Kein Stroboskoplicht, keine wummernden Boxen, keine durchzechten Partynächte – die Türen der Clubs in Konstanz und in ganz Deutschland sind geschlossen. Und das nun seit fast drei Monaten.

Cornelius Hanßmann, Inhaber der Kantine, rechnet realistisch mit einer Wiedereröffnung zu einer Silvesterparty. Doch für die Konstanzer Veranstalter hat die Corona Krise auch „Chancen geboten und Türen geöffnet“.

Fundraising-Ziel fast verdoppelt

Cornelius Hanßmann, der mit seinem Team das Corona Fundraising-Projekt „Don‘t Stop The Dance“ ins Leben gerufen hat, um Spenden über das Internet zu sammeln, sagt: „Wir haben nicht mit so viel Aufmerksamkeit gerechnet. Die größte Freude war aber nicht mal das Geld, was ich nicht kleinreden möchte, sondern die große Anteilnahme unserer Gäste. Man hat einfach gemerkt, dass sie uns helfen wollen.“

Das Fundingziel stand bei 20.000 Euro. Mittlerweile hat das Projekt 36.641 Euro von 521 Unterstützern gesammelt.

Cornelius Hanßmann (Mitte) und sein Team können zur Zeit nur Gastronomie anbieten. Der Nachtbetrieb kann durch Corona nicht stattfinden.
Cornelius Hanßmann (Mitte) und sein Team können zur Zeit nur Gastronomie anbieten. Der Nachtbetrieb kann durch Corona nicht stattfinden. | Bild: Timm Lechler

Doch das sei auch bitter nötig, sagt Cornelius „Conny“ Hanßmann. Als sehr kleiner Laden stehe die Kantine wirtschaftlich immer kurz vor dem Abgrund, das finanzielle Haushalten gleiche einem Drahtseilakt.

Seine Firma besteht aus mehreren Standbeinen: Clubbetrieb, Catering und Gastronomie. Doch außer der Gastronomie, die jetzt langsam wieder anläuft, seien sämtliche Einkünfte durch Covid-19 schlagartig weggebrochen. Die Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit geschickt werden. Auf lange Sicht sei die Firma ohne Nachtbetrieb nicht zu halten.

Plötzlich geschlossen

Von der Schließung wurde Hanßmann überrumpelt. Er berichtet: „Ich weiß, dass ich am Donnerstag, 12. März, noch bei der Amtsleitung war, um nachzufragen, ob ich einen Tag später aufmachen darf. Da hieß es noch ja.“ 24 Stunden später, ein paar Stunden vor der Veranstaltung, sei dann der Brief gekommen, der über die Schließung informierte.

Seitdem sind die Pforten dicht. Gut gefüllte Tage hatte Hanßmann in den letzten Wochen trotzdem. Er sagt: „Anträge stellen, Soforthilfe, Infos beschaffen, Mitarbeitergespräche. Ich war mit allen in Kommunikation, langweilig ist mir während der Krise nicht geworden.“

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Besonders ärgerlich: Die Kantine war durch einen Umbau bereits seit Anfang Februar geschlossen. „Jetzt würde ich das definitiv anders machen“, sagt Cornelius Hanßmann. „Doch den neuen Tresen, der eingebaut wurde, werden wir schon runterrocken, wenn es wieder weitergeht.“ Nur wann das seien wird, kann er nicht beantworten.

Der neue Tresen wurde erst kurz vor dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland eingebaut. Cornelius Hanßmann freut sich darauf, ihn „runter zu rocken“.
Der neue Tresen wurde erst kurz vor dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland eingebaut. Cornelius Hanßmann freut sich darauf, ihn „runter zu rocken“. | Bild: Timm Lechler

Keine Lobby für Clubs

Cornelius Hanßmann sagt: „Wenn alle deutschen Clubs bis Ende des Jahres geschlossen bleiben und bundesweit keine Hilfe kommt, wird die Hälfte der Szeneläden nicht mehr da sein. Alles was so organisiert ist wie wir, wird dicht machen müssen.“

Die Lobby für Clubs sei nicht die Beste, sagt er. Dennoch sei er zuversichtlich, dass der Staat eingreife. Wann Tanzveranstaltungen aber wieder mit der Corona-Verordnung vereinbar sein werden, stehe noch in den Sternen.

Das Logo der Kantine leuchtet nachts eigentlich in bunten Farben und ist das Markenzeichen des Clubs.
Das Logo der Kantine leuchtet nachts eigentlich in bunten Farben und ist das Markenzeichen des Clubs. | Bild: Timm Lechler

Bis dahin betreibt die Kantine ihr Streamingprojekt weiter. Dabei werden DJ-Sets live mit Kameras und Tontechnik ins Internet gesendet und können von Nutzern angesehen werden.

Die Idee kam, weil auch die schon lange geplante „14 Jahre Kantine“-Party der Corona-Pandemie zum Opfer fiel. Dann habe man sich mit sieben Veranstaltern zusammen getan und streame seitdem jede Woche eine Veranstaltung.

Auch das Kula streamt

Auch Benjamin Kreibich, verantwortlich für das Programm im Konstanzer Kulturladen (Kula), und sein Team kämpfen mit ins Internet übertragenen Konzerten lokaler Bands gegen das wegbröckelnde Programm.

Jeden Samstag seit Ostern findet eine Streamingsession statt. Die Rekordzuschauerzahl lag bisher bei 1500 Aufrufen.

Benjamin Kreibich sitzt auf der Bühne des Kulturladens. Hier konnte seit Langem kein Konzert mehr gespielt werden und keine Party stattfinden.
Benjamin Kreibich sitzt auf der Bühne des Kulturladens. Hier konnte seit Langem kein Konzert mehr gespielt werden und keine Party stattfinden. | Bild: Timm Lechler

Benjamin Kreibich sagt: „Durch das Reiseverbot waren natürlich die lokalen Bands gefragt. Dabei sind Türen aufgegangen und Kooperationen entstanden, die vor Corona wahrscheinlich nicht so passiert wären.“

Eine davon sei der „Konstanzer Kultursommer 2020“, bei dem sich verschiedene Kulturschaffende und Veranstalter zusammengetan haben, um trotz Corona-Pandemie kulturelles Angebot in die Stadt zu bringen.

Bröckelndes Herbstprogramm

Kreibich rechnet damit, dass es ab September wieder Veranstaltungen im Kula geben kann. Aber natürlich unter strengen Auflagen. Dabei will man neue Wege gehen, andere Programme austesten. Er sagt: „Wir haben einen Kulturauftrag, den wollen wir wahrnehmen. Wie genau, das werden wir noch sehen.“ Doch mit dem geplanten Herbstprogramm sei nicht mehr zu rechnen.

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Doch Benjamin Kreibich und sein Team arbeiten weiter. Er sagt: „Kultur heißt eben viel reinstecken und wenig zurückbekommen. Zumindest finanziell. Keiner arbeitet wegen Geld in der Kulturbranche, sondern weil sie es gerne machen.“ Er geht davon aus, dass sich die wirtschaftlichen Folgen ziehen werden.

Dann müsse die Politik ihr Versprechen wahr machen und nicht nur die Hochkultur, sondern auch die Alltagskultur, die Subkultur und die vielen kleinen Läden unterstützen. Denn wenn nichts passiere, gehe die Kultur und die Clubszene zu Grunde, da ist sich der Programmleiter des Kulturladens sicher.

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