Die Villinger Kostümgruppe Sissis Erben hat die Ausstellung des Schwarzwaldvereins Stühlingen mit ihrem Besuch bereichert. Die historische Modenschau und der Vortrag über das Korsett im Wandel der Zeit in der Schür am Stadtgraben war Teil des Programms der Ausstellung „Kleider, Schneider & Geschichten.“

Vorgesehen war das Flanieren von Sissis Erben in der Schür und dem Schürgarten. Da der Publikumsandrang so groß war, wurde eine Modenschau daraus und Petra Haller stellte die von Marion Mesle geschneiderten Kleidungsstücke vor, originalgetreu nach historischen Vorlagen, bis ins kleinste Detail akkurat. „Wir haben die schönste Zeit jetzt, wir haben Aspirin, Autos, wir haben jetzt die Freiheit, alles tragen zu können, was wir wollen. Mein Appell an alle Frauen: Macht, was ihr wollt.“ Haller fühlt sich wohl in der historischen Kleidung und mit Korsett.

Gut geschnürt: Das Korsett darf die Körpermasse nur um maximal zehn Prozent reduzieren, erklärte Petra Haller von Sissis Erben bei ihrem Vortrag in der Schür am Stadtgraben.
Gut geschnürt: Das Korsett darf die Körpermasse nur um maximal zehn Prozent reduzieren, erklärte Petra Haller von Sissis Erben bei ihrem Vortrag in der Schür am Stadtgraben. | Bild: Yvonne Würth

Marion Meesle trug eine Krinoline aus den 1860er Jahren. Anstatt bis zu 30 Unterröcken trugen die Frauen zu dieser Zeit einen mit Rosshaar verstärkten Unterrock zu besonderen Anlässen. Mit dem Stahlunterbau der Reifröcke war es möglich, weite Kleider zu tragen, was sehr komfortabel war. Das Tageskleid bestand aus unkompliziertem Stoff, damals wurde nicht wie heute gewaschen. Dass der schwedische Möbelhersteller einen bezahlbaren Stoff nach historischer Vorlage hergestellt hatte, freute Marion Mesle, die für Sissis Erben sämtliche historisch-authentischen maßgefertigten Kleidungsstücke näht. Das spanische Jacket zeigt durch die Kürze die weibliche Form, die Garibaldi-Bluse erinnert an dessen damalige Bestrebungen, die kleinen Webereien mit Aufträgen zu erhalten.

Umgeformt: Das Korsett wurde hergestellt, um eine Fehlstellung der Wirbelsäule zu korrigieren. Petra Haller von Sissis Erben führte die Vor- und Nachteile eines Korsetts vor.
Umgeformt: Das Korsett wurde hergestellt, um eine Fehlstellung der Wirbelsäule zu korrigieren. Petra Haller von Sissis Erben führte die Vor- und Nachteile eines Korsetts vor. | Bild: Yvonne Würth

Die 1880er Jahre betonten erstmals die weibliche Rückseite, der „Pariser Hintern“ zeigte eine Änderung der Silhouette. Diese führte Luise Maier vor in einer Tournüre nach Art der Polonaise, dreigeteilt. „Je später der Abend, desto tiefer das Dekolletee“, erst am Abend wurde Haut gezeigt. Der Einsatz im Kleid von Luise Maier ist herausnehmbar, mit Ketten kann sie das Kleid abends tragen. Allerdings ist es aus Wolle, abends trug Frau Seide. Mode war der am Hinterkopf oben angesetzte Haarknoten „Chignon“, hier wurde auch mit Haarteilen und Pferdehaaren getrickst, um die Fülle zu erweitern.

Wenn es richtig getragen wird, passt mindestens eine Hand darunter, sonst ist das Korsett zu eng, erklärte Petra Haller.
Wenn es richtig getragen wird, passt mindestens eine Hand darunter, sonst ist das Korsett zu eng, erklärte Petra Haller. | Bild: Yvonne Würth

Bis ins Detail hatte das Atelier von Sissis Erben die Kleidung gefertigt. Der Florentinerhut, den Schneiderin Marion Mesle trug, ist aufgrund des Klimawandels nicht mehr herzustellen, denn für das Getreide ist es zu warm, es wird nicht mehr angebaut. Dass sie einen der 30 letzten angefertigten Florentinerhüte erwerben konnten, freut Petra Haller besonders. Die Eierform mache eine Doktortasche so stabil, dass auch bei einem Fall die wertvollen Instrumente nicht beschädigt werden. Was man alles als Zeitreisende braucht, passt in das historische Stück: Handy, Impfausweis, Autoschlüssel. Dass Hündin Lucy Halstuch und Leine aus den passenden Materialien trug, war selbstverständlich.

Der Pariser Hintern (Cul de Paris) betonte im Verlauf der Kostümgeschichte die weibliche Silhouette. Petra Haller (rechts) von Sissis Erben aus Villingen-Schwenningen erläuterte den Wandel der Zeit einprägsam am Beispiel der Modelle, im Bild Luise Maier.
Der Pariser Hintern (Cul de Paris) betonte im Verlauf der Kostümgeschichte die weibliche Silhouette. Petra Haller (rechts) von Sissis Erben aus Villingen-Schwenningen erläuterte den Wandel der Zeit einprägsam am Beispiel der Modelle, im Bild Luise Maier. | Bild: Yvonne Würth

Ursprünglich diente das Korsett dazu, Erkrankungen der Wirbelsäule wie Skoliose zu beheben, es gab schon im 16. Jahrhundert orthopädische Korsetts. Diese sahen aus wie Rüstungen oder Folterinstrumente. Verzierungen kamen auf, das Korsett wurde beliebter und verdeckte die ersten Schwangerschaftswochen, damit die Frauen so lange wie möglich in der Gesellschaft verweilen konnten, mit sichtbarem Bauch mussten sie zu Hause bleiben.

Schönheitsideale

Mit den Schönheitsidealen kamen auch gesundheitliche Beschwerden, als Beispiel sei der „Humpelrock“ in den Jahren 1870, 1910 und 1950 genannt oder die S-Linie mit Taubenbrust und dem gängigen Stock, damit Frau nicht umkippt. Als Verfechterin des Korsetts zeigte Petra Haller sämtliche Aspekte der Geschichte und ließ das nahezu komplett weibliche Publikum regelmäßig schmunzeln, nicht zuletzt bei Beispielen der heutigen Zeit: „Wir sind keinen Deut besser. Warum betonen wir unsere Füße so?“ Außerdem gab sie Tipps, denn das Korsett ist aktuell wieder ein Hingucker. Ein gutes Korsett ist ab 200 Euro aufwärts zu haben, mit Stahl verstärkt und darf nicht gebraucht getragen werden: „Es gibt nichts, was so exakt passen muss wie ein Korsett.“

Die Gruppe

Petra Haller arbeitet in der Krankenpflege und hat sich mit Sissis Erben einen Traum erfüllt. Als Modelle hatte sie ihre Eltern Rolf Reichert und Marion Mesle sowie Luise Maier mitgebracht. Im Familienunternehmen sind die drei seit 25 Jahren aktiv mit dem deutschlandweit einzigartigen Konzept. 2008 hatte sie die Modelagentur Sissis Erben gegründet, bereits als Jugendliche war sie fasziniert von den Sissi-Filmen und trägt selbst gerne die Kleidung aus früheren Epochen. Die Familien teilt sich die Aufgaben. Petra Haller organisiert viel und sprüht voller Ideen, regelmäßig sind Sissis Erben auf der Insel Mainau zu sehen, spuken auf der Sauschwänzlebahn bei der Halloweenfahrt, auch wurden bereits ein Quidditch-Spiel organisiert und ein Bildband erstellt. Geschneidert werden die Gewänder von Marion Mesle. Rolf Reichert sichtet Märkte, Restaurants und Konzerte.