„Viele Menschen können immer noch nicht glauben, dass hier mitten auf der Baar tatsächlich Gemüse wächst“, sagt Marlene Reichegger und schüttelt dabei schmunzelnd den Kopf. Die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Baarfood steht mitten in einem Gewächshaus oberhalb von Überauchen in Brigachtal und blickt um sich. Sie ist umgeben von Tomaten in vielen verschiedenen Größen und Farben – eine praller als die andere. Draußen auf dem Acker gedeihen 40 weitere Gemüsesorten, und allem Anschein nach wachsen sie sehr gut, mitten auf der Baar.

Bild: Heike Thissen

Das Ticketsystem vereinfacht die Koordination der Helfer und Termine

Doch es ist nicht der Boden allein, der dafür sorgt, dass Karotten, rote Bete, Brokkoli, Blumenkohl und Zucchini hier sprießen. Vor allem der Einsatz der Gärtnerin und des Gärtners in Festanstellung, der vier Hilfskräfte und der 220 Mitglieder stellt sicher, dass die Ernte auf dem Acker von Baarfood Jahr für Jahr so üppig ausfällt. Jeden Freitag zwischen April und Oktober arbeiten sie in wechselnder Besetzung drei Stunden lang zusammen auf dem Acker. Sie bringen sich aber auch bei speziellen Arbeits- oder Ernteeinsätzen ein oder übernehmen die Gemüsetransporte von Überauchen zu den Abholstationen in Villingen und Schwenningen.

Das alles wäre ein großer organisatorischer Aufwand, würde nicht auch Baarfood die Vorzüge der Digitalisierung nutzen. „Die Koordination der Helfer und der Termine wäre ohne unser Ticketsystem gar nicht möglich“, ist Marlene Reichegger überzeugt. In dieses System tragen die Mitglieder über die Homepage ein, bei welchen Terminen sie mithelfen möchten. Sind noch Plätze frei, erhalten sie ein virtuelles Ticket – sozusagen eine Eintrittskarte zu ihrem Helfereinsatz. Das System fragt auch ab, ob sie im Auto noch einen Platz freihaben für Mitfahrer, ob sie ein Fahrzeug mit Anhängerkupplung besitzen und einen Anhänger, um das frisch geerntete Gemüse zu transportieren. So gewährleistet das Ticketsystem sowohl die einfache Buchung von Terminen für die Mitglieder als auch die Kontrolle über die Arbeitseinsätze für den Vorstand. „Das erleichtert uns die Arbeit sehr“, sagt Reichegger mit Blick auf ihr Smartphone.

Bild: Heike Thissen

Auf viele Schultern verteilt

Die studierte Garten- und Landschaftsarchitektin zählt auf, was dem Verein wichtig ist: „Regionalität, Saisonalität, biologische Anbaumethoden, eine gerechte Bezahlung und Beteiligungsmöglichkeiten sowie ein aktives Vereinsleben mit vielen Festen, wobei letzteres natürlich unter der Corona-Pandemie gelitten hat.“ Nachhaltiges Biogemüse in einer solidarischen Landwirtschaft anbauen – das war schon im Vorfeld der offiziellen Vereinsgründung im Januar 2017 das erklärte Ziel. „Die Kosten für den Anbau werden gemeinschaftlich getragen. Finanziert wird also nicht das einzelne Lebensmittel, sondern die Produktion“, erklärt die 61-Jährige. Rund 86 000 Euro fallen jedes Jahr an Kosten an – inklusive der Pacht, des Saatguts, der Gehälter der Festangestellten, der Aushilfskräfte und allem, was Biogemüse braucht, um gut zu gedeihen. Dafür bezahlen die Mitglieder im Durchschnitt 85 Euro Beitrag pro Monat. Und hier kommt die Solidarität ins Spiel: „Die, die mehr geben können, bezahlen mehr, damit die, die nicht so viel Geld haben, weniger zahlen können“, erklärt Marlene Reichegger das Prinzip. Die Ernte vom Acker bei Überauchen wird wöchentlich gleichmäßig auf alle Mitglieder, die einen Gemüseanteil erworben haben, aufgeteilt – ohne Verpackung, mit kürzesten Transportwegen. Das Risiko für Ernteausfälle ist somit auf viele Schultern verteilt.

SoLaWis treffen den Nerv der Zeit

Mit ihrer Idee stehen Marlene Reichegger und die anderen Mitglieder von Baarfood natürlich nicht allein da. Rund 300 SoLaWis gibt es derzeit in ganz Deutschland, mehr als 70 sind gerade dabei, sich zu gründen – Tendenz steigend. Das ist nicht weiter verwunderlich: Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft gibt an, dass es derzeit in Deutschland fast 34 000 Bio-Höfe gibt, was rund 12 Prozent aller Landwirtschaftsbetriebe entspricht. Mehr als 1,6 Millionen Hektar werden zwischen Alpen und Nordsee ökologisch bewirtschaftet, womit der Bio-Anteil an der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in der Bundesrepublik rund 10 Prozent beträgt. Das entspricht einer Steigerung von 50 Prozent innerhalb der vergangenen fünf Jahre. Mit ihren Erzeugnissen wurden im vergangenen Jahr 11,9 Milliarden Euro umgesetzt – 10 Prozent mehr als im Jahr 2018.

Gärtnerin Anni Kohnle zeigt, wie gut auch exotisches Gemüse wie die Edamamebohnen auf der Baar wachsen.
Gärtnerin Anni Kohnle zeigt, wie gut auch exotisches Gemüse wie die Edamamebohnen auf der Baar wachsen. | Bild: Heike Thissen

Solidarische Landwirtschaft trifft also einen Nerv und ist für immer mehr Menschen ein attraktives Modell für die Landwirtschaft der Zukunft. Auch Baarfood nimmt weiter Mitglieder auf, allerdings ist die maximale Zahl von 89 Gemüseanteilen für den Moment erreicht. „Wir sind vor vier Jahren mit 40 Interessierten gestartet. Jetzt haben wir schon 250 Mitglieder. Wir können wohl behaupten, dass es ganz gut für uns läuft“, fasst Marlene Reichegger zusammen. Das betrifft die Mitgliederzahl des Vereins, aber auch den Gemüseertrag – und das mitten auf der Baar.