Riesige Müllberge, plastikvermüllte Weltmeere, bedrohte Tierwelt. Wo die Politik noch zögerlich reagiert mit Entscheidungen oder Gesetzen, ergreifen Händler und Verbraucher Eigeninitiative. Vom Großkonzern zum Markthändler bis zum Kunden – alle haben den Plastikverpackungen den Kampf angesagt. Wir haben uns in Bad Säckingen umgeschaut.

Elisabeth D'Souza aus Wallbach vermeidet den Kauf von Lebensmitteln, die in Plastik verpackt sind, so weit wie möglich. Dass ihr Metzger ...
Elisabeth D'Souza aus Wallbach vermeidet den Kauf von Lebensmitteln, die in Plastik verpackt sind, so weit wie möglich. Dass ihr Metzger aus hygienischen Gründen keine Mehrwegverpackungen zum Kauf von Fleisch- und Wurstwaren akzeptiert, bedauert sie. | Bild: Rank, Marion

Elisabeth D'Souza (38), aus Wallbach, zwei Kinder, acht und fünf Jahre, gehört zu den Verbrauchern, die den Kauf von Lebensmitteln, die in Plastik verpackt sind, so weit wie möglich vermeiden. "Wir kaufen Wasser ausschließlich in Glasflaschen", erklärt sie. PET-Flaschen gibt es nicht nicht in ihrem Haushalt, auch nicht für die Kinder. Deren Trinkflaschen für die Schule sind nachfüllbar. Wenn Elisabeth D`Souza Obst und Gemüse kauft, vor allem auf dem Wochenmarkt, tätigt sie diese Einkäufe mit den bei Edeka erstanden Obst- und Gemüsenetzen, benutzt keine Knotenbeutel aus Plastik. Was sie bedauert, ist, dass bei ihrem Metzger nicht angeboten wird, den Kauf von Fleisch- und Wurstwaren mit Mehrwegbehältnissen zu tätigen. "Es heißt, aus hygienischen Gründen", erzählt D´Souza.

Video: Marion Rank

Auch Sylvia Planko (39), aus Bad Säckingen, verheiratet, zwei Kinder, vier und neun Jahre, hat Plastik den Kampf angesagt.

Sylvia Planko aus Bad Säckingen hat alles aus Plastik aus ihrem Haushalt verbannt. Stattdessen füllt sie Lebensmittel in Behältnisse aus ...
Sylvia Planko aus Bad Säckingen hat alles aus Plastik aus ihrem Haushalt verbannt. Stattdessen füllt sie Lebensmittel in Behältnisse aus Glas oder Edelstahl. | Bild: Rank, Marion

"Wir haben in unserem Haushalt alles aus Plastik verbannt. Keine Tupperware mehr. Unsere Behältnisse sind nur noch aus Glas, das sieht auch noch hübsch aus", erzählt Silvia Planko. Auch das Schulbrot wird nicht mehr in Plastik verpackt: "Das Essen für die Schule bekommen die Kinder in Boxen und Flaschen aus Edelstahl", sagt die Bad Säckingerin. Wenn sie ihre Einkäufe tätigt, bevorzugt kauft sie Obst und Gemüse auf dem Markt und regional, benutzt sie für ihre Einkäufe ein Einkaufsnetz. "So richtig altmodisch", lacht sie, "sieht aus wie ein Fischernetz."

So macht es Schmidt Edeka:

Michael Schmidt, Geschäftsführer Schmidts Markt, freut sich, dass ein Umdenken stattgefunden hat. Mit Mehrwegfrischenetzen für Obst und ...
Michael Schmidt, Geschäftsführer Schmidts Markt, freut sich, dass ein Umdenken stattgefunden hat. Mit Mehrwegfrischenetzen für Obst und Gemüse beispielsweise oder Mehrwegbehältnissen beim Kauf an der Fisch-, Käse-, Wurst- oder Fleischtheke will das Familienunternehmen Schmidts Märkte seinen Teil zur Reduktion von Plastikmüllbergen beitragen. | Bild: Rank, Marion

Bei den Schmidts Märkten ist Plastikvermeidung "ein großes Thema", so die Geschäftsführer Michael und Martin Schmidt: Mehrwegfrischenetze für Obst und Gemüse ersetzen Knotenbeutel aus Plastik, an den Käse-, Wurst, Fisch- und Fleischtheken können die Kunden die Produkte in von zu Hause mitgebrachte oder im Markt gekaufte Behältnisse füllen lassen. Dies führe nicht zu längerer Wartezeit, so Martin Schmidt: "Ein geübter Verkäufer braucht nicht länger." Das Angebot werde "sehr stark genutzt. Vor allen am Samstagen: "Im Schnitt erscheint jeder zweite bis dritte Kunde an den Bedientheken mit eigenen Behältnissen." Kunden, die kein eigenes Behältnis mit sich führten, würden sich dafür entschuldigen, hätten "ein schlechtes Gewissen", so Schmidt. Mit speziellen Aktionen in allen Schmidts Märkten sollen den Kunden Mehrwegbehältnisses schmackhaft gemacht werden: Ab circa Ende November werden Roto-Boxen vergünstigt abgegeben oder sogar gratis, wenn Kunden für einen bestimmten Betrag einkaufen. "Wir wollen die Benutzung von Mehrwegbehältnissen klar forcieren", so Michael und Martin Schmidt. Dass die Mitarbeiter mit Begeisterung hinter dem Projekt Plastikvermeidung stehen, freut Vater und Sohn.

Wie sieht es mit der Einhaltung der Hygienevorschriften aus?

Manche Edeka-Märkte hätten ein Tauschsystem, erklärt Martin Schmidt: "Der Kunde bringt sein gespültes, eigenes Behältnis, erhält dafür ein gespültes von Edeka im Tausch. Doch wo bleibt da der Umweltgedanke bedingt durch das doppelte Spülen?", fragt er sich. Bei den Schmidts Märkten handle man im Umgang mit den mitgebrachten Behältnissen „gesetzeskonform, wie mit dem Veterinäramt in Waldshut abgestimmt“, erklärt Martin Schmidt. "Es gab in der Praxis noch kein Problem." Vor 30 Jahren habe man das Thema mit den Mehrwegbehältnissen schon einmal gehabt, sagt Michael Schmidt: "Der übertriebene Hygienegedanke hat es kaputt gemacht." Und fügt hinzu: "Wir dürfen es nicht übertreiben. Der Verbraucher braucht ein gesundes Hygieneverständnis." Bei den Schmidts Märkten sieht man die Vermeidung von Plastikverpackungen "als Riesenchance. Es liegt uns am Herzen."

Das könnte Sie auch interessieren

Das sind die Pläne bei Rewe

Bei der Rewe Group ist es nicht möglich, Einkäufe der Frischetheke in von zu Hause mitgebrachte Behältnisse füllen zu lassen. Aus Gründen des Verbraucherschutzes und einer ausgewogenen Ökobilanz sei dies schwierig zu praktizieren, wie Testläufe gezeigt hatten, so die Presseabteilung des Unternehmens. Auch bei Rewe sollen Mehrwegfrischenetze Knotenbeutel für Obst und Gemüse ersetzen. Rewe "appelliert an die Kunden, vermehrt zu losen Obst und Gemüse zu greifen", so Sabine Stachorski, Pressesprecherin Rewe Group Region Südwest.

Bald Geschichte: Die Rewe Group hat Plastikbehältnissen wie diesen, hier an der Theke mit frisch zubereiteten Salaten an der Salatbar ...
Bald Geschichte: Die Rewe Group hat Plastikbehältnissen wie diesen, hier an der Theke mit frisch zubereiteten Salaten an der Salatbar bei Rewe in Bad Säckingen, den Kampf angesagt. Sie werden ebenso wie die Knotenbeutel aus Plastik für Obst und Gemüse bald der Vergangenheit angehören: | Bild: Rank, Marion

Rewe plant auch eine Alternative für die Behältnisse der Salatbar: "Plastikgeschirr ist demnächst Geschichte." Bis 2020 wollen Rewe und die Schwesterunternehmen Penny und Toom-Baumarkt auf den Verkauf von Plastik-Einweggeschirr, von denen jährlich insgesamt 146 Millionen Stück innerhalb der REWE Group verkauft werden, in den insgesamt knapp 6.000 Märkten verzichten. Plastik-Trinkhalme, 42 Millionen werden pro Jahr verkauft, sollen sukzessive aus dem Verkauf der Märkte der Rewe Group genommen werden. Alternativen für das Plastik-Einweggeschirr: Laut Stachorski "perspektivisch aus Graspapier, Palmblatt, Holz, landwirtschaftlichen Agrarresten." Ab Frühjahr 2019 will der Konzern Alternativen aus FSC/PEFC zertifiziertem Papier, Weizengras oder Edelstahl in seinen Sortimenten anbieten. "Wichtig ist, dass die Alternative eine tatsächliche Alternative ist", sagt Stachorski. "Nicht immer ist Plastik, etwa wenn es sich um Recyclat handelt, die schlechtere Variante in Sachen Ökobilanz und hygienisch muss alles auch noch sein", so die Pressesprecherin. "Doch die Angebote, die wir machen, funktionieren nur, wenn die Kunden den Schritt mitgehen", betont sie.

Alternative: Der Feinkoststand der Familie Birgin bietet bereits seit vielen Jahren auf dem Bad Säckinger Wochenmarkt mediterrane ...
Alternative: Der Feinkoststand der Familie Birgin bietet bereits seit vielen Jahren auf dem Bad Säckinger Wochenmarkt mediterrane Gaumenfreuden an. Mexin Birgin zeigt die Weckglas-Alternativen mit Deckel, die vor Ort erworben werden können, um etwa Schafskäse-Aufstriche oder getrocknete Früchte einfüllen zu lassen. | Bild: Rank, Marion

Familie Birgin setzt auf Mehrweg im Glas

Seit zwölf Jahren bietet die Familie Birgin zwei Mal wöchentlich mediterrane Feinkost auf dem Bad Säckinger Wochenmarkt an. Ihr Stand mit Obst, Gemüse oder Aufstrichen auf der Basis von Schafskäse ist beliebt. Eingefüllt wurden die Aufstriche bisher in Plastikbehältnisse, die wiederum eine Schutzverpackung aus Plastikfolie bekamen. Doch Gürce Birgin, Ehemann Mexin und Vater Bayram möchten ebenfalls ihren Teil zur Vermeidung von Plastikmüll beitragen. Sie bieten seit einem Jahr die Möglichkeit, vor Ort Weckgläser mit Deckel zu kaufen, die gekaufte Ware dorthinein anstatt in Plastikschalen füllen zu lassen. Drei verschiedene Größen in runder Form bieten sie an, die zwischen 1,90 bis 2,90 Euro kosten und zum nächsten Einkauf wieder mitgebracht werden können. Die Resonanz ist gut: "50 Prozent unserer Kunden bringen ihre eigenen Behältnisse mit", erzählt Mexin Birgin erfreut.

So funktioniert der Einkauf an der Wurst-, Käse- oder Fleischtheke mit mitgebrachten oder vor Ort gekauften Behältnissen

Schritt 1: Der Kunde platziert seine Behältnisse auf dem Tablett des Supermarktes mit geöffneten Deckeln. Glas ist nicht erlaubt wegen eventueller Scherben.

Schritt 2: Mit den noch leeren Schalen wird die Tara, also das Leergewicht der Behältnisse inklusive Tablett gewogen.

Schritt 3: Die Behältnisse der Kunden werden mit den gewünschten Einkäufen der Fleisch- Wurst-, Käse- oder Fischtheke befüllt.

Schritt 4: Wieder wird gewogen, nun aber mit den befüllten Schalen.

Schritt 5: Das Verkaufspersonal stellt das Tablett mit den gefüllten Behältnissen zurück auf die Theke, legt das Klebeetikett mit dem Preis der Waren auf das Tablett oder übergibt es dem Kunden.

Schritt 6: Der Kunde – nicht das Verkaufspersonal – schließt die Behältnisse mit den Deckeln, klebt auf eines das Etikett mit dem Preis der gekauften Ware.

Schritt 7: Der Kunde nimmt seine Ware, das Verkaufspersonal das nun leere Tablett, welches desinfiziert wird zur weiteren Verwendung.