hohe Nagelfluh-Pfeiler ist der größte von vier sogenannten „Menhiren“ (aus dem Bretonischen: maen = Stein, hir = lang) in der Region und als der höchste am Hochrhein.

Erstmals im Jahr 858 erwähnt ist spätestens seit dem elften Jahrhundert belegt, dass am Langen Stein bis mindestens ins 17. Jahrhundert das Kaiserliche Klettgauer Landgericht abgehalten wurde, bevor hierfür immer öfter auch geschlossene Räume genutzt wurden. „Gerichtsstätten haben sich im Mittelalter grundsätzlich unter freiem Himmel, meist an einer erhöhten oder sonst wie hervorgehobenen Stelle befunden, was der Lange Stein zweifellos war“, erklärt Stadtarchivar Ingo Donnhauser.

Während NS-Zeit zu Propagandazwecken missbraucht

Während der NS-Zeit hatte der Stein als „Germanische Thing-Stätte“, wo Gerichtsversammlung nach altem germanischem Recht abgehalten wurden, ideologische Bedeutung. Aber der Stein scheint auch ganz anderen Zwecken gedient zu haben.

Möglicher Ort von Fruchtbarkeitsriten

In verschiedenen Quellen findet sich die Bezeichnung „Chindlistai“ als Bezeichnung für den Ort, wo die neugeborenen Kinder herkommen. Wie es zu dieser Bezeichnung kam und ob sie damit zusammenhängt, dass hier Ehen geschlossen oder Fruchtbarkeitsriten durchgeführt worden sein könnten, ist nicht bekannt. Einer alten Sage nach soll in dem Stein aber eine Fee wohnen, die ihre Hilfe bei Unfruchtbarkeit anbieten soll.

Eine der gut belegten Versammlungen fand hier im Jahr 1524 während des Bauernkrieges statt. Ihre Teilnehmer bekannten sich damals am Langen Stein zur Reformation, in der Hoffnung, von der protestantischen Stadt Zürich in ihren politischen Anliegen unterstützt zu werden, berichtet Stadtarchivar Donnhauser.

Der Lange Stein besteht aus Nagelfluh, einem grobkörnigen Gesteins-Konglomerat, das auch in der Umgebung vielfach vorkommt. Die vertikale Ausrichtung der Kiesel ist ein Beweis dafür, dass das Gestein nach seiner Entstehung aufgerichtet wurde.
Der Lange Stein besteht aus Nagelfluh, einem grobkörnigen Gesteins-Konglomerat, das auch in der Umgebung vielfach vorkommt. Die vertikale Ausrichtung der Kiesel ist ein Beweis dafür, dass das Gestein nach seiner Entstehung aufgerichtet wurde. | Bild: Peter Rosa

Ursprüngliche Herkunft unklar

Aber wie kam der Lange Stein hierher? Manfred Emmerich ist pensionierter Lehrer und Heimatforscher. Er ist überzeugt: „Der Lange Stein ist ein Menhir aus vorgeschichtlicher Zeit, der vor 4000 bis 5000 Jahren, also während der Jungsteinzeit, von Menschenhand herbeigeschafft und aufgerichtet worden ist.“

Beweise dafür seien 1936 gefunden worden, als Ausgrabungen unter dem Stein verbranntes Holz zu Tage gebracht hatten und auf Transportrollen oder irgendeine Art der Aufstellvorrichtung schließen lassen. Hierfür spreche laut Emmerich auch der Standort: Der Lange Stein befindet sich am Schnittpunkt der ost-westlich verlaufenden Völkerstraße des Rheintals mit der nord-westlich verlaufenden Aaretal-Straße. Hier kommen Rhein, Aare, Wutach, Schlücht, Steina und der Talbach zusammen.

Schon immer siedelten und wanderten Menschen an Flüssen oder Gewässern. Trinkwasser, Nahrung und das meist ebene Ufer erleichterten das Überleben und die Fortbewegung. Zudem dienten die Wutach und ihre Nebenflüsse in Richtung Norden schon immer als ein Zugang in den Schwarzwald. Bereits die Römer siedelten im Bereich Tiengen und uralte Hügelgräber beim Stadtteil Homburg zeugen ebenfalls von einer frühen Besiedlung und der „guten Verkehrslage“ des Ortes.

Glücksbringer für den FC Tiengen 08

Von wem der Stein schlussendlich aufgerichtet wurde, und wozu er ursprünglich gedient haben mag, darüber gehen die Meinungen von Historikern und Geologen auseinander. Dass der Lange Stein lediglich der von der Wutach ausgewaschene Überrest eines einst viel größeren Nagelfluh-Vorkommens sei, kann aufgrund der Holzfunde an seiner Basis und die senkrechte Schichtung seiner Kiesel ausgeschlossen werden, so Emmerich.

Dass der Lange Stein an der Wutach aber dem FC Tiengen, der seit 1908 am direkt angrenzenden Fußballplatz spielte, als Glücksbringer so manch einen Sieg beschert haben dürfte, ist so gut wie sicher – so zumindest eine Anekdote seitens FC-Geschäftsführer Rainer Schillinger. Bei Niederlagen war er natürlich ebenfalls schuld.