Als Karl Reichle vor etwa drei Jahren in den Ruhestand ging, suchte er eine Aufgabe, um seine neu gewonnene Zeit sinnvoll zu nutzen. Er entschied sich deshalb dafür, als ehrenamtlicher Bewährungshelfer zu arbeiten. „Ich wollte etwas zurückgeben“, begründet er seinen Entschluss heute. Außerdem habe er sich schon immer für Menschen und ihre Schicksale interessiert. In der Zeit als Freiwilliger habe er die Erfahrung gemacht, dass viele Klienten einfach Struktur in ihrem Leben brauchen. "Oft fehlt ihnen die Motivation, dann muss man in der Lage sein, die Menschen aus ihrem Loch herauszuholen", beschreibt Reichle seine Arbeit. "Man muss eine Beziehung zu den Klienten aufbauen, aber gleichzeitig eine professionelle Distanz wahren, das ist manchmal gar nicht so einfach."

Wenn Reichle über seine Klienten spricht, dann meint er Straftäter. Bei den Verurteilten, bei denen die Sozialprognose günstig ist, wird eine Freiheitsstrafe oft zur Bewährung ausgesetzt. Oder es kommt zu einer Haftstrafe, die bei guter Führung nach zwei Dritteln der Haftzeit in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wird. In solchen Fällen ist es wichtig, dass dem straffällig gewordenen Menschen jemand zur Seite steht, der ihm hilft, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Da die Resozialisierung nur gelingt, wenn sie innerhalb unseres Gemeinwesens stattfindet, setzt die Bewährungs- und Gerichtshilfe Baden-Württemberg (BGBW) dabei auch auf ehrenamtliche Helfer wie Karl Reichle. Diese sollen den Klienten in erster Linie dabei helfen, keine neuen Straftaten zu begehen, indem sie sowohl kontrollierende als auch unterstützende Aufgaben übernehmen. Auf die Arbeit vorbereitet werden die Freiwilligen in einem Einführungskurs und regelmäßigen Weiterbildungsveranstaltungen.

"Ein ehrenamtlicher Bewährungshelfer betreut in der Regel zwischen zwei und fünf Klienten", erklärt Jasmin Drexler, Sozialarbeiterin in der BGBW-Außenstelle in Konstanz. "Die Fälle werden gezielt ausgesucht und je nach Fähigkeiten und Persönlichkeiten auf die Mitarbeiter verteilt. Sie werden nur mit Fällen betraut, die ihren Kompetenzen gerecht werden und keinen Gewissenskonflikt hervorrufen", führt sie aus. "Außerdem arbeiten die Freiwilligen in Teams, die von einem erfahrenen, hauptamtlichen Bewährungshelfer geleitet werden."

Verstärkung für das Singener Team gesucht

Für das Singener Team, das derzeit aus nur vier Ehrenamtlichen besteht, wird nun dringend Verstärkung gesucht. Allerdings gibt es einige Voraussetzungen, die Interessierte erfüllen müssen: "Offenheit, Einfühlungsvermögen, Motivationsfähigkeit und Geduld sind Eigenschaften, die ein Bewährungshelfer mitbringen sollte", so Drexler. Außerdem sei der ideale Kandidat mindestens 21 Jahre alt, habe keine Vorstrafen und glaube daran, dass jeder Mensch sich ändern und positiv entwickeln kann. Jedoch gehören auch Rückschläge dazu. Man dürfe nicht vergessen, dass der Klient letztlich selbst für seine Entscheidungen verantwortlich ist, sagt Jasmin Drexler und warnt: "Man sollte die Fälle nicht zu persönlich nehmen."

Die Aufgaben eines ehrenamtlichen Bewährungshelfers sind vielfältig: Er muss darauf achten, dass der Verurteilte seine Bewährungsauflagen erfüllt, soll ihm bei der Lösung sozialer und wirtschaftlicher Probleme helfen und seine Arbeit regelmäßig dokumentieren und dem zuständigen Gericht übermitteln. Doch der Aufwand sei lohnenswert, bilanziert Karl Reichle, denn seine persönliche Erkenntnis lautet: "In jedem Menschen steckt ein guter Kern."

 

Infoabend für Interessierte

Am Donnerstag informiert die Bewährungs- und Gerichtshilfe Baden-Württemberg bei einem Infoabend über das Ehrenamt. Die Veranstaltung findet ab 18.30 Uhr in den BGBW-Räumen in der Bahnhofstraße 29 in Singen statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Mehr Informationen im Internet: http://www.bgbw.landbw.de