Herr Julliard, wie viele Tickets müssen Sie noch verkaufen, damit Sie die Premiere entspannt genießen können?

Aktuell sind 63 000 Tickets verkauft; das entspricht einer Auslastung von 75 Prozent. Es hat also noch viel Platz. Im Vergleich zu 2017 bin ich aber sehr zufrieden. Wer mich kennt, weiß allerdings, dass ich erst ganz zufrieden bin, wenn der letzte Sitzplatz belegt ist. Eine volle Arena sieht zudem einfach schicker aus.

Blicken wir zurück: Das Basel Tattoo ist enorm schnell gewachsen; hatte binnen weniger Jahre mehr als 100 000 Zuschauer pro Saison. Seit 2012 zeigt die Kurve der Besucherzahlen aber abwärts. Hätten Sie gedacht, dass der Zenit so rasch überschritten ist?

Ich hätte gar nie gedacht, dass es so raketenartig nach oben geht, und auch nicht überlegt, wohin das Ganze führt. Klar war aber, dass es nicht ewig aufwärtsgehen kann und die Zahlen des Edinburgh Military Tattoo mit mehr als 200 000 unerreichbar sind. Dazu fehlt die schottische Kultur und die Hauptstadt als Reiseziel von Touristen aus aller Welt.

Manche sagen: Das Basel Tattoo ist zu schnell gewachsen. Hätten Sie für eine auf längere Sicht stabile Auslastung trotz der hohen Nachfrage zu Beginn das Angebot knapper halten sollen?

Wir haben sicher nicht alles richtig gemacht. Hinterher ist man immer schlauer. Ich glaube aber nicht, dass die erweiterten Kapazitäten uns heute schaden. Es ist aber schon denkbar, dass sich die Zuschauer über längere Zeit verteilt hätten. Unser größtes Problem ist nach wie vor, dass viele glauben, das Tattoo sei so begehrt, dass sie eh nicht an Tickets kommen.

Es gibt Musikfestivals, die mit der Strategie, dass nie alle, die kommen wollen, ein Ticket bekommen, seit Jahrzehnten Erfolg haben…

Ich mache das Festival vor allem, um den Menschen eine Freude zu machen. Und wenn sich die Kapazitäten erweitern lassen, dann mache ich das. Das ist einfach meine Art. Auch für die Mitwirkenden ist es toller, wenn sie mehr Menschen begeistern können.

2017 haben sie erstmals einen Verlust von mehreren hunderttausend Franken geschrieben. Kann das 2018 wieder passieren?

Nein. Denn der Verlust kam nicht unerwartet. Wir haben aus den Rücklagen zusätzliche Ausgaben extra eingeplant, um dem Ticketrückgang entgegenzuwirken. Das war ein strategisches Investment in die Zukunft.

2018 haben sie eine Vorstellung mehr, aber 1,6 Millionen Franken weniger im Budget als 2017. Sie müssen also sparen, aber nicht auf Kosten der Qualität der Show. Wie geht das?

Beim Festivalgelände werden Stammbesucher einige Einsparungen sehen. So verkleiden wir das Metallgerüst nicht mehr so intensiv. Wir reduzieren die Bildprojektionen an den Hauptbau, die auch kritisiert wurden, weil sie zu sehr ablenken, arbeiten mehr mit Licht.

Wer Sie kennt, weiß: Für Julliard ist das Beste gerade gut genug. Sie erwarten stets Weltklasse. Machen Sie sich mit dem hohen Anspruch das Leben selbst schwer bei der Programmierung?

Sogar enorm schwer. Allein durch meinen Qualitätsanspruch an die Formationen schränkt sich die Auswahl auf vier bis fünf Prozent aller, die weltweit unterwegs sind, ein. Als offizielles Schweizer Tattoo haben wir die Möglichkeit, das Beste vom Besten einzuladen. Dass das Top Secret Drum Corps, das weltweit zu den gefragtesten Tattoo-Acts gehört, in Basel zu Hause ist und das Repräsentationsorchester der Schweizer Armee geniale Shows bietet, ist schlicht ein Glücksfall. Mich ärgert, dass unsere Qualität nicht immer geschätzt wird. Einfach schlimm ist, dass viele Trittbrettfahrer auf viel schlechterem Niveau das Basel Tattoo nachahmen und trotzdem Zuschauer haben. Es gibt den Spruch: Essen und trinken Sie wenig, aber vom Besten. Das wünschte ich mir auch von den Zuschauern. Wer baut denn ein eigenes Stadion und lässt 200 Dudelsackspieler gemeinsam auftreten? Nur Edinburgh und wir.

In den ersten Jahren waren Sie stolz, dem Tattoo eine eigene Basler Prägung zu geben. Nun orientieren Sie sich mit weniger Swissness und mehr Schottland stärker denn je am großen Vorbild in Edinburgh. Werden Sie sich damit untreu?

Ich wollte immer eine Show produzieren, die möglichst viele Zuschauer begeistert. In der Vergangenheit hatte ich da stets den richtigen Riecher. Mit einem starken schottischen Element gehe ich von Beginn an auf ein Bedürfnis ein. Wir hatten auch schon sehr viel Swissness mit Jodler und Liedern; jetzt machen wir eben mehr Schottisches.

Damit Besucher von weiter her nach der Vorstellung noch nach Hause fahren können, beginnen die Abendshows unter der Woche eine halbe Stunde früher, also bevor es dunkel wird. Finden das alle gut?

Dass wir eine halbe Stunde länger Tageslicht haben, berücksichtigen wir selbstverständlich bei der Show. Der frühere Beginn entspricht aber ganz klar einem Wunsch der Zuschauer.

Das Einzugsgebiet des Basel Tattoo lässt sich nicht beliebig erweitern. Das Potenzial für Stammgäste aus der Region, die sich kein Basel Tattoo entgehen lassen, scheint ausgeschöpft. Welche Perspektive hat das Event in puncto Besucherzahl?

Wo wir genau landen, kann ich nicht sagen. Wir gehen im Marketing nicht auf Wiederholungstäter los, sondern versuchen, neue Kunden zu gewinnen. Weltweit ist Edinburgh die unangefochtene Nummer eins. Dann gibt es 20 bis 30 ganz kleine Tattoos mit 10 000 bis 20 000 Zuschauern. Dazwischen stehen ganz wenige größere, etwa Halifax, Moskau und Australien, mit 40 000 bis 60 000 Besuchern. Da stand Basel mit um die 120 000 Zuschauer etwas schief in der Landschaft. Das war einfach dem Hype geschuldet. Wenn der Helikopter, der wie eine Rakete nach oben ging, im Bereich von Halifax und Moskau landet, ist das doch eine schöne Sache.

Sie kennen alle Formationen, die beim Tattoo 2018 auftreten. Was ist Ihr persönliches Glanzlicht?

Das ist eine fiese Frage. Ich freue mich am meisten auf die Highland Dancer, auch wenn sie nie ein Wow-Act sein werden wie das Top Secret Drum Corps. Statt 36 werden wir 50 Tänzer haben. Deren graziöser traditioneller Tanz kombiniert mit den Red Hot Chilli Pipers, die von der Rockmusik her kommen, wird sicherlich ein Höhepunkt.

Welche Formationen stehen auf Ihrer Wunschliste fürs 15. oder 20. Tattoo?

Die US Army Band „Pershings’s Own“ als eine der berühmtesten Militärkapellen überhaupt – da bleibe ich mit wenig Aufwand jedes Jahr dran –, dann das US Marines Drum and Bugles Corps und eine dritte Formation, die ich nicht verrate. Wenn ich sie tatsächlich bekomme, präsentiere ich sie als Überraschung.