Normalerweise würde das Städtle von heute bis zum Fasnachtsdienstag beben. Doch die Pandemie hat auch den Narren einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht: Die geltenden Kontaktbeschränkungen lassen keine Städtlefasnacht zu. Der Ausbreitung des Virus soll kein Vorschub geleistet werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Laufenburger Fasnacht flachfällt. Vielen Älteren ist noch das Jahr 1991 gegenwärtig, als wegen des Golfkriegs Verbände und Vereine bundesweit Karneval, Fasching und Fasnacht absagten. Doch auch vorher gab es immer wieder Jahre ohne Fasnacht, so auch 1920, vor 101 Jahren also.

Schon während der Kriegsjahre 1915 bis 1918 war in beiden Laufenburg keine Fasnacht gefeiert worden. In dem 1986 erschienenen Buch „Fasnacht Laufenburg“ berichtet der damalige Ratsschreiber, Zunftbruder und ehemalige Zunftmeister Georg Gerteis (1928-2015), dass während der Waffenstillstandsverhandlungen 1919 auf deutscher Seite das Verbot weiter gegolten habe, während auf der anderen Seite des Rheins nach vierjähriger Pause erstmals wieder die Tschättermusik durch die Mehrere Stadt gezogen sei. Gerteis zitiert einen Zeitungsbericht vom 4. März 1919: „Alles still, gedrückt und ernst; an der Brückenschranke (streng bewacht vom Auge des Gesetzes) stehen sie, unsere Kinder, und spähen voll Wehmut und Sehnsucht hinüber zu den ihnen freundlich zuwinkenden, lustigen Schweizer Kindern.“

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1920 erlaubte das badische Innenministerium zwar schulpflichtigen Kindern unter 14 Jahren wieder, sich während der Fasnacht zu kostümieren. Erwachsenen aber blieben „Faschingsvergnügungen“ weiter verboten. Doch auch die Laufenburger diesseits des Rheins wollten endlich wieder ihre Tschättermusik zurückhaben.

Am Vorabend des Aschermittwoch kam es auch in Kleinlaufenburg abends um 20 Uhr zum ersten Mal seit fünf Jahren zu „einem Fasnachtsumzug, welchen sich gegen 200 Personen anschlossen, unter Ausführung einer sogenannten Tschetermusik“. So steht es auf der Strafverfügung, die dem Kaufmann und Zunftbruder Karl Albert Zürny am 26. Februar 1920 zuging, weil er sich an dem Spektakel beteiligt hatte. Die Strafe: 50 Mark oder zehn Tage Haft. Das Dokument befindet sich heute im Eigentum von Zürnys Enkel Karl Albert „Charly“ Oberle, seines Zeichens ebenfalls Zunftbruder und Ehrenzunftmeister der Narro-Altfischerzunft.

Dies ist der Strafbefehl, den Charly Oberles Großvater Karl Albert Zürny erhielt, weil er sich 1920 an der verbotenen Tschättermusik ...
Dies ist der Strafbefehl, den Charly Oberles Großvater Karl Albert Zürny erhielt, weil er sich 1920 an der verbotenen Tschättermusik beteiligt hatte. | Bild: Charly Oberle/privat

14 Narronen wurden damals namentlich von den Genarmeriewachtmeistern Hebenstreit und Lay notiert. Das Säckinger Bezirksamt verschickte an alle erfassten Tschättermusikanten Strafbefehle über jeweils 50 Mark, die nach Einsprüchen dann auf 20 Mark verringert wurden, was damals aber immer noch eine beachtliche Summe darstellte, insgesamt also 280 Mark.

Stadtarchivar Martin Blümcke schilderte 2013 in einem Beitrag für unsere Zeitung, wie es weiterging: „Nach ungezählten Viertelen beschlossen dann die Betroffenen, den Betrag mit 28000 Pfennigen beim Säckinger Finanzamt abzuliefern, und sie fingen an, eifrig zu sammeln.“ Mitte Juni hatten sie alles beieinander und fuhren mit der Bahn in die Bezirksstadt. „Dort bildeten sie einen zweireihigen Trauerzug, zwischen ihnen ein junger Mann mit Seppelhose, der die in Säckchen verpackten Kupferpfennige mit einer Schubkarre transportierte.“

Die Große Tschättermusik marschiert – 2021 leider nicht.
Die Große Tschättermusik marschiert – 2021 leider nicht. | Bild: Fotostudio Höckendorff

Der närrische Protest scheint gewirkt zu haben. Auf Ansuchen des Gemeinderats von Kleinlaufenburg und aufgrund eines neuen Erlasses des badischen Innenministeriums ließ das Bezirksamt in Säckingen am 11. Januar 1922 „die althistorischen Fasnachtsveranstaltungen in Kleinlaufenburg wärend der Fasnacht 1922“ wieder zu. In der Fasnacht 2022 kann also 100 Jahre Legalisierung der Tschättermusik gefeiert werden.

„Alles Haffenklopffen ist verbotten“

Einem Fasnachtsverbot während einer Pandemie verdanken wir vor 410 Jahren die urkundliche Ersterwähnung der Laufenburger Tschättermusik – oder wenigstens einer Vorform davon. Der Laufenburger Stadtarchivar Theo Nawarath (1914-1989) berichtet in einem Beitrag für das 1986 erschienene Buch „Fasnacht Laufenburg“, dass der Rat der Stadt im Pestjahr 1611 am Montag vor der Herrenfasnacht angeordnet habe: „Die nechst kommende Fasnacht ist alles Haffenklopffen und ungebürliche Mummereyen genzlichen abgeschafft und ferners das Überlouffen mitt dem Kuechlin holen an beyden Fasnachten sowol der Herrewn als alten Fasnacht von denen jungen Kindern umbziehendt verbotten worden.“

Es wurde damals in Laufenburg also noch zweimal Fasnacht gefeiert: Die Herrenfasnacht, deren Beginn sich am neu eingeführten gregorianischen Kalender ausrichtet, und die Alte oder Bauernfasnacht, die sich wie heute noch die Fasnacht in den evangelischen Regionen Baselstadt, Basellandschaft und Markgräfler Land am alten julianischen Kalender orientiert und in der auf den Aschermittwoch folgenden Woche beginnt.

Die Alte Fasnacht wurde in Laufenburg auch 1618 noch begangen. Nawrath schreibt, dass der Pfarrer von St. Johann sich in diesem Jahr darüber beklagte, dass am ersten Fastensonntag „mit Trommeln und Pfeiffen“ in der Stadt umhergezogen worden sei.