Nach der Grundschule ist Schluss: An der Wutach-Schule für körperbehinderte Kinder in Tiengen gibt es keine Hauptstufe, das heißt, die Schüler müssen auf andere Schulen wechseln. Die Wutach-Schule ist ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Schulen, die eine Hauptstufe mit dieser Art Förderung haben, sind alle weiter weg und ihr Besuch in der Regel mit einer Unterbringung in einem Internat verbunden. Was heißt, dass die Schüler nur noch an den Wochenenden und in den Ferien zu Hause sind. Nicht alle Eltern wünschen dies.

Die Elternbeiratsvorsitzenden Pamela Indlekofer und Jürgen Schmidt setzen sich für eine Hauptstufe an der Tiengener Wutach-Schule ein.
Die Elternbeiratsvorsitzenden Pamela Indlekofer und Jürgen Schmidt setzen sich für eine Hauptstufe an der Tiengener Wutach-Schule ein. | Bild: Ursula Freudig

Dass keine wohnortnahe Wahlmöglichkeit besteht, ist für Jürgen Schmidt, Elternbeiratsvorsitzender an der Wutach-Schule und seine Stellvertreterin Pamela Indlekofer eine unhaltbare Situation. Seit rund zwei Jahren kämpfen sie deshalb für einen Unterricht an der Wutach-Schule bis Klasse zehn. Nach ihrer Aussage, könnte dort eine erste Hauptstufenklasse ohne größeren Aufwand schon kommendes Schuljahr eingerichtet werden. Bedarf wäre da, sagen die Vorsitzenden, und stützen sich dabei auf Befragungen von Eltern.

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Um ihrem Anliegen mehr öffentliches Gewicht zu geben, haben sie eine Online-Petition gestartet, die Interessenten unterstützen können. „Unsere Kinder brauchen eine Stimme und durch die Petition werden sie erstmals laut“, sagt Jürgen Schmidt. „Von einem Tag auf den anderen werden sie aus ihrer vertrauten Umgebung rausgerissen. Wie soll man dem Kind erklären, dass man sich erst am Freitag wiedersieht“, ergänzt Pamela Indlekofer. Gerade für Kinder mit Behinderung sind nach Aussage der beiden Vorsitzenden feste Strukturen und ein Zuhause, das Geborgenheit und Sicherheit gibt, extrem wichtig.

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Eine weiterführende inklusive Beschulung in einer Regelschule – die wohnortnah möglich wäre – ist für Schmidt und Indlekofer keine Alternative. Sie wäre für die in der Regel auch geistig behinderten Schüler der Wutach-Schule nicht geeignet und für eine individuelle Förderung würden in Regelschulen die Voraussetzungen fehlen. „Wenn wir wollen, dass die Kinder nach Verlassen der Wutach-Schule weiter gefördert werden, müssen wir sie weggeben“, sagt Jürgen Schmidt deshalb. Für ihn werden dadurch die Schwächsten noch schwächer gemacht.

Treffen mit der Kreisverwaltung

Der Landkreis Waldshut ist Träger der Wutach-Schule. Er könnte einen Antrag auf Einrichtung einer Hauptstufe beim Staatlichen Schulamt in Freiburg einreichen. Zu diesem Thema findet noch ein Treffen mit den beiden Elternbeiratsvorsitzenden, Vertretern des Landkreises Waldshut und des Schulamts Lörrach statt.

Markus Siebold ist beim Landratsamt Waldshut Leiter des Amtes für Kreisschulen und Liegenschaften.
Markus Siebold ist beim Landratsamt Waldshut Leiter des Amtes für Kreisschulen und Liegenschaften. | Bild: Bernd Schumacher/Landratsamt

„Es ist keine Versorgungslücke“

Markus Siebold ist beim Landratsamt Waldshut Leiter des Amtes für Kreisschulen und Liegenschaften.

Herr Siebold, wie viele Kinder haben diesen Sommer die Wutach-Schule verlassen?

Elf, das sind besonders viele, im vergangenen Schuljahr waren es lediglich vier. Das staatliche Schulamt Lörrach hat für sie den sonderpädagogischen Bildungsanspruch und den Förderschwerpunkt neu festgelegt und den Eltern Wahlmöglichkeiten aufgezeigt. Nach unserer Kenntnis, wurde für sechs eine Weiterbeschulung im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung festgestellt und für fünf der Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, was nicht verwunderlich ist, denn die Mehrzahl der Kinder an der Wutach-Schule sind auch kognitiv beeinträchtigt. Ein Kind wird voraussichtlich inklusiv weiter beschult und vier Eltern haben für ihre Kinder die Esther-Weber-Schule in Emmendingen-Wasser gewählt, die unter der Woche mit einer Internatsunterbringung einhergeht.

Wie stehen die Chancen auf Einrichtung einer Hauptstufe an der Wutach-Schule in Tiengen?

Wir verstehen, dass es einigen Eltern Mühe bereitet, wenn ihr Kind nach der Grundstufe in ein Internat soll. Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat jedoch für die Einrichtung von sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren Mindestschülerzahlen festgelegt. Diese werden an der Wutach-Schule wohl nicht erreicht, es zeichnet sich eher ein Rückgang der Schülerzahlen ab. Weitere Prüfungen durch das Staatliche Schulamt sind aber erforderlich. Für Kinder, bei denen sich der Förderschwerpunkt verschiebt, ist eine Weiterbeschulung vor Ort in der Hauptstufe der Carl-Heinrich-Rösch-Schule, einem SBBZ mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, möglich. Dies wollen wir durch das räumliche Aneinanderrücken und die Kooperation der beiden Schulen weiter fördern.

Sie sehen keine Versorgungslücke im Kreis Waldshut?

Nein, dass die Wutach-Schule keine Hauptstufe hat, ist keine Versorgungslücke. Dass es nicht für alle Bedarfe alle Schulen gibt, ist nicht nur im Landkreis Waldshut so. Es gibt auch keine allgemeinen Antworten. Für jedes Kind muss der weitere schulische Weg individuell festgelegt werden. Verschiedene Eltern wünschen sich für ihr Kind eine Weiterbeschulung in Emmendingen-Wasser. Für andere, vor allem aus dem westlichen Kreisgebiet, kommt auch die privat geführte Carl-Rolfus-Schule in Rheinfelden-Herten in Betracht.