Frau Lenz, was ist die Aufgabe des DRK-Kriseninterventionsteams (KIT)?

Wir leisten Menschen Akuthilfe, die durch ein schlimmes Ereignis plötzlich den Boden unter den Füßen verloren haben. Wir sind dabei selten direkt an Unfallorten, sondern bei Betroffen zu Hause. Wenn etwas passiert, ein Unfall auf der Straße, am Arbeitsplatz, ein Suizid oder ein plötzlicher Todesfall, begleiten wir immer zu zweit die Polizei, die den Angehörigen die Todesnachricht überbringt. Die Polizei erläutert die Umstände, beantwortet Sachfragen und geht dann wieder. Wir bleiben, wenn es gewünscht wird. Wir sind aber keine ausgebildeten Therapeuten. Aber wir versuchen, wieder Sicherheit zu vermitteln, Ressourcen der Betroffenen zu wecken und das soziale Netz zu aktivieren, damit die Menschen wieder die Kontrolle über ihre Situation erlangen.

Wie erleben Sie Menschen, die plötzlich eine Todesnachricht bekommen und was sind Grundsätze der Arbeit des Teams?

Eine Todesnachricht reißt von einem Moment auf den anderen ein Loch in das Leben und ist ein Schock. Es gibt alle Reaktionen von Toben und Schreien bis zum totalen Verstummen. Jeder geht anders damit um. Jeder Einsatz ist anders. Was wir auf keinen Fall dürfen, ist einfach drauflos reden. Man muss sich vielmehr in die jeweilige Situation einfühlen. Manchmal sitzen wir einfach nur Stunden da, ohne dass ein Wort geredet wird, das muss man aushalten können. Oder wenn der erste Schmerz etwas nachgelassen hat und die Betroffenen anfangen zu reden, hören wir zu. Zuhören können ist ganz wichtig. Grundsätzlich ist es gut, wenn die Betroffenen anfangen zu reden, das hilft meistens.

Erinnern Sie sich an den ersten Einsatz?

Ja, sehr gut. Es war so Mitte 2012. Ich durfte erstmals zwei Kollegen bei einem Einsatz begleiten. Nachts so um 12 Uhr rum wurde ich angerufen. Ein Familienvater wurde nach einem Schwächeanfall reanimiert. Zwei Kinder waren da und hatten Angst. Ich habe mich mit ihnen unterhalten und mit ihnen gespielt. Die Reanimation war erfolglos und der Vater ist gestorben.

Wie haben Sie zum KIT gefunden?

Ich wollte neben meinem Beruf noch was Soziales machen. Ich habe einen Bericht über das KIT gelesen und mich mit dem Leiter eines Rot Kreuz-Ersthelferkurses unterhalten, den wir von der Volksbank aus anboten. Uwe Kaier, der damals noch das KIT leitete, hat mich kurze Zeit später besucht und wir haben lange miteinander geredet. Ich habe danach gedacht, das will ich machen und ich habe es mir auch zugetraut. Wir sind rund 18 Frauen und Männer im Alter zwischen 30 und 79 Jahren und haben die verschiedensten Berufe.

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Wie sah Ihre Ausbildung aus?

Rund ein halbes Jahr lang war ich bei den monatlichen KIT-Teamabenden dabei, um zu sehen, ob die Gruppe und ich zueinander passen. Bei diesen Abenden werden auch alle Einsätze nochmals besprochen. Wenn es für beide Seiten passt, darf man als Hospitant bei ersten Einsätzen mit dabei sein. Nach knapp einem Jahr habe ich dann die 80 Stunden umfassende Ausbildung gemacht. Hierfür war ich fast ein halbes Jahr lang mehrmals zwei Tage am Stück beim DRK Landesverband in Freiburg. Ausbildungsthemen sind der Umgang mit Tod und Trauer, die verschiedenen Arten der Einsätze und Kommunikationsweisen. Und es geht immer auch um einen selber: Wie gehe ich mit Einsätzen um, wie bewältige und verarbeite ich sie. Außerdem haben wir regelmäßige Fortbildungen.

Fällt es Ihnen schwer, die Einsätze zu verarbeiten und wie viele sind es im Schnitt?

Ich kann gut mit den Einsätzen umgehen. Wir tragen Einsatzkleidung und wenn ich diese dann zuhause ablege, lasse ich das Erlebte hinter mir. Man muss das können, sonst kann man dieses Ehrenamt nicht machen. Und es wird einem ja auch geholfen. Nach jedem Einsatz gibt es eine kurze Besprechung und wenn Fragen bleiben, können wir Kollegen anrufen und wir haben regelmäßig Supervision. Wir haben immer so zwischen 70 und 100 Einsätzen im Jahr, rund 80 waren es bislang dieses Jahr.

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Hat die Arbeit im KIT Sie persönlich weitergebracht?

Ja, obwohl ich mit Traurigem zu tun habe, gibt es mir viel. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man für Betroffene da sein kann und ihnen beistehen kann. Man stumpft auch nicht durch die wiederholte Nähe zum Tod ab, sondern im Gegenteil: Man wird mit dem konfrontiert und setzt sich mit dem auseinander, was die Gesellschaft wegdrückt. Ich denke, man bekommt einen anderen, umfassenderen Blick auf das Leben. Und man lernt immer weiter dazu.

Wer kann in Ihrem Team mitmachen?

Ab etwa 25 Jahren kann man gern bei uns mitmachen. Wer Interesse hat, kann sich zunächst auf der Homepage des DRK Kreisverbandes Waldshut (www.drk-kv-waldshut.de) über uns informieren und dann Kontakt aufnehmen.

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Das KIT wird nächstes Jahr 20 Jahre alt, wird das Team und der DRK Kreisverband was Besonderes machen?

Wir werden was machen und sind gerade dabei, das zu planen. Ein Fest wird es aber nicht, eher etwas in Richtung Informationsveranstaltung.

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