Warum in die Ferne schweifen, das Gute ist nicht nur nah, es liegt sogar schon fast auf dem Teller. Bei der diesjährigen Bürgerfahrt des Landkreises mit Landrätin Marion Dammann machten rund vierzig Bürgerinnen und Bürger eine Ausfahrt in den Schwarzwald. Denn, so sagte der Geschäftsführer des Naturparks Südschwarzwald Roland Schöttle, Landschaftschutz könne man auch mit Messer und Gabel betreiben.

Mehr von den Arbeitsbedingungen der Menschen zu erfahren, mehr über die Produktion unserer Nahrung war die Motivation der Teilnehmer. Schöner konnte sich der Landkreis auch gar nicht präsentieren, als mit seinen beiden Zielen Tunau und Gersbach, mitten in der Bergwelt, umrahmt von dunklen Wäldern.

Gemüse und Wein, so die Themen der Bürgerfahrt 2018, wachsen in den Höhenlagen des Schwarzwalds nicht. Landwirtschaft heißt hier Milch- und Fleischwirtschaft. Die Beweidung seit Jahrhunderten hat den Schwarzwald in seiner heutigen Erscheinung geschaffen. Werden die Hänge nicht mehr beweidet, verbuschen sie in Kürze. So ist der Ausflug auch ein Plädoyer für den bewussten Fleisch- und Milchkonsum, um so die Landschaft des Schwarzwaldes offenzuhalten.

Denn, wer tut dies sonst, wenn nicht Rinder, Schafe und Ziegen. Doch die Landwirtschaft ist rückläufig auch im Landkreis Lörrach. Pro Jahr gehen rund 30 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen aufgrund der Zersiedlung verloren. Im Landkreis Lörrach arbeiten 80 Prozent der 1024 Landwirte im Nebenerwerb. 79 Prozent der Höfe sind Rindfleisch- und Milchbetriebe, Schaf und Ziegenbetriebe machen gerade sechs Prozent aus. Wobei die Flächenoffenhaltung durch Ziegen am effektivsten ist. Doch das Ziegenfleisch leidet unter einem Akzeptanzproblem nicht nur an den Fleischtheken der Supermärkte. So hofft der Landkreis, mit der Bürgerfahrt 40 Multiplikatoren gewonnen zu haben, die für das Ziegenfleisch aus heimischer Haltung werben werden.

Klaus Rümmele von der Weidegemeinschaft Zweistädteblick in Tunau jedenfalls tat alles dafür, um alle Vorurteile gegenüber dem Fleisch der Ziege zu entkräften. An seinem Stall oberhalb von Tunau hängt das Gehörn seines letzten Ziegenbocks. Sechs Jahre alt sei er geworden, doch auch er habe nicht gestunken, betont der Ziegenzüchter aus Leidenschaft. Auch im Stall mit letztjährigem Mist riecht nichts streng und mit den Wurstproben können die Rümmeles auch die letzten Skeptiker überzeugen. Morgens um fünf steht Klaus Rümmele auf und schaut nach den Tieren.

Nach seiner Arbeit ist er wieder damit beschäftigt, die Tiere zu hegen, Zäune aufzustellen, sie, zum Beispiel, zu behandeln, wenn sie Würmer haben. Halb zehn kann es dann schon auch werden, bis sein Tagwerk vorbei ist. Im Frühjahr hat die Herde rund 100 Ziegen. Die männlichen Tiere werden geschlachtet, bevor sie geschlechtsreif sind.

Kühe aus Hüsingen sind den Sommer über zu Gast

Er tötet sie selbst, sagt er, dann verarbeitet der Metzger das Fleisch. Wie ihm die Tiere durchs Dorf folgen erzählt er, wie ihm dies selbst bei den Gastkühen aus Hüsingen gelingt, die den Sommer über hier auf der Weide sind. Klaus Rümmele liebt seine Arbeit und den Schwarzwald, solche Menschen brauche es, um den Schwarzwald, so wie er ist, zu erhalten, sagt Landrätin Marion Dammann.

Auch die kleinste Rinderrasse Europas weidet an den Steilhängen des Schwarzwalds. Hildegard Schelshorn vom Förderverein Hinterwälder bricht eine Lanze für diese kleine Rinderrasse, die äußerst genügsam und sehr wendig ist. In den 70er Jahren galt diese Rasse als fast ausgestorben, weil sie mit den Hochleistungsrindern nicht mithalten konnte. Milch gibt die Hinterwälderkuh tatsächlich weniger, doch ihr Fleisch überzeugt jeden Gourmet. „90 Prozent unserer Rinder haben Hörner“, erzählt die engagierte Landwirtin aus Bernau. Was im Zuge des Klimawandels auch wieder wichtig sein werde, denn die Hörner haben Einfluss auf den Temperaturhaushalt der Tiere. „Direktvermarktung ist wichtig“, sagt Schelshorn, „Doch ohne die Zahlungen aus Brüssel, Berlin und Stuttgart könnten wir nicht überleben.“

Von der zusätzlichen Wertschöpfung in der Region erzählt Sabine Arango von der Chäschuchi in Gersbach. Mit 20 Jahren ist die Käsetradition im Schwarzwald noch jung. Als Larry und Sabine Arango aus dem Allgäu hier in Gersbach die kleine Käserei übernommen haben, steckte die Tradition noch in den Kinderschuhen. Jetzt verfügen sie über drei Käsekessel, lagern Weich- und Schnittkäse im Keller, beliefern mit ihrem in Handarbeit hergestellten Käse die Wochenmärkte und ausgesuchte Supermärkte der Region. „Wir verwenden keine Konservierungsstoffe“, erzählt Sabine Arango. „Unser Käse ist wie die Milch, die wir bekommen.“ 120 000 Liter verarbeiten die Arangos im Jahr – so viel wie Molkerei Schwarzwaldmilch an einem Tag.

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