Über acht Jahre nach ihrer fristlosen Entlassung als Geschäftsführer der Hess AG in Villingen, nach massiven Betrugs- und Manipulations-Anschuldigungen sowie endlosen zivil- und strafrechtlichen Auseinandersetzungen ging am Mittwoch für die ehemaligen Unternehmensvorstände Christoph Hess und Peter Ziegler eine Odyssee durch die Mühlen der Justiz zu Ende.

Das Urteil der Großen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Mannheim vom 26. Mai 2021, 16 Uhr:

Christoph Hess wird zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Peter Ziegler zu 17 Monaaten Haft, auf 2 Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Das Urteil stützt sich auf unrichtige Darstellungen in den Bilanzen und damit auf Verstöße gegen die Richtlinien des Handelsgesetzbuchs, auf Verletzung von Buchführungspflichten sowie auf Kapital- und Kreditbetrug wie auf Untreue.

Das Mannheimer Urteil ist nicht rechtskräftig.

Hess erklärt sich

In seinem persönlichen Schlusswort bedankte sich Christoph Hess ausdrücklich bei den Richtern für ihre faire, unvoreingemommene Verhandlungsführung. Ansonsten fiel seine persönliche Bilanz bitter aus. Er kritisierte „eine menschenunwürdige prozessuale Situation“, die es möglich gemacht habe, dass eine Anklage über acht Jahre nach ihrer Begründung überhaupt erst verhandelt wird.

Die Verhandlungstage im Hess-Prozess am Landgericht Mannheim. Bild: Eberhard Stadler
Die Verhandlungstage im Hess-Prozess am Landgericht Mannheim. | Bild: Stadler, Eberhard

Hess: „Diese acht Jahre waren geprägt durch öffentliche Diffamierungen, permanente Angriffe eines von der Leine gelassenen Insolvenzverwalters, einer aus diesen Kränkungen entstandenen schweren psychischen Krankheit, die bis heute anhält und bei der es ungewiss erscheint, ob die gesundheitlichen Schäden jemals wieder behoben werden können.“ Hinzu kämen tragische Folgen innerhalb der Familie sowie deren immense finanzielle Verluste. An den Richter gewandt, sagte Hess: „Egal welche Strafe Sie verkünden werden, sie steht in keiner Relation zu dem, was ich erleiden musste beziehungsweise, was mir widerfahren ist.“

Der Auftakt im Hess-Prozess am 5. Oktober 2020 in Mannheim. Bild: Eberhard Stadler
Der Auftakt im Hess-Prozess am 5. Oktober 2020 in Mannheim. | Bild: Stadler, Eberhard

Sein Rückblick war auch eine Abrechnung mit dem Mann, der die Vorwürfe verbreitet hat, der ehemalige kaufmänische Leiter des Unternehmens. Dieser habe aus „Hass und Ehrgeiz“ gehandelt und falsche Anschuldigungen verbreitet.

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Als weiteren Verursacher der Misere nannte Hess den ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der Hess AG, Tim van Delden, der die Anschuldigungen des vermeintlichen „Whistle-Blowers“ aufgenommen und fatale Fehlentscheidungen getroffen habe, die das Unternehmen ruiniert hätten. Letztlich sei es der neue von van Delden installierte Geschäftsführer gewesen, der, um die Fehlleistungen des Ausichtsratsvorsitzenden zu vertuschen, seine Anwälte mit einem Sonderuntersuchungsbericht beauftragt habe.

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Dieser Bericht mit zahlreichen Beschuldigungen gegen ihn und Peter Ziegler sei von den Anwälten nie unterzeichnet worden, ein rein parteiisches Gutachten, das aber weit gestreut wurde und wie wohl beabsichtigt, seine zerstörerische Wirkung getan habe. Damit seien „fast sämtliche Ansätze, sich unabhängig und neutral mit der Sache zu beschäftigen, in den Wind geschrieben“ worden, beklagte der ehemalige Firmenchef.

Die Firmengeschichte


Die Firma Hess wurde im Jahr 2012 in der dritten Generation als mittelständisches Familienunternehmen geführt. Die einstige Gießerei von Laternenmasten hatte sich in 65 Jahren als design-orientierter Anbieter in Europa und in Teilen der USA am Markt verankern können. Der Sprung an die boomenden arabischen und asiatischen Märkte stand bevor. Hess wurde Aktiengesellschaft und am 25 Oktober 2012 war erster Handelstag der Hess-Aktien an der Frankfurter Börse. Konsortialführer war die Landesbank Baden-WÜrttemberg. Fast 40 Millionen Euro konnte Hess gegen die Ausgabe von Aktien einlösen. Ende Januar 2013 gab es die ersten Berichte über Bilanzmanipulationen.

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Der Aufsichtsrat feuerte Mitte Januar und damit drei Monate nach dem Börsengang die Vorstände Christoph Hess (Leitung) und Peter Ziegler (Finanzen). Am 13. Februar 2013 beantragte das kurzfristig eingesetzte Übergangsmanagement das Insolvenzverfahren. Nur vier Monate nach dem Börsengang war die Firma von Hundert auf Null abgestürzt.

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Die Firmenkonten wurden gesperrt. Von Wirtschaftsprüfern testierte Bilanzen wurden für die Jahre 2007 bis 2012 um 45 Millionen Euro nach unten korrigiert, hieß es seinerzeit gegenüber der Öffentlichkeit. In zahllosen Gläubigerversammlungen konnten die teils Jahrzehnte langen Geschäftspartner der Firma Hess die Vorgänge kaum fassen. Das Staunen über die Wendungen des Falls Hess hält an heute. Die Firma konnte und stabilisiert und in Villingen konzentriert werden. Über 150 Mitarbeiter arbeiten hier heute.

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