Fahren irgendwann wieder Züge auf der Bahnstrecke von Stockach nach Mengen? Die Reaktivierung der Strecke, die unter dem Namen Ablachtalbahn bekannt ist, ist bereits seit einigen Jahren ein immer wieder geäußerter Wunsch in der Region. Zumindest im Kreis Konstanz, in dem Mühlingen und Stockach Anliegerkommunen der Strecke sind, hat sich bislang allerdings noch kein Gemeinderat mit Kauf und Betrieb der Strecke durch die Anliegerkommunen beschäftigt. Dies hat sich nun geändert, denn der Mühlinger Gemeinderat diskutierte das Thema in seiner jüngsten Sitzung.

Auch neue Signalanlagen müssen her

Dieser Prozess hatte durch die Initiative von Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick an Fahrt aufgenommen, wie Mühlingens Bürgermeister Manfred Jüppner erklärte. Durch Zwicks Bemühungen sei eine Option zum Rückerwerb der Bahnstrecke zwischen Mengen und Stockach greifbar geworden. In vielen Besprechungen mit den Anrainerkommunen wurde das Thema vertieft, so Jüppner. Aktuell sei die Strecke ihm zufolge allerdings nur für Güterverkehr geeignet. Er verschwieg nicht, dass mit einer Reaktivierung neben der Ertüchtigung der vielen Bahnübergänge auch eine Neuausstattung mit Signalanlagen einhergehen müsste, da meist gar keine vorhanden seien. Auch die Landratsämter der beiden Landkreise und ihre Landräte seien involviert.

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Das von den Städten Meßkirch und Stockach sowie den Gemeinden Sauldorf und Mühlingen in Auftrag gegebene Gutachten liegt seit Ende Juli vor. In Zahlen gefasst, ergeben sich bereits beim ersten Blick auf die Kostenaufstellung 14.950.000 Euro für einen Mehr-Zug-Betrieb mit regelmäßigem Personenverkehr.

Das Bahnhofsgebäude in Schwackenreute ist aktuell gewissermaßen im Standby-Modus. Es befindet sich im Privatbesitz.
Das Bahnhofsgebäude in Schwackenreute ist aktuell gewissermaßen im Standby-Modus. Es befindet sich im Privatbesitz. | Bild: Doris Eichkorn

Hierbei handelt es sich jedoch nur um die Erneuerung von Gleisanlagen in den Bahnhöfen, die Erneuerung und den Neubau von Bahnübergängen, den Neubau von Bahnsteigen, Fahrgastinformation oder beispielsweise für den Rückschnitt der Vegetation im Raum von sechs Metern links und rechts des Gleiskörpers. Auch Streckenkabel und Zugfunk wollen verlegt und unterhalten sein. Es wird von zwei Kreuzungsbahnhöfen ausgegangen (Stockach und Mengen), es könnten auch Krauchenwies und Schwackenreute sein. Hinzu kämen zuerst einmal die Kosten für den Erwerb der Bahnstrecke, welche sich aktuell noch in Privatbesitz befindet.

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Selbst ein Förderverein Ablachtalbahn hat sich gegründet. Auch dieser hat die Reaktivierung der unterschiedlichen Streckenabschnitte als Ziel. Die zweite Vorsitzende des Vereins, die Grünen-Landtagsabgeordnete Andrea Bogner-Unden, möchte mit der Reaktivierung teilweise den Schwerlastverkehr mit Holz, Kies, Schrott und Recyclingprodukten beispielsweise von den Straßen der Region umleiten und mittels Schiene transportieren. So heißt es zur Gründung des Vereins auf ihrer Homepage.

Kommunen haben Güterverkehr im Blick

Auch das Gutachten der Kommunen hat den Güterverkehr im Blick. Die Strecke dafür herzurichten wäre deutlich günstiger. Und neben der angestrebten Personenbeförderung gilt wie beim weiteren Streckenabschnitt mit dem Seehäsle von Stockach nach Radolfzell eine immense Nutzung durch Schüler und Berufspendler. So entwickelten sich hier die Fahrgastzahlen von 1998 bis 2018 von 2600 auf 3500 Passagiere täglich – eine Steigerung von 35 Prozent.

Gemeinderäte fehlt es an Zahlen und Fakten

Auch den Aspekt der Schülerbeförderung sprach das Gremium an. Allerdings sah Gemeinderat Reinhold Stroppel die angegebenen Kosten im Gutachten als „Low budget“ und warnte eindringlich davor, sich zu schnell und unüberlegt zu einer Beteiligung in ein Projekt verbindlich einzubringen, dessen finanziellen Rahmen man in seiner finalen Größe noch bei Weitem nicht abschätzen könne. „Mir fehlen noch zu viele Zahlen und Fakten“, so Stroppel. „Wir haben eine Ruine als Bahnhof in Schwackenreute, einen verkauften Bahnhof, die Kosten sind mir viel zu vage“, so Stroppel.

Kein Freibrief für Stuttgart

Gemeinderat Karl Mohr wollte die Formulierung der Beschlussvorlage noch leicht verändert wissen. Bürgermeister Manfred Jüppner merkte an, dass der Gemeinderatsbeschluss kein Freibrief für Stuttgart sei, und man daraus lediglich sehen könne, wo der Gemeinderat stehe. „Vom Herzen her fände ich es eine tolle Sache, allerdings muss man auch weiterhin schauen, dass das Bussystem funktioniert. Und eine entsprechende Bezuschussung seitens des Landes muss zu erwarten sein“, so Jüppner. Dieser erklärte den Räten klar und deutlich, dass die zu fällende Entscheidung nur Signal für einen über Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauernden Weg sei. Auch Gemeinderat Peter Kible merkte an, dass entsprechende Förderquoten und eine weitere Potenzialanalyse des Landes abzuwarten seien.

Einstimmiges Votum aus Mühlingen

Der Beschluss erfolgte einstimmig. Demnach begrüßt die Gemeinde die Initiative des Landes zur Reaktivierung der Ablachtalbahn, insbesondere für den Personenverkehr, wobei der Wiederaufbau der stillgelegten und abgebauten Strecke Krauchenwies-Sigmaringen ernsthaft zu prüfen sei. Allerdings wird in der Sitzungsvorlage auch darauf hingewiesen, dass das Projekt wegen seiner überregionalen Bedeutung als Aufgabe des Landes betrachtet werde. Im Rahmen ihrer Aufgaben und Zuständigkeit werde die Gemeinde das Projekt aber unterstützen.

Weitere Sitzung: Der Stockacher Gemeinderat beschäftigt sich am Mittwoch, 23. September, um 18 Uhr im Bürgerhaus Adler Post mit Kauf und Betrieb der Ablachtalbahn

Diese Möglichkeiten stehen im Raum

  • Güterverkehr: Das von den Städten und Gemeinden beauftragte Gutachten betrachtet mehrere Nutzungsmöglichkeiten. So wurde neben dem bisherigen Güterverkehr (zum Beispiel für Kies- und Holztransporte) auch der Personenverkehr untersucht. Im Jahr 2018 hatte das Land die Bereitschaft signalisiert, Ausflugsverkehre nach Radolfzell über die Ablachtalbahn zu bestellen. Allerdings verhinderte der schlechte Streckenzustand dieses Vorhaben, vermeldet die Erms-Neckar-Bahn AG (ENAG) aus Bad Urach, die das Gutachten im Auftrag der vier Kommunen erstellt hatte. Hier wäre eine Unterstützung der Regio-Busse denkbar gewesen.
  • Personenverkehr: Auch der Schülerverkehr und eine Erweiterung der Seehäsle-Strecke wären aus Sicht der ENAG durchaus denkbar, jedoch müssten hier deutliche Investitionen zusätzlich getätigt werden. Dies beträfe Investitionen in Bahnsteige mit eventuellem Grunderwerb und der Ertüchtigung aller Bahnübergänge, was nochmals eine große Summe ergäbe.
  • Bahnoffensive: Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann hatte ein Reaktivierungsprogramm des Landes vorgestellt. Insgesamt wurden dafür 75 Strecken vorgeschlagen. 41 davon werden nun näher untersucht, darunter sind auch die Ablachtalbahn und eine bereits abgebaute Anschlussstrecke von Krauchenwies nach Sigmaringen.

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