1300 Straßenkilometer Kilometer liegen zwischen Temeswar und Görwihl. Eigentlich sollte man meinen, die über 300.000 Einwohner zählende Großstadt im rumänischen Banat und das Dorf im badischen Hotzenwald hätten so gut wie nichts gemeinsam. Tatsächlich aber sind die beiden ungleichen Orte schon seit über 250 Jahren miteinander verbunden – seit Sonntag sogar ein gutes Stück enger. Denn die Temeswarer wählten den 37-jährigen Dominic Fritz zu ihrem Bürgermeister. Er wuchs in Görwihl auf.

Fritz lernte Temeswar vor 17 Jahren kennen. Wie viele andere junge Menschen auch absolvierte er nach seiner Schulausbildung ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Als Jesuit European Volunteer, einem Freiwilligendienst des Jesuitenordens, arbeitete der in einem katholischen Kinderheim in Temeswar. „Damals waren die sozialen Probleme in Rumänien sehr deutlich ausgeprägt. Verwahrloste Kinder, die Klebstoff schnüffeln, gehörten zum Stadtbild“, schilderte Fritz später seine ersten Eindrücke.

Als Jesuit European Volunteer lernte Dominic Fritz (roter Kreis) 2003 Temeswar während seines Freiwilligen Sozialen Jahrs kennen.
Als Jesuit European Volunteer lernte Dominic Fritz (roter Kreis) 2003 Temeswar während seines Freiwilligen Sozialen Jahrs kennen. | Bild: jesuitenweltweit

Der Abiturient war 2003 nach Temeswar gegangen, ohne ein Wort Rumänisch zu sprechen. Doch neun Jahre Lateinunterricht am Kolleg St. Blasien halfen, schnell Zugang zur Landessprache zu finden; das Aufwachsen in einer Familie mit sieben Geschwistern trug dazu bei, schnell menschlich Brücken schlagen zu können zu den Kindern im Heim. Für einige von ihnen wurde Dominic Fritz zu so etwas wie ihr großer Bruder. Auch als sein Freiwilliges Soziales Jahr im Freidorfer Kinderhaus beendet war, kehrte er immer wieder nach Temeswar zurück, oft mehrmals im Jahr. Die Stadt im Banat wurde Dominic Fritz zur zweiten Heimat. Hier fand er zahlreiche neue Freunde, hier gründete der passionierte Pianist und Cellist einen Gospelchor, hier mischte er auch in der Politik mit. Zunächst beteiligte sich Fritz an Aktionen gegen die in Rumänien besonders grassierende Korruption, dann war er sogar an der Gründung einer neuen Partei beteiligt, der Uniunea Salvati România (USR, der Union Rettet Rumänien).

Daheim in Deutschland hatte Dominic Fritz 2004 an der Universität Konstanz zunächst ein Studium der Politik- und der Verwaltungswissenschaften aufgenommen, das er an Hochschulen in Frankreich und Großbritannien ergänzte. Nach dem Master-Abschluss 2009 arbeitete er bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, für die er auch in mehreren außereuropäischen Ländern tätig war. 2013 wurde der Alt-Bundespräsident Horst Köhler auf den jungen Wissenschaftler aufmerksam und machte ihn 2016 zum Leiter seines Berliner Büros. Politisch engagierte sich der zum Ministerialrat aufgestiegene Fritz da schon längst bei den Grünen. Seine Bilderbuchkarriere hätte Fritz sicherlich bei einem Verband, in einer Verwaltung, einem Ministerium oder als Bürgermeister einer deutschen Kommune fortschreiben können. Doch er entschied sich für Rumänien.

Dominic Fritz führte einen professionellen, engagierten Wahlkampf um das Bürgermeisteramt. Er kandidierte für die von ihm mitgegründete ...
Dominic Fritz führte einen professionellen, engagierten Wahlkampf um das Bürgermeisteramt. Er kandidierte für die von ihm mitgegründete Partei USR. | Bild: Seba Tataru

2020 sollte in Temeswar ein neuer Bürgermeister gewählt werden. 2019 nahm Dominic Fritz unbezahlten Urlaub und zog um von Berlin in seine Herzensstadt, um dort für die USR gegen den Amtsinhaber anzutreten. Er wolle „europäischer Bürgermeister einer europäischen Stadt“ werden, erklärte Fritz. Wie in allen EU-Mitgliedsstaaten können auch in Rumänien ansässige EU-Bürger auf kommunaler Ebene für politische Wahlämter kandidieren. Soweit die Theorie. Doch auch in Deutschland war erst 2019 in Rostock mit dem Dänen Claus Ruhe Madsen erstmals ein Ausländer zum Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt worden. An den Erfolg von Fritz‘ Kandidatur glaubten deshalb längst nicht alle – auch der Amtsinhaber nahm den Herausforderer aus dem Hotzenwald zu Beginn nicht sonderlich ernst. Am Ende stimmten 49.191 Temeswarer für den ehemaligen FSJ-Praktikanten – 53,3 Prozent. Er ist damit der erste ausländische EU-Bürger, der in Rumänien zum Bürgermeister gewählt wurde.

Tausende Anhänger feierten am Sonntag in Temeswar Wahlsieger Dominic Fritz (mitte), der es als EU-Ausländer geschafft hatte, zum ...
Tausende Anhänger feierten am Sonntag in Temeswar Wahlsieger Dominic Fritz (mitte), der es als EU-Ausländer geschafft hatte, zum Bürgermeister gewählt zu werden. | Bild: Contantin Duma

„Ihr habt Geschichte geschrieben!“, rief Dominic Fritz, der in seinem Wahlkampf auch durch Horst Köhler und den ehemaligen belgischen Premierminister und Europapolitiker Guy Verhofstadt unterstützt worden war, am Sonntagabend tausenden jubelnden Anhängern bei der Siegesfeier zu. Er will als Bürgermeister zuerst einmal die Verwaltung modernisieren, die Vetternwirtschaft beseitigen und die Korruption bekämpfen. Das neue Stadtoberhaupt verspricht eine „Revolution des guten Regierens“.

Wesentlich motiviert wird Dominic Fritz durch seinen Glauben. „Er hat eine christlich-grüne Seele“, sagt Vater Konrad Fritz, ehemals Lehrer in Görwihl und Rektor in Herrischried, über seinen Sohn. Wie die übrige Familie fühle sich dieser den Ideen der Katholischen Jugendbewegung Quickborn verbunden: Ökumene, Respekt vor anderen, vor Schöpfung und Umwelt. 2010 bis 2016 gehörte Dominic Fritz dem Rat von Burg Rothenfels an, dem Tagungszentrum der Quiockborner.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Stadt, der Fritz jetzt als Bürgermeister vorsteht, ist seit Jahrhunderten vom Zusammenleben verschiedener Nationalitäten geprägt. Bis in die 1930er Jahre hinein stellten die sogenannten Donauschwaben noch vor Rumänen und Ungarn sogar die größte Bevölkerungsgruppe. Ab 1716 gehörte Temeswar bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Habsburg – so wie über 550 Jahre bis 1806 auch die Grafschaft Hauenstein mit Görwihl. In den sogenannten Schwabenzügen besiedelten die Habsburger das nach den Türkenkriegen entvölkerte Banat mit Menschen aus ihrem südwestdeutschen Herrschaftsgebiet. 1737 kamen die ersten Hotzenwälder ins Banat, 1755 deportierten die Habsburger nach den Salpetererunruhen auch die Familien der Anführer des Aufstands in diese Gegend – unter anderem auch nach Freiberg, wo heute jenes Kinderheim ist, durch welches Dominic Fritz nach Temeswar kam.