Konstanz – Mit dem Bademantel ins Kino. Erst einmal eine seltsame Vorstellung. Doch was, wenn sich der Vorhang für den Film den man unbedingt sehen möchte jeden Moment lüftet, man selbst aber noch triefnass im Badezimmer steht? Was läge da näher als sich den flauschigen Bademantel umzuwerfen, in die Schuhe zu schlüpfen und die Kordel um die Hüften festzuziehen? Schon kann es losgehen. Der nahe Kinosaal ist schließlich so etwas wie das zweite Wohnzimmer im Quartier.

Das Zebra-Kino zog 1996 in seine jetzigen Räumlichkeiten ein.
Bild: Marc-Julien Heinsch

Der Chérisy-Charme der 90er-Jahre 

"Das war der Geist des Zebra. Eben der Chérisy-Charme. Da kam es immer wieder zu kuriosen Situationen", grinst Heinz Baumgartner bei der Erinnerung an die Szene aus den Neunzigerjahren, "der kam im Bademantel ins Kino und meinte, dass er sich unbedingt den Film anschauen wollte aber nicht rechtzeitig fertig wurde. Und nach dem Film ist er halt wieder rüber in seine Wohnung gegangen." Heinz Baumgartner ist das, mit 14 Jahren im Kino-Ehrenamt, dienstälteste aktive Zebra im Gehege. So nennen die Vereinsmitglieder der "Arbeitsgemeinschaft kommunales Kino Konstanz – Zebra Kino e.V." liebevoll ihr Kino und sich selbst.

 


Schon gewusst? Der Name Zebra Kino lehnt sich an der schwarz-weißen Färbung leerer 35-Millimeter-Filmstreifen und dem ehemaligen Pariser Kino Le Zèbre an. Zunächst zog das Zebra Kino in das ehemalige französische Truppencasino direkt neben dem heutigen Standort.


 

Der 49-jährige mit dem Ohrring und der bedächtigen Art schloss 2004 das Studium der Literatur-, Sprach-, Kunst- und Medienwissenschaft mit Diplom- und Magisterabschluss ab und sich im selben Jahr dem Zebra-Team an. Zuvor war Baumgartner bereits zehn Jahre Stammgast im kleinen Kino im Chérisy-Areal. Das Besondere am Zebra Kino?

 

Video: Marc Julien Heinsch

 

Wie begann das alles mit dem gestreiften kommunalen Kino in Konstanz? Um das zu erzählen, ist ein Sprung zurück die Achtzigerjahre nötig. Herbert Lippenberger studiert zu dieser Zeit Geschichte, Deutsch und die gerade aufkommende Medienwissenschaft an der Universität Konstanz. Gemeinsam mit Freunden organisiert er das Asta-Kino der Studierendenvertretung. 15 Monate lang treffen sich Hans-Wolfgang Bayer, Jozef Deja, Regine Schmid, Reinhard Barnsteiner, Martin Kochendörfer, Gerhard May, Antje Harnisch und eben Herbert Lippenberger in dessen WG in der Kreuzlinger Hauptstraße.

 

Die besten Ideen entstehen in der WG-Küche 

Lippenberger umweht auch als älterer Herr noch die politisierte Aura der Achtzigerjahre. Er ist heute noch voller Leidenschaft für das Zebra. Zwanzig Jahre war er aktiv mit mehr als zehn Stunden pro Woche dabei. Seit 2001 betrachtet er das kommunale Kino nur noch "aus liebevoller Distanz" und kommt etwa einmal im Monat zur Vereinsmitgliederversammlung.

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Er kann und will seinen Stolz nicht verbergen, Konstanz mit dem Zebra Kino ein Stück einzigartige (Sub-)Kultur gegeben zu haben: "Die Stadt war damals noch nicht das Konstanz von heute. Alles war viel bescheidener. Die Grenze war zu und der Weg nach Zürich weiter. In dieser Diaspora wollte wir Kultur entwickeln. Kino von unten. Politisches Kino. Kino, das man selbst gestaltet und das nicht in enger Verwertungslogik steckt. Wir wollten aus dem Profitmedium Kino ein Kommunikationsmedium machen. Und so ist das im heutigen Zebra immer noch." Die Vision für das Zebra Kino, geboren in einer WG-Küche.

 

Nicht alle fanden das eine prima Idee 

Fehlte nur noch ein geeigneter Ort. Lippenberger erzählt: "Ein Freund kam zu mir und sagte: Du, in der Chérisy-Kaserne steht gerade ein altes Truppenkino der Franzosen leer. Die Soldaten waren 1979 dort abgerückt. Wir haben uns den Raum angeschaut. Nur noch die Höhenabstufungen waren vorhanden. Die Möbel und die Technik waren draußen. Wir haben trotzdem gesagt: Da machen wir ein Kino!" Gesagt, getan: Am 5. Mai 1984 öffnet das Zebra Kino erstmals seine Pforten.

Doch die jungen Kinomacher stoßen nicht nur auf Begeisterung. "Unser erster geplanter Film wurde uns damals direkt vom Scala Kino gesperrt. Aus diversen Quellen haben wir gehört, dass uns ein Kinokrieg erklärt werden würde", erinnert sich Lippenberger, "damals dachte das Scala es könnte uns wie eine kleine Fliege an die Wand drücken. Heute muss man sagen: Wir haben überlebt. Mit unserer Organisationsstruktur. Mit Ehrenamt und Basisdemokratie. Und das Scala Kino hat zu." Die vieldiskutierte Schließung des Scala Kinos habe der Wahlthurgauer "mit einem weinenden aber auch einem lachenden Auge gesehen."

 

Der erste Projektor wurde über Privatkredite finanziert

Auch der technische Aspekt macht nicht nur Freude. Den ersten 35-Millimeter-Projektor – finanziert durch Ersparnisse und Privatkredite – müssen die Zebras noch von Hand ankurbeln und wahlweise über Kohledioden oder Batterieladungen mit Energie versorgen. Und auch der ein oder andere Filmriss war in der Anfangsphase keine Seltenheit. Heute steht der ursprüngliche Projektor im frisch renovierten Eingangsbereich des Kinos. Im Vorführraum, Seite an Seite, ein klobig-charmanter 35-Millimeter-Projektor und ein moderner 4k-Projektor mit der Anmutung eines Supercomputers aus einem James-Bond-Film.

 

Der Maschinenraum eines jeden Kinos: Der Vorführraum im Zebra mit den digitalen und analogen Filmprojektoren. Bild aufgenommen von ...

 

Nostalgie und Gestaltungswille gehen im Zebra Kino Hand in Hand. Dafür steht auch der 26-jährige zweite Geschäftsführer Patrick Gängler mit seiner jugendlich-enthusiastischen Ausstrahlung. Spricht er über das Zebra klingt das anders als bei Herbert Lippenberger aber – obwohl Gängler erst seit Juli 2017 als Geschäftsführer dabei ist – nicht weniger begeistert:

 

Video: Marc Julien Heinsch

 

Gängler studierte in Ludwigsburg Kultur- und Medienpädagogik und arbeitete nebenher beim Kinomobil Baden-Württemberg. Zwischen seinen Sätzen hebt er immer wieder sein Mütze vom Kopf, nur um sie dann wieder an den exakt gleichen Platz zu setzen. Seine Energie wirkt ansteckend wenn er die Zukunft des Kinos in leuchtenden Farben skizziert: "Das Zebra ist ein Mitmachkino. Jeder, der Lust hat sich subkulturell und im Filmbereich zu engagieren ist herzlich eingeladen. 30 Aktive sind schön und gut. Aber ich kann auch nicht von jedem erwarten 20 Stunden die Woche zu opfern. Gerade wird alles größer und wir haben mehr Sonderveranstaltung. Da können wir immer mehr Leute brauchen."

 


Schon gewusst? Der Jahresetat des Zebra-Kinos liegt knapp unter 200 000 Euro. Die jährliche Förderung bei ca. 80 000 Euro. Davon 50 000 Euro von der Stadt und knapp 25 000 Euro von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. 



Das Zebra sei für alle Konstanzer offen. Nicht nur für Studierende, auch wenn das Zebra mit einem Durchschnittsalter von etwa 28 Jahren das jüngste kommunale Kino in Deutschland sei. "Irgendwann wünsche ich mir mal 50 oder 80 aktive Zebras aus allen Alters- und Gesellschaftsgruppen zu haben", schwärmt Gängler.

Da lacht Heinz Baumgartner. Er hat die harten Zeiten erlebt. Und er hat maßgeblich daran mitgewirkt, dass das Zebra Kino heute als einzige ernstzunehmende Alternative zum kommerziellen CineStar in Konstanz besteht. Mitwirken im Mitmachkino Zebra. Was das heißt wissen auch Anna Mauder und Stefan Schimek. Sie, 25-jährige Literatur-Kunst-Medien-Studentin, die über ein Praktikum beim Zebra hängen geblieben ist. Er, freiberuflicher Übersetzer im Filmverleih, Student mit 32 Jahren und Vorstandsmitglied im Zebra. Schimek sagt zur Basisdemokratie, die die Zebras immer wieder betonen: 

 

Video: Marc Julien Heinsch

 

Heinz Baumgartner drückt es etwas weniger diplomatisch aus. Das Zebra habe den Geist habe es sich nie zu einfach zu machen: "Jeder kann hier mit tollen neuen Ideen kommen, muss sich dann aber auch gefallen lassen, dass die auseinandergepflückt werden. Es gab schon massiv Streit und auch Tränen. Das bleibt nicht aus. So anstrengend das ist. Aber man muss auch sagen, dass man aus so einer Prüfung gestärkt hervorgeht."

Als Baumgartner 2004 aktiv ins Zebra Kino einsteigt, erlebt der Verein gerade eine Talsohle. Viele langjährige Mitglieder verlassen das Zebra, weil sie eine Familie gründen, der Job sie aus Konstanz wegführt oder sie einfach keine Zeit mehr haben mehr als zehn Stunden in der Woche ehrenamtlich für ihre Kinoleidenschaft zu opfern. Da war Baumgartner das Zebra bereits so wichtig geworden, dass er nicht "sehenden Auges mitansehen konnte, wie es den Bach runtergeht.

 

Einer, der das Kino liebt 

 

"Also hieß es anpacken und Lösungen finden. "Teilweise waren wir damals nur zu zehnt. Heute sind wir etwas dreißig aktive Zebras." Es habe Wochenenden gegeben, da stand er allein im Zebra, regelte den Einlass, verkaufte Getränke und spannte die Filmrollen in den Projektor: "Das war schon eine extrem harte Zeit." Doch Baumgartner hielt durch, war im Vorstand des Kinos und leitete jahrelang die kurz.film.spiele. Was ist so besonders am Film und speziell am Kino, dass es so viel Herzblut hervorbringt? "Film ist deswegen so großartig, weil da alles zusammenkommt. Wir haben Kameraarbeit, Lichtarbeit, wir haben Arbeit, die im Schreiben von Stories besteht. Wir haben Musik, wir haben Schauspielkunst, wir haben Tanz, wir haben Definitionen von Bewegung in Raum und Zeit. Und im Film trifft das alles aufeinander. Wenn das gut abgestimmt ist, kommen Meisterwerke dabei heraus", sagt Baumgartner. So spricht einer, der das Kino liebt und der heute – auch wegen der Scala-Schließung – rosige Zeiten mit dem Zebra Kino erleben kann. Zwischen 2011 und 2016 konnte das Zebra Kino seine durchschnittlichen Zuschauerzahlen auf einen mittleren zweistelligen Betrag in der Woche verdoppeln.