Der Landfrauenverein Biesingen wurde am 22. Mai 1974 gegründet und im Oktober 2020 wieder aufgelöst (wir berichteten). Kurioserweise mussten die Landfrauen die Auflösung ihres Vereins sogar zwei Mal vornehmen. Es war ein langer Prozess.

Helen van Almsick kam 2019 als Neubürgerin nach Biesingen und springt kurzerhand im Vorstandsteam ein, um die Auflösung der Landfrauen zu verhindern. Bild: Naiemi (Archiv)
Helen van Almsick kam 2019 als Neubürgerin nach Biesingen und springt kurzerhand im Vorstandsteam ein, um die Auflösung der Landfrauen zu verhindern. Bild: Naiemi (Archiv) | Bild: Naiemi, Sabine

Helen van Almsick rekapituliert die Geschichte: In den vier Jahrzehnten ihres Bestehens haben die Frauen unzählige Veranstaltungen, Ausflüge, Wanderungen, Sport und vieles mehr angeboten. Von 1992 bis 2008 waren sie auf dem Christkindlemarkt in Bad Dürrheim aktiv. Durch ihr hohes Engagement konnten die Biesinger Landfrauen immer wieder ihre Einnahmen mit sozialen Einrichtungen teilen. Es gingen Spenden an die Krebsklinik Freiburg, die Nachsorgeklinik Tannheim, das Hospiz Via Luce und an den Kindergarten Biesingen.

Doch in den vergangenen Jahren kristallisierte sich auch heraus, dass sich die Vereinsarbeit in so gut wie allen Bereichen immer schwieriger gestaltete. Das Interesse, einem Verein beizutreten, ist allgemein stark zurückgegangen. Also schrumpfte auch in Biesingen der Verein der Landfrauen und litt zudem an Überalterung. Die vielfältigen Angebote wurden kaum noch wahrgenommen. „Natürlich kam Corona erschwerend hinzu, doch die Tendenzen waren lange davor schon eindeutig“, erklärt van Almsick. So stand das Vorstandsteam der Landfrauen vor der Entscheidung: Auflösung ja oder nein.

Das war bereits 2019 schon mal Thema. Damals trat Helen van Almsick als Neuzugezogene in das Vorstandsteam ein. Ein Jahr lang sollte versucht werden, mit frischem Wind und mehr Öffentlichkeitsarbeit „Leben in die Bude“ zu bringen. Mit viel Engagement und Zeitaufwand startete das Team neu durch. Indes – keine der Maßnahmen fruchtete. Also habe sich das Vorstandsteam entschieden, den Vereinsmitgliedern vor dem Sommer 2020 schriftlich die Situation zu erklären und darum zu bitten, dass sich alle um die Zukunft des Vereins Gedanken machen. Sie würden ihre Vorstandsposten zur Verfügung stellen, es solle überlegt werden, ob es weitergehen und die Posten von anderen Frauen besetzt werden könnten. Alternativ müsste über die Auflösung nachgedacht werden.

Im Juni 2020 luden die Vorstandsfrauen die Mitglieder zu einem Gespräch ein im Oktober und zur Jahreshauptversammlung zehn Tage später. Das Ergebnis fiel klar aus: Alle anwesenden Frauen sprachen sich, trotz vereinzeltem Bedauern, für die Auflösung aus und waren auch mit geplanter Aufteilung des Vermögens einverstanden. Somit blieb nur noch die Hauptversammlung mit der Abstimmung zur Auflösung.

Einzeln mit Stimmzetteln, nach strengem Hygienekonzept und nach vorheriger Abstimmung mit dem Landesverband, entschieden sich die Landfrauen im Oktober dann für die Auflösung ihres Vereins und die Aufteilung der Finanzen. Das Ergebnis wurde dem Landfrauenverband Freiburg und der Presse mitgeteilt. Wenig später sei dort eine Beschwerde aus Biesingen eingegangen, so Helen van Almsick. Eine Person aus Biesingen – kein Mitglied der Landfrauen wohlgemerkt – hatte das Prozedere moniert und Formfehler unterstellt. Sogar Anwälte wurden aufgrund des Betreibens dieser Person im Verlauf eingeschaltet.

Kurioserweise gingen die Landfrauen letztendlich ein zweites Mal an die Wahlurne – formal gut abgesichert: Alle 27 Landfrauen stimmten ab. 26 sprachen sich erneut für die Auflösung aus, eine Stimme war dagegen. Die Landfrauen wären sich einig gewesen, dass das letzte Jahr sein Gutes hatte, sagt Helen van Almsick. Die ausführlichen Gespräche um die Auflösung, um das Vergangene, vergangene Konflikte und die bewegte Geschichte des Vereins hätten allen gutgetan.

„Die Frauen lösten sich keineswegs im Streit auf, selten zuvor waren sich die Biesinger Frauen so einig, wohingegen nach der Vereinsauflösung trotz vorheriger Ankündigung bei so manchem im Dorf die Wogen hochschlugen“, erklärt van Almsick.

Ihr verbliebenes Vereinsvermögen investierten die Landfrauen in ihr Dorf. So wurde der über 30 Jahre alte Ofen im Backhäusle durch einen neuen Ofen ersetzt. Zudem steht eine brandneue Teigmaschine im Backhäusle. Weiter haben die Landfrauen Stoff gekauft und für zukünftige Dorffeste mit Bewirtung Schürzen für alle Helfer genäht. Zu guter Letzt wird aus der Kasse der Landfrauen eine Bank für den Barfußpfad angeschafft. Die Landfrauen übergeben außerdem zwei große Kühlschränke, Geschirr, Thermen für Glühwein, den massiven Schrank aus ihrem Raum und zwei Stehtische an Ortsvorsteher Armin Wehrle. Die roten Tische der Landfrauen sind bereits ins Backhäusle umgezogen.

Waren die Landfrauen Biesingen durchaus bekannt dafür, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen, verlief die Auflösung äußerst harmonisch. „Doppelt gemoppelt hält besser!“, sei das Echo auf die zweite Abstimmung gewesen, so van Almsick. Diese wäre sogar noch eindeutiger ausgefallen, nachdem bei der ersten Abstimmung nicht alle Frauen anwesend sein konnten.