Auch der Gemeinderat Waldshut-Tiengen wird mit der Kommunalwahl am 26. Mai neu zusammengesetzt. Der Weltfrauentag, der jährlich am 8. März begangen wird, gibt Anlass zu einem Blick darauf, wie groß der Anteil weiblicher Mitglieder im Kommunalparlament der Großen Kreisstadt ist. Von den 26 Mitgliedern sind 21 Männer und fünf Frauen. Das macht eine Quote von rund 19 Prozent aus.

Die Frauen verteilen sich auf die drei Parteien CDU, SPD und Die Grünen. Die weiteren vier Parteien beziehungsweise Wählervereinigungen (Freie Wähler, FDP, Die Linke, AfD) sind ausschließlich mit Männern vertreten. Die Stadträtinnen Rita Mosel (CDU), Claudia Hecht (SPD) und Petra Thyen (Die Grünen) berichten im Gespräch mit dieser Zeitung, was die Arbeit für sie in der Kommunalpolitik ausmacht und wo die Herausforderungen liegen. Und dabei wird deutlich: Ganz egal, ob man nun freiberuflich, Vollzeit oder Teilzeit arbeitet – das Ehrenamt im Gemeinderat lässt sich auch als Frau im Spagat zwischen Familie und Beruf zeitlich ganz gut bewältigen.

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Kinder per Telefon ins Bett bringen

Die heute 75-jährige Rita Mosel war gerade erst seit zwei Jahren in Waldshut, als sie vor 30 Jahren gefragt wurde, ob sie kandidieren möchte. Sie kam mit ihrer Familie aus Hamm in Westfalen. „Eigentlich war ich noch nicht bereit für dieses Amt.“ Sie wollte erst als Hebamme beruflich so richtig durchstarten. Sie habe, da sie nicht bekannt war, ohnehin nicht mit ihrer Wahl gerechnet und ließ sich schlussendlich dann doch zur Kandidatur überreden. Sie war damals auf dem letzten Listenplatz, die Stimmen seien im Laufe der Jahre immer mehr geworden. Heute ist sie im gesamten Gemeinderat die Stimmenkönigin.

Das Problem der Vereinbarkeit des Ehrenamts mit der Familie kennt sie sehr gut. Als ihre beiden Töchter noch jünger waren, hat sie immer aus der Sitzung heraus zuhause angerufen, damit die Kinder ins Bett gehen. Da sie freiberuflich tätig ist und mittwochs ihren Kurstag hat, kann sie sich alles aber gut selbst einteilen.

Rita Mosel
Rita Mosel | Bild: Verena Wehrle

Für SPD-Stadträtin Claudia Hecht, seit 15 Jahren im Gemeinderat, war dieses Ehrenamt nur möglich, da sie im Einzelhandel teilzeitbeschäftigt ist. Es gebe aber theoretisch die Möglichkeit, sich vom Arbeitgeber für den Gemeinderat frei geben zu lassen. Hecht arbeitet am Sitzungstag Montag nur bis 15 Uhr. „Der Bauausschuss beginnt bereits um 16.30 Uhr, ich muss vorher Ruhe haben, ehe ich wieder losspringe in die Sitzung“, sagt die Einzelhandelskauffrau.

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Von der Arbeit in die Sitzung

„Bei mir ist das nicht möglich, ich komme direkt von der Arbeit in die Sitzung und habe dann richtig Hunger“, sagt Grünen-Stadträtin Petra Thyen mit einem Schmunzeln. Sie ist seit zehn Jahren im Gemeinderat. Damals waren auch ihre Kinder noch klein. „Bei mir ging das nur, weil ich so gut von meinem Mann unterstützt wurde“, sagt die Sozialpädagogin. Sie habe viele Frauen angesprochen, um sie von einer Kandidatur zu überzeugen. Doch von den älteren Frauen würden viele die Eltern pflegen und die jüngeren Frauen hätten schon mit dem Spagat zwischen Familie und Beruf zu kämpfen. Für Thyen war aber immer klar: „Die Familie geht vor, dann kommt der Beruf und dann das Ehrenamt und das habe ich immer gut hinbekommen.“ Dass das Privatleben nicht zu kurz komme und noch genügend Zeit für Freizeit bleibe, darin sind sich die drei Stadträtinnen einig.

Petra Thyen
Petra Thyen | Bild: Verena Wehrle

Die drei Kommunalpolitikerinnen rechnen im Gespräch mit dieser Zeitung ihren zeitlichen Aufwand mit Fingern zusammen: Die Ausschuss-Sitzung daure rund 1,5 Stunden, der Gemeinderat vier bis fünf Stunden, hinzu komme die Vorbereitung von ein bis zwei Stunden sowie die Fraktionssitzungen von zwei bis drei Stunden. Doch die Belastungen würden stark variieren, seien wellenförmig. So häufe sich viel nach den Sommerferien, etwa mit Haushaltsberatungen. Im Frühling komme eine neue Welle. „Im Sommer plätschert’s aus“, lautet eine der Erfahrungen. „Das ist keine Riesen-Belastung, aber man ist auch nicht ganz frei“, findet Rita Mosel.

Bild: Kerstan, Stefanie

Spannende Abstimmungen

„Ich würde jedem empfehlen, in den Gemeinderat zu gehen, es ist spannend und vielseitig und man kann mitgestalten“, sagt Rita Mosel. Manchmal gebe es auch gemeinsame Fahrten wie etwa kürzlich die Besichtigung von mehreren Bibliotheken im Rahmen der Kornhaus-Sanierung. Thyen freut es, dass sie viele interessante Leute aus verschiedensten Bereichen kennenlernt. Und: „Man kann sehen, dass die Demokratie lebt.“

Vor allem die Abstimmungen findet sie sehr spannend, gerade dann, wenn auch in der Fraktion nicht alle einer Meinung sind, wie etwa beim Thema Waldshuter Freibad. Einen Fraktionszwang gebe es im Gemeinderat nicht. Jeder könne so abstimmen, wie er empfindet. „Es hätte mir das Herz zerbrochen, für die Freibad-Schließung zu stimmen“, so Thyen. „Man kann seinen Horizont erweitern, über den eigenen Tellerrand hinausschauen“, sagt Hecht.

Claudia Hecht
Claudia Hecht | Bild: Verena Wehrle

Männlich, über 60 und Lehrer

Die Themenvielfalt im Gemeinderat von Bauthemen bis hin zur Einstellung von Personal findet Claudia Hecht sehr spannend. „Bei vielen Themen reicht der gesunde Menschenverstand“, sagt Mosel. „Ja, und mehr wird auch nicht erwartet“, fügt Thyen hinzu. Wer neu ist, könne sich reinfinden, müsse erst mal viel lesen und viel fragen, lerne von den Fraktionskollegen. Man könne auch immer die Amtsleiter fragen, so Mosel. „Wir brauchen keine Verwaltungsprofis im Gemeinderat“, betont Thyen, die sich freut, wenn Räte von vielen verschiedenen Sparten ihre Sichtweise einbringen. „Eine komplette Durchmischung wäre schön“, so Thyen. „Momentan liegt der Durchschnitt bei: männlich, über 60 und Lehrer“, sagen die Stadträtinnen und schmunzeln.