Die volle Härte des Gesetzes erfuhr ein 26-jähriger Beschuldigter vor dem Konstanzer Landgericht. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Christoph Hettenbach sah es als erwiesen an, dass der Mann im Mai einen 57-Jährigen in Mühlhausen-Ehingen brutal und heimtückisch erschlagen haben soll. Trotz eines umfassenden Geständnisses werteten die fünf Mitglieder des Schöffengerichts die brutale Tat als Mord und gingen damit sogar über die Forderungen der Staatsanwaltschaft hinaus. Sie verurteilten den Mann zu lebenslanger Haft. Rechtskräftig ist der Schuldspuch jedoch noch nicht.

Mordmerkmal: Heimtücke

Nicht nur Staatsanwalt Ulrich Gerlach hatte Zweifel am Mordmerkmal der Heimtücke. „Wie ein Irrer hat der Angeklagte mit dem Hackmesser auf sein Opfer eingehackt“, beschrieb Gerlach in seinem Plädoyer den Tathergang, wie er sich aufgrund der Ermittlungen darstellt. Stark erregt habe der Beschuldigte sein Opfer erschlagen. Dass er bewusst die Arglosigkeit des 57-Jährigen ausgenutzt haben soll, war für den Staatsanwalt nicht nachweisbar. Eine zwölfjährige Haftstrafe wegen Totschlags war für ihn angesichts der brutalen Vorgehensweise angemessen.

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Verteidiger Björn Bilidt plädierte auf acht Jahre Haft. Zugunsten des Beschuldigten wertete er dessen schnelles Geständnis und die umfassende Zusammenarbeit mit den Ermittlern, die geholfen habe, den Fall schnell aufzuklären. Überdies habe er so geholfen, dem zu Unrecht verdächtigten Sohn des Opfers eine längere Untersuchungshaft zu ersparen. Der Angehörige war anfangs in den Fokus der Ermittler geraten, weil es einen Streit mit dem Vater gegeben haben soll. Erst im Zuge weiterer Ermittlungen fiel der Verdacht auf den jetzt Verurteilten, der nach seiner Flucht in Spanien festgenommen werden konnte.

Vor dem Landgericht Konstanz wurde der Mann wegen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt.
Vor dem Landgericht Konstanz wurde der Mann wegen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt. | Bild: Biehler, Matthias

Für das Gericht hingegen stand außer Frage, dass der Beschuldigte die Arglosigkeit seines Opfers heimtückisch ausnutzte. Um eine Augenblicksreaktion habe es sich nicht gehandelt. "Der Beklagte hat sich an das Hackmesser erinnert und das passende Werkzeug für seine Pläne ausgewählt", begründete Richter Christoph Hettenbach das Urteil.

Das strukturierte Nachtatverhalten samt gewissenhafter Beseitigung der Spuren habe ebenfalls den Mordverdacht erhärtet. Bewusst habe er schließlich den Geldbeutel seines Opfers ebenso an sich genommen, wie dessen Handy – aus dem er die Sim-Karte entfernte und zerbrach. Äußerst brutal hat er zuvor seinen Arbeitgeber erschlagen. Die Obduktion listete allein am Kopf 30 Schläge mit dem Hackmesser. Weitere Verletzungen wurden am gesamten Oberkörper festgestellt. Zudem sollen dem Opfer bei dem Angriff mehrere Finger abgetrennt worden sein.

Mit diesem Hackmesser soll der Angeklagte viele Male auf das Opfer eingeschlagen haben, bevor er es in einem Gebüsch am Ortsrand von Mühlhausen-Ehingen entsorgte. Erst Wochen später führte er die Ermittler nach seiner Festnahme zum Fundort.
Mit diesem Hackmesser soll der Angeklagte viele Male auf das Opfer eingeschlagen haben, bevor er es in einem Gebüsch am Ortsrand von Mühlhausen-Ehingen entsorgte. Erst Wochen später führte er die Ermittler nach seiner Festnahme zum Fundort. | Bild: Biehler, Matthias

Entzündet habe sich der Konflikt, wie Hettenbach in der Urteilsbegründung erläuterte, an Glaubensfragen. Das Opfer, das dem Sikh-Glaube angehört habe, soll seinen damaligen Mitarbeiter als gläubigen Moslem provoziert haben. Wie es in der Anklageschrift heißt, soll er den Koran als Lüge und Muslime als Tierquäler bezeichnet haben. Doch solche Sticheleien seien während des gemeinsamen Arbeitsverhältnisses nicht zu ersten Mal vorgekommen, berief sich Hettenbach auf Aussagen des Angeklagten. Sein Opfer hätte deshalb keineswegs damit rechnen können, dass es zu einer derart massiven Attacke komme. Die Arglosigkeit des 57-Jährigen habe der Beschuldigte bewusst ausgenutzt. Auch dies würdigte das Gericht als Heimtücke.

Streit um den richtigen Glauben

Verteidiger Bilidt kündigte nach dem Urteilsspruch an, Revision einzulegen. Heimtücke halte er für ausgeschlossen und verwies auf die Ermittlungen der Polizei: Dort habe der Beschuldigte geäußert, dass er doch nur wollte, dass endlich Ruhe einkehrt. Der junge Mann habe in seelischem und geistigem Ausnahmezustand gehandelt. Auch Vorstrafen seien keine im Zentralregister eingetragen. "Es handelt sich ohne Frage um ein schweres Verbrechen, aber Mordmerkmale vermag ich nicht zu erkennen", so Bilidts Bilanz. Er muss nun mit seinem Mandanten die schriftliche Urteilsbegründung abwarten, um die Revision zu begründen.

 

Die Vorgeschichte
dieser Bluttat

  • 1992 wird der jetzt Verurteile in einer pakistanischen Kleinstadt geboren.
  • 2004 Mit zwölf Jahren beginnt die achtjährige Schulzeit in seiner Heimat.
  • 2012 Nach Beendigung der Schule beginnt er als 20-Jähriger Geld zu verdienen. Er arbeitet als Plakat- und Schildermaler in seiner Heimatstadt. Bald danach heiratet er die von seinen Eltern ausgewählte Frau.
  • 2015 Die Nachrichten vom Flüchtlingsstrom, der sich vor drei Jahren nach Europa bewegte, setzten auch den jungen Mann in Bewegung. Seine Heimat Pakistan bot ihm keine Zukunftsperspektive, wie er vor Gericht erläuterte. Spontan schnappt er sich die Ersparnisse seiner Eltern und macht sich auf den Weg. Zurück lässt er nicht nur Vater und Mutter, sondern auch eine Schwester, zwei Brüder und eine schwangere Frau. Dass sie schwanger ist, will er erst auf seiner Reise in die neue Welt erfahren haben, dass sie das gemeinsame Kind verloren haben soll, ebenso.
  • 2016 Nach seiner beschwerlichen Reise durch den Iran und die Türkei, übers Mittelmeer und die Balkan-Route ist er in Deutschland angekommen. Die Asylbewerberunterkunft in Biberach an der Riss wird sein erstes Zuhause. Er erhält eine Aufenthaltserlaubnis samt Arbeitsgenehmigung. Sein Weg führt ihn über Landsleute auf die Jahrmärkte der Region, wo er sein Geld als Helfer verdient und auch sein späteres Opfer kennenlernt.
  • 2017 Der 57-jährige Inder gibt ihm Arbeit. Für 30 Euro am Tag hilft er beim Verladen und Verkaufen von Bundeswehrkleidung auf Märkten.
  • 2018 Nach einem solchen Arbeitstag kommt es zur in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai zur Gewalttat in Mühlhausen-Ehingen. Er flieht mit der Bahn nach Stuttgart, weiter mit dem Bus nach Barcelona, wo ihm die Ermittler der 50-köpfigen Sonderkommission (Soko) Delhi auf die Spur kommen.