Die Musikpädagogik, also das Musizieren mit jungen Menschen, kennt man. Die Musikgeragogik jedoch ist noch weitestgehend unbekannt. Diese beschäftigt sich mit der musikbezogenen Bildung im Alter. So auch Ingeborg Scheiner, die 36 Jahre als Musiklehrerin an der Musikschule Südschwarzwald tätig war, sich einen Ruhestand ohne musikalische Tätigkeit jedoch nicht vorstellen mochte. Ältere Menschen über die Musik zu erreichen und dem Altern mit einer musikalischen Beschäftigung entgegenzuwirken, ist ihr erklärtes Ziel: "Das gemeinsame Singen und Musizieren gibt den Menschen wichtige positive Momente. Außerdem unterstützt die musikgeragogische Arbeit die Erhaltung, Wiederherstellung und Förderung der Gesundheit bei betagten Menschen."

Mit Begeisterung: Die Bewohner des Haus am Vitibuck freuen sich über Klanghölzer, Zimbeln, Schellen, Egg-Shaker, Tamburine und Klangbausteine.
Mit Begeisterung: Die Bewohner des Haus am Vitibuck freuen sich über Klanghölzer, Zimbeln, Schellen, Egg-Shaker, Tamburine und Klangbausteine.

Im Jahr 2015 absolvierte die Musiklehrerin im (Un-)Ruhestand, über die Fachhochschule Münster und dem Verband Bayerischer Sing- und Musikschulen, eine Ausbildung zur Musikgeragogin. Über diese Weiterbildung wurde Ingeborg Scheiner auf die Veeh-Harfen aufmerksam, ein Instrument, das Herrmann Veeh einmal für seinen Sohn mit Down-Syndrom konzipierte. Unter die Saiten wird eine Schablone mit Punkten gelegt, diese Seiten werden dann nacheinander gezupft. "Die Veeh-Harfe kann jeder ganz leicht ohne Noten spielen", erklärt Ingeborg Scheiner. Für das Instrument können sich viele begeistern. Inzwischen leitet sie in der Volkshochschule Lauchringen drei Veeh-Harfen-Gruppen, in Altersstufen von 55 bis 80 Jahren.

Gruppe von rund 30 Bewohnern

Seit zwei Jahren kommt Ingeborg Scheiner schon jeden Dienstag ehrenamtlich in das Seniorenheim "Haus am Vitibuck" in Tiengen. Unterstützt wird sie dabei von Maria Isele und Gisela Lorenz, zwei Veeh-Harfenspielerinnen aus ihrem VHS-Kurs sowie dem Pflegepersonal. In einer Gruppe von rund 30 Bewohnern wird gesungen und musiziert. Dabei kommen vor allem Rhythmusinstrumente wie Klanghölzer, Zimbeln, Schellen, Egg-Shaker, Tamburine und Klangbausteine zum Einsatz. Für Bewegung sorgen unter anderem bunte Chiffontücher, die im Rhythmus der Musik bewegt, hochgeworfen und wieder gefangen werden.

Ohne Noten: Musikgeragogin Ingeborg Scheiner erklärt wie einfach das Musizieren mit einer Veeh-Harfe ist.
Ohne Noten: Musikgeragogin Ingeborg Scheiner erklärt wie einfach das Musizieren mit einer Veeh-Harfe ist.

Bis vor kurzem stellte die Musikschule Südschwarzwald dazu die Instrumente zur Verfügung, welche dann von Ingeborg Scheiner hin und her gefahren sowie sorgfältig ein- und ausgepackt wurden. Damit die Instrumente nicht mehr ausgeliehen werden mussten, startete sie eine Sponsorenaktion, bei der durch den Lions Club sowie Geschäftsleuten aus Tiengen und Lauchringen insgesamt 4500 Euro zusammen gekommen sind. "Nun haben wir alles vor Ort", berichtet die fleißige Spendensammlern glücklich. Auch die Bewohner des Seniorenzentrums Haus am Vitibuck, freuen sich über ihre neuen Instrumente.

Die Gruppe ist gemischt mit Männern und Frauen, einige mit Demenzerkrankung in unterschiedlichen Formen oder auch mit körperlichen Einschränkungen. Dies alles wird bei der Gestaltung der Musikstunden berücksichtigt und erfordert didaktisch-methodisches Geschick. Bei den meisten Menschen mit Demenzerkrankung sind die Lieder aus der Vergangenheit im Langzeitgedächtnis verankert und bilden so eine Brücke in die Gegenwart. "Die Musik kommuniziert dort, wo das gesprochene Wort nicht mehr vordringen kann", erklärt Ingeborg Scheiner.

Das stellt auch Anna Offermann-de Boor, Leiterin der Einrichtung, fest: "Wir erleben oft, dass Menschen, die ganz in sich versunken zu sein scheinen, schon nach den ersten Klängen der Musik den Blick heben und in Kontakt mit uns treten. Sie blühen auf und sind insgesamt ausgeglichener". Auch den Unruhe- und Angstzuständen solle auf diese Weise vorgebeugt werden, so dass auf Medikamente wie beispielsweise Psychopharmaka idealerweise verzichtet werden könne.