Frau Seiberle, wie kam es zu dem Entschluss, ein Jahr lang unterwegs zu sein?

Ich war Ende 20 und viele meiner Freunde hatten Familien gegründet. Bei mir hat das nicht geklappt. Mein Job als Industriekauffrau war in Ordnung, aber eigentlich träumte ich schon immer davon, journalistisch tätig zu sein. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme, ich hatte Panikattacken und fühlte mich nicht wohl unter vielen Menschen. Ich war einfach nicht glücklich und hatte das Gefühl, nicht so zu leben, wie ich es müsste, um ich selbst zu sein. Außerdem sagte ich mir, dass ich noch viel zu wenig von der Welt gesehen hätte. Da ich einiges gespart hatte, entschloss ich mich schließlich zu dieser Auszeit.

Und Sie zogen es dann mit allen Konsequenzen durch.

Ja, wenn ich mich einmal für etwas entschieden habe, ziehe ich es auch durch. Ich habe den Job und die Wohnung in Lauchringen aufgeben und bin nach Weihnachten 2016 mit dem Rucksack, also als Backpacker, losgezogen. Silvester war ich bereits in Singapur.

Was haben Sie in den Rucksack gepackt?

Festes Schuhwerk, Taschenlampen, Rei in der Tube, alles was man so braucht. Auch Schminksachen wollte ich mitnehmen, aber meine Schwester, eine erfahrene Backpackerin, hat gemeint, dass ich das auf Reisen nicht brauchen werde, und sie hatte recht.

Waren Sie immer allein unterwegs?

Nein, verschieden. Ich habe Plattformen im Internet genutzt, auf denen man sich Reisepartner suchen kann. Aus einigen Reisebegleitungen sind Freundschaften geworden, ich habe allerdings auch einige schlechte Erfahrungen gemacht.

Wo waren Sie überall und wo war es für Sie am Schönsten?

Ich war in Australien, Indonesien, Sri Lanka, Mexiko, Nicaragua, Kolumbien und für mich das absolute Highlight, in Neuseeland. Es gibt dort endlose Weiten und die Leute sind supernett. Ich habe dort den schönsten Sternenhimmel überhaupt gesehen. Die Seen sind dort blauer und die Wiesen grüner als bei uns. Sehr gut hat es mir auch in Lateinamerika gefallen, ich liebe die Stimmung dort, die Menschen, die einfach in den Tag hinein leben. Gerade die Ärmsten sind sehr hilfsbereit und offen und strahlen einen an, wenn man von Europa erzählt.

Vom Geld haben wir noch gar nicht geredet.

Ja, es hat natürlich Geld gekostet. Da ich zwischendurch nicht arbeiten wollte, habe ich mit 1000 bis 2000 Euro im Monat gerechnet. Das war gut geschätzt. Wenn man bedenkt, wie viel ich in den 13 Monaten geflogen bin und ich immer spontan und kurzfristig gebucht habe, ist das gar nicht so viel. Übernachtet habe ich immer in sogenannten Hostels, das sind preisgünstige Unterkünfte, die es in fast allen Ländern gibt. Man schläft mit zehn bis zwölf Leuten in einem Zimmer. Mir war es immer wichtig, in sauberen und sicheren Unterkünften zu übernachten, gespart habe ich eher beim Essen.

Als Frau allein – war das nicht auch gefährlich?

Als Frau wird man schon angeflirtet oder anzüglich angeschaut, aber vor Überfällen, die gerade in Lateinamerika häufig vorkommen, hatte ich mehr Angst. Ich habe deshalb immer so wenig Wertsachen wie möglich bei mir getragen und die dann eng am Körper, zum Beispiel das Geld im BH. Ich bin jetzt schon einige Zeit wieder hier, aber ich halte immer noch meine Tasche ganz fest, wenn ich unterwegs bin.

Hat dieses Jahr Sie verändert?

Sehr sogar. Ich habe mich selbst besser kennengelernt. Ich bin kein anderer Mensch geworden, aber ich habe meine Ängste überwunden und mich entwickelt. Ich fühle mich jetzt ein bisschen wie ein Schmetterling. Was ich in mir getragen habe, ohne es zu leben, das Schreiben, meine Offenheit, mein wirkliches Ich, ist auf der Reise rausgekommen. Ich bin viel gelassener als früher und gehe heute auch ungeschminkt aus dem Haus oder auch mit Brille statt Kontaktlinsen, vor der Weltreise hätte ich das nie gemacht. Früher habe ich viel Geld für Klamotten ausgegeben, jetzt war ich seit Monaten nicht mehr shoppen und habe auch kein Verlangen danach. Außerdem schätze ich heute alltägliche Dinge mehr als früher. Eine heiße Dusche zum Beispiel oder ein knuspriges Brot. Diese Weltreise war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich kann nur jedem empfehlen, zu reisen.

Dazu passt, dass Ihr Buch mehr als ein Reisebericht ist.

Ja, ich wollte nicht nur über die Reiseziele schreiben, sondern auch meine persönliche Entwicklung festhalten. Das sagt auch schon der Buchtitel „Einmal um die Welt zu mir selbst“. Ich habe während der Reise Tagebuch geführt und meine Erlebnisse auf Facebook und Instagram gepostet. Zuhause dann habe ich die Aufzeichnungen ausformuliert. Es ist ein sehr persönliches Buch geworden, das nicht nur etwas für Reisende ist.

Sie sind aktuell auch als Bloggerin unterwegs, was heißt das genau?

Ich habe mittlerweile auf Instagram über 21 000 Follower und bekomme deshalb von Unternehmen, Tourismusverbänden oder Hotels Aufträge. Vor Kurzem war ich zum Beispiel in Bad Aibling und habe dort mit einem Wellnesshotel eine Kooperation gemacht. Ich habe die Menschen auf Instagram und Facebook an meinem Urlaub teilhaben lassen und Fotos gepostet. Ich schreibe auch Pressetexte und Texte für die Homepages von Firmen und berate kleinere Unternehmen im Bereich Social Media.

Kommt eine zweite Weltreise?

Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann wieder ein oder zwei Monate weg zu sein, aber nochmals alles komplett aufzugeben, eher weniger. Ich lebe gern in Deutschland. Wir haben hier viele Gesetze, die einschränken, aber sie geben auch Sicherheit. Ich will mir hier was aufbauen.

Fragen: Ursula Freudig