Herr Schimm, man kennt Sie von Viva Voce. Nun singen Sie in einem neuen Projekt, das Sie mit Thomas Koch auflegen. Worum geht es genau?

Wir hatten immer einen guten Draht zueinander und haben vor zwei Jahren angefangen, ein Mal wöchentlich zu musizieren. Jeder hat Lieder mitgebracht, die er gerne einmal spielen würde. Das war rein privat. Im Laufe der Zeit hatten wir ein Sammelsurium an Liedern zusammengetragen, bis es sich anbot, das doch einmal an die Öffentlichkeit zu bringen. Wir haben ein Konzert in unserer Heimatstadt Ansbach gegeben und als Zugabe „Guten Abend, gute Nacht“ gespielt. Das war nur für Flügel und Gesang gedacht, und ganz spontan hat Norbert Meyer-Venus, der auch in Bonndorf dabei sein wird, am Kontrabass dazu improvisiert. Die Menschen haben angefangen, mitzusummen. Da war eine knisternde Atmosphäre im Saal, wie vorher bei keinem anderen Lied. Spontan habe ich gesagt, „Singt mit, wenn Ihr wollt“. Es waren rund 250 Leute, die dann alle mitgesungen haben. Das war so eindrucksvoll, dass wir uns gesagt haben, „Von diesen alten vergessenen Liedern, gibt es doch so viele, lass uns doch einmal in diesem Kulturschatz graben“.

Sind die Texte dieser Lieder nicht teilweise verblüffend aktuell?

Das ist es eben. Das älteste Lied, das wir spielen, ist über 600 Jahre alt. An der Wortwahl kann man noch erkennen, dass es wirklich ein Lied ist, das aus der Übergangszeit vom Mittelalter in die Neuzeit ist. Wir haben tatsächlich vor, den Menschen erst einmal nicht zu sagen, aus welcher Zeit das Lied ursprünglich stammt. Wir wollen sie nämlich damit überraschen. Die Lieder kommen erst einmal ganz modern ums Eck. Und dann passiert genau das, was Sie sagen: Das Publikum kann erkennen, dass die Emotionen und Gedanken, sogar teilweise die Themen, die die Lieder tragen, heute genauso aktuell sind, wie damals. Das ist absolut faszinierend.

Wie bereiten Sie das Liedgut musikalisch auf?

Thomas Koch ist ein unglaublich begnadeter Klangmaler. Die Musik ist mal nah am Original, manchmal ist sie so weit weg, dass man sich, wenn das Vorspiel vorbei ist und der Text beginnt, überraschen lassen kann. Aber was allen gleich ist, die Musik untermalt den Text, vergleichbar vielleicht am ehesten mit einer Art Filmmusik, indem man mit Klangbildern arbeitet.

Wie modern ist das?

Sehr modern. Modern im Sinne von aktuell, man mag den Begriff eigentlich nicht nennen – Mainstream. Das Konzert ist nicht intellektuell und schwer zugänglich, sondern eingängig, den Hörgewohnheiten entsprechend, offen für möglichst jeden Menschen. Das waren ja früher diese Lieder auch. Die haben alle gekannt. Einen gewissen Kanon an Liedern hat einfach jeder auswendig gekannt. Das ist uns abhanden gekommen, weil heute Musik künstlich reproduzierbar ist. Als es das nicht gab, hat man die Lieder ja gebraucht. Ich glaube, dass die Lieder den Menschen früher einen Rahmen, eine Hilfestellung gegeben haben.

Gaben die Lieder nicht auch die Chance auf Protest?

Auch das. Aber sie gaben auch Antwort darauf, wie man mit Trauer umgehen kann, wie man mit Heimweh, Fernweh oder mit einer verlorenen Liebe umgeht. Diesen Rahmen geben die meisten neuen Lieder nicht. Heute ist insgesamt fast alles erlaubt, was bestimmt in vielen Bereichen gut ist. Aber wenn ich meine Kinder anschaue, sehe ich eindeutig, dass es denen gut tut, wenn sie einen Rahmen haben. Die suchen Leitlinien, dann fühlen sie sich geborgen. Allgemeingültige Grenzen für die ganze Gesellschaft im Umgang miteinander gibt es einfach nicht mehr. Und mein Gefühl ist, dass die Leute heute vielfach extrem schwimmen, aufgrund dieses fehlenden Rahmens und dass ihnen somit die Wurzeln verloren gehen.

Sie singen auch Lieder von Reinhard Mey. Inwiefern passt der?

Reinhard Mey hat ein Stück geschrieben, das zu unseren beiden Biografien sehr gut passt, nämlich der 51er Kapitän. Das war eines der Lieder unserer Anfangszeit. Wir haben dann immer mehr Lieder von ihm für uns entdeckt, gar nicht mal die ganz bekannten. Für mich ist ein Volkslied ein Lied, das Gültigkeit für einen Kulturkreis hat. Und so verhält sich das unserer Meinung nach mit diesen Liedern.

Inwiefern gibt Ihnen die Erfahrung als Viva Voce-Sänger und Manager einen Sattel in diesem neuen Projekt?

Es hilft mir natürlich, weil ich viel Bühnenerfahrung habe. In meiner Kindheit im Windsbacher Knabenchor haben wir weniger Volkslieder gespielt, als geistliches Repertoire, sehr viel Johann Sebastian Bach. Der große Unterschied später mit Viva Voce war, dass wir viel lockerer sein konnten, auch im Umgang mit dem Publikum. Es gibt eine wesentlich engere Bindung zwischen den Musikern, der Musik und dem Publikum, also der Funke springt über. Das hat auf der Ebene früher in der Klassik für uns so nicht stattgefunden. Da gab es auch Momente, die wahnsinnig waren. Ein Beispiel: Wir haben die Matthäuspassion in der Kreuzkirche in Dresden gesungen. Wir wussten nicht, dass in der Kreuzkirche grundsätzlich kein Applaus gegeben wird. Das dreistündige Werk war zu Ende und es gab minutenlang Stille. Dann sind die Leute aufgestanden und einfach nur stehen geblieben, die ganze Kirche. Das war eine andere Form, die total tief ging und wo einem die Tränen flossen.

Die Eintrittskartenausgabe für der Reihe „Reif für Bonndorf“ für 100 Bonndorfer im Alter von 60+ ist am Montag, 17. September, ab 9 Uhr in der Touristinformation, Martinstraße 5. Weiterer Kartenvorverkauf in der Touristinfo, Telefon 07703/76 07, oder im Internet (www.folktreff-bonndorf.net).