Vor unserem ausführlichen Gespräch haben wir Jörg Röber vor der Videokamera einige einleitende Fragen gestellt und ihn gebeten, sich kurz vorzustellen. Das Video können Sie sich hier anschauen.   

Video: Sandro Kipar

Was wird aus Ihrer Sicht wahlentscheidend sein?

Wem die Bürger zutrauen, mit den Hausaufgaben, die für alle gleich sind, erfolgreich umzugehen. Aber egal, ob es um unsere Infrastruktur geht oder die Standortpolitik. Was zählt, ist das Vertrauen in den Kandidaten.

Skizzieren Sie doch die Mission, auf Rupert Kubon nachzufolgen.

Es ist immer eine Herausforderung, wenn man neu ins Amt kommt. Ich sehe das in VS vor allem in der Infrastruktur der Verkehrswege. Und in Kitas und Schulen darf nicht nur in Gebäude, sondern muss auch in die Menschen investiert werden, soweit die wichtigsten Punkte. Meine Mission sehe ich darin, hier konsequent und mit einem abgestimmten Plan den Sanierungsstau der letzten Jahre abzubauen. Zudem sehe ich eine weitere Herausforderung im zunehmenden Standortwettbewerb mit anderen Städten, um Unternehmen, Einwohner und Fachkräfte für die Firmen. Ich glaube, dieses Thema haben wir hier noch nicht wirklich erkannt. Wir brauchen ein Standortmarketing, das unseren Unternehmen hilft, die Arbeitskräfte zu finden, die sie brauchen und unseren Einzelhändlern hilft, auf ihre attraktiven Angebote hinzuweisen. Ein weiteres Thema ist die Digitalisierung der Verwaltung. Auch hier sind wir noch nicht sehr weit gekommen. Zudem gibt es ein Thema, an dem sich bereits alle Vorgänger abgearbeitet haben und was trotzdem auch in Zukunft sehr wichtig sein wird: Gemeinsames Handeln in unserer Stadt zu stärken und sichtbar machen. Das geht nur, wenn ich als Oberbürgermeister und der Gemeinderat dies auch vorleben.

Wie kann das finanziert werden?

Im Moment plant die Stadt mehr als 45 Millionen Euro zu investieren. Das führt dazu, dass wir erneut erhebliche Haushaltsreste produzieren. Realistisch lassen sich vielleicht nur 30 Millionen Euro im Jahr umsetzen. Der Rest sind Mittel, die geplant, aber nicht abgerufen werden. Dies erzeugt Frust bei denjenigen, die sich auf diese Investitionen gefreut oder auch darauf verlassen haben. Wenn wir es schaffen würden, hier tatsächlich ehrlicher mit uns zu sein. Wenn wir entsprechende Prioritäten setzen, würden wir auch entsprechende Mittel frei bekommen, um weitere Maßnahmen zu finanzieren.

Was braucht die Stadt ganz dringend?

Gemeinsames Handeln, den Gemeinsinn stärken, nicht spalten. Das gilt hinsichtlich der politischen Lager ebenso wie für die lokalen Grabenkämpfe. Ein zweiter Punkt ist für mich, städtisches Handeln nicht auf Sicht, sondern mittelfristig planbar und transparent zu gestalten.

Die Stadt nimmt in den letzten Jahren enorme Summen bei der Gewerbesteuer ein, zuletzt über 50 Millionen Euro: Investieren oder Schulden abbauen?

Ich glaube, die Antwort liegt in der Mitte. Investieren, um uns zukünftig wettbewerbsfähiger zu machen, ich denke an Standortmarketing, Citymanagement oder Wohnen, und sparen, wo es möglich ist, etwa bei den Verwaltungsstandorten – vor allem dabei kann uns auch die Digitalisierung im Rathaus helfen. Ebenso wie ein besseres Management der vielen Aufgaben in unserer Stadtverwaltung.

In VS fehlen Hunderte Kindergartenplätze. Wie bewerten Sie das? Wie lösen Sie das?

Das Problem ist leider nicht neu. Hieran trägt auch die Bundes- und Landespolitik mit Verantwortung, denn die offiziellen Vorgaben waren größer als das von den Kommunen Leistbare. Der Gemeinderat hat bereits in den letzten Jahren viel Geld in den Ausbau investiert. Hoffentlich bald werden mit dem Neubau von Wilhelmspflege, Kindergarten Sankt Elisabeth oder durch den Ausbau der Kindergärten bei der Hochschule für Polizei und am Krankenhaus weitere Plätze geschaffen. Dies wird aber nicht reichen, um den Bedarf zu decken. Wir müssen hier in den nächsten Jahren viel tun, nicht nur in den städtischen Einrichtungen, sondern auch bei unseren Partnern, den freien Trägern, um mehr Plätze anbieten zu können. Ein Projekt, auf das ich zum Beispiel verweisen will, ist die geplante Kindertagesstätte der Arbeiterwohlfahrt auf der Möglingshöhe. Es geht aber nicht nur um Investitionen in Steine, sondern auch um Investitionen in die Mitarbeiter in unseren Einrichtungen.

In VS gibt es einen enormen Sanierungsstau: Schulen, Straßen, um nur die dicksten Brocken zu nennen. War das aus Ihrer Sicht vermeidbar und wie wollen Sie ein solches Thema sinnstiftend für die Bürger anpacken?

Es war aus meiner Sicht nur zum Teil vermeidbar. Man hat es in den letzten Jahren verpasst, entsprechende Haushaltsmittel bereitzustellen. Zudem gab es bisher auch keine wirklich erkennbare Bereitschaft, eine Priorisierung der sanierungsbedürftigen Straßen festzulegen. In Zukunft braucht es daher nicht nur mehr Geld, sondern auch einen zwischen Stadtverwaltung und Politik abgestimmten Sanierungsplan. Erst dann wird für den Bürger auch nachvollziehbar und überprüfbar, wie der Sanierungsstau im Straßennetz angegangen werden soll.

Bei den Schulen muss man das differenzierter betrachten. In den vergangenen Jahren wurden in VS bereits große Summen in die Schulen gesteckt. Und nun wird gerade das GaD saniert, wo neue Anforderungen aus Stuttgart und der Denkmalschutz die Stadt dazu zwingen, fast 30 Millionen Euro in nur eine Schule zu stecken. Dass dabei die Sanierung und der Ausbau etwa der Gartenschule verzögert wurden und der Schulverbund am Deutenberg nach hinten gerückt ist, mag so verständlich sein. Sicher ist jedoch, dass für mich die Prioritäten jetzt bei den bisher zur Seite gedrängten Schulen liegen.

Weshalb gab es aus Ihrer Sicht in VS den jahrelang dauernden Eiertanz um ein neues Jugendkulturzentrum?

Das ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar. Aber offen gesagt, will ich mich mit der Frage auch nicht aufhalten. Mich interessiert hier vielmehr, wie das Jugendkulturzentrum zu einem Erfolg für Jugendliche und junge Menschen in unserer Stadt werden kann? Dazu braucht es weniger Misstrauen, sondern mehr Bereitschaft von allen an der Jugendarbeit in VS interessierten Kräften, gemeinsam einen Neuanfang zu wagen.

Weshalb gibt es so lange Wartelisten für betreutes Wohnen und in Pflegeheimen?

Ein Grund ist sicherlich die geänderte Gesetzeslage. Durch neue Vorgaben wurde viel Geld dafür benötigt, die neuen gesetzlichen Vorgaben – Stichwort Einzelzimmer und Landesheimbauverordnung – umzusetzen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Plätzen für betreutes Wohnen und Pflege. Wenngleich die Träger als auch die Stadt mit der Spitalstiftung bemüht sind, ihr Angebot auszuweiten, fehlt es auch an den finanziellen Mitteln, es gibt für Pflegeheime keine staatlichen Zuschüsse mehr, schneller Abhilfe zu schaffen. Hinzu kommen die fehlenden Mitarbeiter. Nur gemeinsam mit den freien Trägern kann es der Stadt gelingen, das Problem mittelfristig in den Griff zu kriegen.

Wie schafft die Stadt kostengünstigen Wohnraum im Sinne einer guten Stadtentwicklung?

Drei Antworten: Erstens – mit unserer Wohnbaugesellschaft und unseren Partnern im Bündnis für faires Wohnen werden wir noch stärker in den Bau preisgünstiger Wohnungen investieren. Zweitens – eine Wohnraumstrategie muss dafür sorgen, dass beim Verkauf städtischer Flächen für Wohnbebauung auch genügend preiswerter Wohnraum entsteht. Drittens – Eine gute Durchmischung von unterschiedlichen Wohnformen, um sozial ausgeglichene Nachbarschaften zu sichern.

Was bauen Sie auf den Tonhallenplatz?

Ich könnte mir hier gut ein Hotel und attraktive Einzelhandelsangebote vorstellen.

Wie entwickeln Sie die fünf Kilometer Fläche zwischen V und S?

Die positive Entwicklung des Klinik-areals und seines Umfeldes, des Wohngebiets Schilterhäusle oder des Mikroinstituts sind schon heute Treiber für ein Zusammenwachsen der großen Stadtbezirke. Mit der anstehenden Erschließung des Wohngebietes Lämmlisgrund, dem Ausbau des Klosterhof-areals zu einem modernen Freizeitareal für die Gesamtstadt sind hier bereits konkrete Projekte in der Umsetzung, die diesen Prozess noch verstärken werden. Ich sehe hier die große Chance, die Ideen der Gründungsväter unserer Stadt zu Ende zu führen.

Kleine Schulen in den Dörfern lassen oder schließen und größere Einheiten bilden?

Ich will an die kleinen Schulen kein Preisschild hängen. Auch für mich gilt hier: Kurze Beine – kurze Wege. Ich will jedoch gemeinsam mit den Ortschaften nach Möglichkeiten schauen, die Gebäude besser zu nutzen, etwa durch zusätzliche Angebote für ältere Menschen, um die Attraktivität zu steigern. Zudem ist es mir wichtig, die Zusammenarbeit zwischen den Ortschaften selbst auch bei diesem Thema positiv zu fördern.

Nennen Sie doch einmal Ihre positiven Eigenschaften?

Ich gehe offen auf Menschen zu. Ich habe zwar oft meinen Standpunkt, aber ich bin immer bereit, mir auch andere Meinungen einzuholen, mich überzeugen zu lassen oder Kompromisse einzugehen. Mir geht es nicht immer nur darum, die beste Lösung, sondern eine gute und machbare zu finden. Humor ist mir sehr wichtig. Dass man einfach mal zusammen lachen kann. Durchhaltevermögen und ein Kämpferherz würde ich mir auch unterstellen.

Und Ihre negativen Eigenschaften sind?

Ungeduld…, manchmal geht es mir nicht schnell genug. Das merke ich vor allem zuhause bei meinen Kindern, gerade wenn ich das Gefühl habe, sie trödeln herum oder helfen in Zeitlupe, in der Hoffnung sich vor der Hausarbeit drücken zu können. Ich kann auch manchmal dickköpfig sein, wenn ich hinter etwas stehe.

Sie sind als OB Chef einer Verwaltung: Beschreiben Sie bitte, wie diese 1453 Mitarbeiter in fünf Jahren arbeiten werden.

Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung nutzen die digitalen Möglichkeiten unserer Zeit, um ihre Arbeit besser zu organisieren und schneller und flexibler auf die Bedürfnisse der Bürger, Unternehmen und Gäste unserer Stadt einzugehen. Sie fühlen sich dabei nicht überfordert, sondern sehen in diesen digitalen Möglichkeiten eine Verbesserung für ihre Arbeit.

Außerdem arbeiten die Mitarbeiter der Stadt gerne für uns. Sie fühlen sich durch ihren Arbeitgeber gut in der Politik und in der Öffentlichkeit vertreten. Bei Themen, die für Mitarbeiter wichtig sind, wie Kinderbetreuung, Arbeitsbedingungen, oder weiche Faktoren wie Kantine oder Parkplätze gibt es gute Lösungen.

Beschreiben Sie doch bitte das Stadtleben nach acht Jahren Ihrer Regentschaft. Was hat sich dann verändert und worauf dürfen sich die Menschen bei Ihnen verlassen?

Eine verlässliche und planbare Stadtpolitik, eine solide Haushaltspolitik, Transparenz bei allem, was die Stadt vorhat und was sie tut. Bürgernähe, die sich nicht in Bürgersprechstunden erschöpft, sondern von den Menschen auch bei der Planung und Umsetzung von städtischen Vorhaben ganz praktisch erlebt werden kann.

Macht man mit Doktortitel einen Führungsjob in der Verwaltung eigentlich anders ?

Nicht anders, aber er hilft beim Blick über den Tellerrand.

Sie sind in der Stadt nicht explizit verwoben und arbeiten hier seit 2015. Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?

Ich sehe es als Vorteil. Da ich von außen komme, bin ich offener für neue Ideen und Ansätze. Zudem bin ich nicht in die Konflikte der Vergangenheit eingewoben, sondern kann hier tatsächlich einen Neuanfang starten. Andererseits kenne ich durch meine Frau, einer Villingerin, die Stadt und die Menschen doch schon recht gut.

Sie gelten hier und da als der Weiter-so-Kandidat, da Sie ja als Persönlicher Referent von Rupert Kubon aus dem Vorzimmer des Amtsinhabers kommen. Was eint Sie und was trennt Sie von Rupert Kubon?

Es gibt viele Themen, wo ich eine andere Meinung habe als Rupert Kubon, das haben Sie ja gerade herausgearbeitet. Ein Beispiel ist das jugendkulturelle Zentrum. Für mich eine Chance, den jungen Menschen in der Stadt ein Angebot zu machen, ein Freizeit- und Kulturangebot zu bieten. Es gibt aber auch Themen, da bin ich einer Meinung mit Rupert Kubon. Ein Beispiel ist die Schaffung zusätzlichen, preisgünstigen Wohnraums. Das liegt nicht an Rupert Kubon, sondern weil ich es richtig finde.

Rupert Kubon spricht seit einem Dreivierteljahr unüberhörbar positiv über Sie? Hat er Sie zur Kandidatur aufgefordert? Sind Sie sein Konsens-Kandidat, den der Amtsinhaber schon früh nach vorne schieben wollte?

Nein. Das ist meine ganz persönliche Entscheidung.

Wer oder was steht dann hinter Ihrer plötzlichen Entscheidung, sich zu bewerben? Immerhin habe ich Sie Ende Februar ja konkret nach einer solchen Absicht Ihrerseits gefragt, seinerzeit antworteten Sie mir klar abschlägig, Sie hätten eine andere Lebensplanung. Was hat danach auf Sie eingewirkt?

Ich wurde von vielen Menschen in dieser Stadt darauf angesprochen, ob ich mir das nicht selbst zutrauen würde. Das hat mich dazu veranlasst, meine Entscheidung zu überdenken. Und es hat mich motiviert. Ich mache aber auch keinen Hehl daraus, dass ich mit dem Wunsch, Bürgermeister oder Oberbürgermeister einer Stadt zu sein, schon eine Zeit schwanger gehe.

Sie haben sich bei vielen politischen Organisationen vorgestellt und um Unterstützung gebeten. Dabei haben Sie sowohl Zustimmung als auch Ablehnung erfahren. Was macht das mit Ihnen?

Das ermutigt mich, denn ich habe in jedem dieser Gespräche gemerkt, dass es Themen gibt, wo es durchaus ähnliche Vorstellungen gibt, auch bei den Gruppen, wie etwa der CDU, die sich letztlich einem anderen Kandidaten zugewandt hat. Letztlich geht es darum, als Oberbürgermeister mit allen Fraktionen und politischen Kräften zusammen diese Stadt voranzubringen.

Wenn Sie nicht gewählt werden, was dann?

Ich werde früh aufstehen, Vesper für meine Jungs machen und zur Arbeit gehen.

Fragen: Norbert Trippl