Beim Antritt Ihres Amts im Juni 2014 war Ihnen anzumerken, wie sehr Sie die neue Tätigkeit als Erster Beigeordneter schätzten. Warum sahen Sie nun keine Möglichkeit mehr, weiterzumachen?

Leider ist das Vertrauensverhältnis zum Oberbürgermeister vollkommen zerrüttet. Ich sehe nicht mehr die Möglichkeit, die mir durch den Gemeinderat anvertrauten Aufgaben in angemessener Form zu erledigen.

Muss man das als Kritik am Amtsstil des vor gut einem Jahr gewählten Oberbürgermeisters Philipp Frank verstehen? Worin bestanden denn die Probleme konkret?

Ich möchte und werde den Konflikt in der Öffentlichkeit nicht näher erläutern.

Waren die Differenzen tatsächlich unüberbrückbar?

Ja. In der Verwaltung haben sich während des letzten Jahres Strukturen und Entscheidungswege in einer Form geändert, die es mir unmöglich machen Aufgaben und Projekte in der Form weiterzuführen, wie ich es für nachhaltig und richtig erachte.

Welche Reaktionen haben Sie bisher nach Ihrer Rücktrittserklärung erhalten?

Die bisherigen Reaktionen aus unterschiedlichsten Kreisen der Bevölkerung sind eine Mischung aus Lob für meine Tätigkeit der vergangenen Jahre, Bedauern darüber, dass diese nicht fortgesetzt werden kann, Unverständnis über die Gründe des Rückzugs, aber auch Respekt und Verständnis für die von mir letztendlich gezogenen Konsequenzen.

Nach dem Rückzug des bisherigen OB Martin Albers in den Ruhestand hatte es Spekulationen gegeben, ob Sie als Nachfolger kandidieren. Bedauern Sie jetzt, sich gegen eine Bewerbung entschieden zu haben?

Ich bereue das nicht, weil ich der festen Überzeugung bin, dass ich in der Funktion des Ersten Beigeordneten der Stadt am besten dienen konnte. Es war eine Auszeichnung, dieses Amt erhalten zu haben. Die Arbeit hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Ich mag die Arbeit mit Menschen und die Möglichkeit, diese Stadt in Ihrer Komplexität weiter zu entwickeln.

Viele aktuelle Vorhaben der Stadt tragen Ihre Handschrift. Was wird nun beispielsweise aus dem laufenden Großprojekt Stadthalle, dessen Details sie wohl so gut kennen wie kaum jemand anders im Rathaus?

Ich habe ausgesprochen großes Vertrauen, dass die vier Architekten zusammen mit der Projektsteuerung die Sanierung von Stadthalle und Hallenbad zu einem erfolgreichen Ende führen.

Wie liegt das Vorhaben denn gegenwärtig im Zeitplan?

Es hat sich aufgrund von Schwierigkeiten in der Rohbauausführung ein Verzug von etwa drei Monaten ergeben.

Was haben Sie in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren als Bürgermeister erreicht?

Wir haben die Förderung der neuen Stadtsanierungsprojekte in Waldshut und Tiengen erreichen können, damit verbunden sind viele verschiedene Bauprojekte, die kurz vor dem Beginn stehen. Wir haben das Klimaschutzkonzept umgesetzt und zusammen mit den Stadtwerken ein E-Car-Sharing realisiert. Die Baugebiete Homburg und Galgenäcker in Tiengen werden im nächsten Jahr für neue Wohnbauflächen sorgen. Als Erster Beigeordneter habe ich viele Projekte fortgeführt, die ich schon in der vorherigen Tätigkeit als Hochbauamtsleiter im Rathaus Waldshut-Tiengen begonnen hatte. Allein baulich sind das neben der Stadthalle beispielsweise die Sanierung des Kornhauses, die Kindergärten Forsthof, St. Marien und Eichholzstraße, die Mensa des Klettgaugymnasiums, Reihenhäuser zur Asylbewerberunterbringung et cetera. Die genannten Projekte waren in dieser Form nur möglich, weil die damalige Verwaltungsspitze, Oberbürgermeister Martin Albers und Bürgermeister Manfred Beck, die Rahmenbedingungen für ein konstruktives und vertrauensvolles Arbeiten geschaffen haben.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat wahrgenommen?

Ausgesprochen vertrauensvoll, pragmatisch und konstruktiv. Es war in erster Linie eine sachorientierte Zusammenarbeit, zumeist über alle Parteigrenzen hinweg. Wenn es einmal Kritik gab, war sie auch berechtigt. Ein Dank gilt auch meinen Kollegen aus dem Bauamt. Da haben wir fantastische Leute, die in kurzer Zeit unglaublich viel bewegt haben.

Haben Sie Entscheidungen getroffen, die Sie heute anders beurteilen würden? In Teilen der Bevölkerung wird nach wie vor die über 20 Millionen Euro teure Stadthallensanierung kritisiert.

Eine objektive Fehlentscheidung sehe ich in meiner Amtszeit nicht. Ich stehe voll zum Stadthallenprojekt. Preiswerter hätten wir dieses Bündel von unterschiedlichen Nutzungen nicht erhalten können.

Warum kommt das Projekt Freibäder nicht voran? Im Juni 2015 gab es bereits eine Bürgerversammlung, jetzt folgt erst einmal eine weitere.

Persönlich war ich wie viele andere der Meinung, dass die Entscheidung erst nach der Wahl des neuen OB getroffen werden sollte.

Wie sehen Ihre beruflichen Pläne aus?

Im Augenblick habe ich einige unterschiedliche Optionen. Ich werde diese in den nächsten Wochen prüfen und dann entscheiden, welche mich am meisten begeistert.

Was wünschen Sie der Stadt?

Ich wünsche der Stadt, dass sie sich so planmäßig weiterentwickeln kann, wie sie es verdient. Es ist eine großartige Stadt mit wunderbaren Menschen.


Fragen: Roland Gerard

Zur Person

Martin Gruner: Geboren in Aachen, verheiratet, zwei Kinder, wohnt im Stadtteil Tiengen. In Berlin hat der der 48-Jährige an der Technischen Fachhochschule ein Studium der Architektur mit Schwerpunkt Bauplanung und Bauerhaltung absolviert, an der Technischen Universität ein Studium des Bauingenieurwesens. Ab August 2002 war er technischer Angestellter und Sachgebietsleiter Hochbau im Stadtbauamt Waldshut-Tiengen, zwei Jahre später wurde er Hochbauamts-Leiter. Vor seinem Wechsel an den Hochrhein arbeitete Gruner als angestellter Architekt bei der Wohnstatt GmbH, Treuhänderischer Sanierungsträger des Landes Berlin. Am 6. April 2014 wurde er vom Gemeinderat zum Nachfolger des pensionierten Bürgermeisters Manfred Beck gewählt, am 1. Juni des gleichen Jahres trat er das Amt an.

Der Rücktritt: Martin Gruner hat seinen Antrag auf Entlassung zum 31. Januar 2017 gestellt. Der Dienstherr könnte jedoch laut Landesbeamtengesetz verlangen, dass der Beigeordnete bis zu drei Monate länger bleibt.

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