Vor unserem ausführlichen Gespräch haben wir Jürgen Roth vor der Videokamera einige einleitende Fragen gestellt und ihn gebeten, sich kurz vorzustellen. Das Video können Sie sich hier anschauen.

Video: Sandro Kipar

Herr Roth, was wird aus Ihrer Sicht wahlentscheidend sein?

Ganz klar: Die Berufserfahrung und das Können, die Stadt voranzubringen. Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Villingen-Schwenningen haben es verdient, dass ein Verwaltungschef und Vorsitzender des Gemeinderats weiß, wie der Beruf auszuüben und die Herausforderungen zu meistern sind. Ich bin mit diesen Aufgaben seit 15 Jahren als Bürgermeister konfrontiert und bin auf Grund meiner vielfältigen Funktionen auf Kreisebene wie etwa als Aufsichtsrat einer Bank, im Aufsichtsrat des Klinikums und als Vorsitzender des Gemeindeelektrizitätsverbands Schwarzwald-Donau auf die zusätzlichen Führungsaufgaben, die das Amt des VS-Oberbürgermeisters mit sich bringt, gut vorbereitet. Dazu möchte ich meine Ideen für die Zukunft der Stadt mit den Bürgern diskutieren und zusammen das Beste für die Stadt erreichen.

Skizzieren Sie doch die Mission, auf Rupert Kubon nachzufolgen.

In der Stadt Villingen-Schwenningen ist es erforderlich, neue Schwerpunkte zu setzen. Dazu gehören vor allem die Stärkung der seit Jahren vernachlässigten Infrastruktur, der Abbau des enormen Instandhaltungs- und Sanierungsstaus bei Schulen, Kindergärten – auch bei den freien Trägern übrigens, welche die Stadt bezuschusst.

Ich will eine Stärkung und Weiterentwicklung der Ortschaften ermöglichen und die Wertschätzung von Industrie, Gewerbe und Handel, welche für den Wohlstand der Stadt sorgen, in meiner täglichen Rathausarbeit einfließen lassen. Bürger, Unternehmer, Jugendliche, Senioren, Investoren – das sind in meinem Verständnis Kunden der Stadtverwaltung, und genau so müssen diese Gruppierungen auch behandelt werden – nämlich wertschätzend.

Die Kommunikation zwischen Betroffenen von Verwaltungshandeln und der Verwaltung selbst muss verbessert werden. Dadurch nutze ich Kompetenz vor Ort, erkläre mein Handeln und ernte dadurch Unterstützung und Verständnis für das eigene Vorgehen. Dies wiederum generiert letztlich gegenseitiges Vertrauen. Auch das braucht diese Stadt ganz dringend.

Was braucht die Stadt ganz dringend?

Wir brauchen ein Marketing für diesen Rohdiamanten namens Villingen-Schwenningen, der endlich ausgegraben und feingeschliffen werden muss. Das heißt auch: Alle Stadtbezirke müssen sich als wertvoll erkennen und auf dieser Basis weiterentwickelt werden. Dazu gehört herauszuarbeiten, welche Köpfe, welche Geschichte und welche Potenziale hier jeweils liegen.

Daraus ergeben sich Alleinstellungsmerkmale, auf die jeder Bürger stolz sein kann. Diese Leuchttürme müssen vielschichtig und individuell gefördert werden, in Absprache mit den Verantwortlichen. Als Beispiel denke ich an den Profisport Eishockey oder Basketball, der von der Stadt als deutschlandweit bekanntes Aushängeschild vermarktet werden kann. Nicht minder bedeutsam sein dürfen aber die vielen Ehrenamtlichen in den Vereinen, die letztlich das vielschichtige Stadtleben bei uns prägen.

Wie kann das finanziert werden?

Hier ist wie bei allen Positionen im Haushalt der Stadt eine Gewichtung zwingend erforderlich. Hier sind Pflichtbereiche abzudecken wie etwa die Infrastruktur und der Werterhalt der Gebäude, aber auch Projekte, die für die Stadt vorteilhaft sind. Das ist der Prozess, den der Gemeinderat zusammen mit der Verwaltung jedes Jahr bei der Haushaltsberatung bestreitet. Dabei ist es für die Zukunft zwingend erforderlich, erst die Pflichtausgaben zu erledigen und dann die Kür zu absolvieren.

Die Stadt nimmt in den letzten Jahren enorme Summen bei der Gewerbesteuer ein, zuletzt über 50 Millionen Euro: Investieren oder Schulden abbauen?

Bei der Gewerbesteuer muss man beachten, dass nicht jeder eingenommene Euro in der Kasse bleibt, sondern ein Großteil wieder an Dritte abgegeben werden muss, die Kreisumlage, die Gewerbesteuerumlage, der Finanzausgleich sind hier die relevanten Kanäle, die leider bedient werden müssen. Davon unbenommen sollten Schulden, wenn erforderlich, nur für Investitionen und somit für einen Vermögenszugewinn verwendet werden. Reizvoll sind natürlich die anhaltend niedrigen Zinsen, aber alle Schulden müssen zurückgezahlt werden, sie sind eine Belastung für die Zukunft.

In VS fehlen Hunderte Kindergartenplätze. Wie bewerten Sie das? Wie lösen Sie das?

Verwunderlich ist die große Zahl der fehlenden Plätze. Die Entwicklung kommt ja klar nicht überraschend. Ich sehe hier die Verwaltung leider in der Defensive. Dazu kommt der Fachkräftemangel, der dieses Problem auch bei uns verstärkt. Lösen will ich das in enger Zusammenarbeit mit freien, privaten und kirchlichen Trägern wie auch der Stadt. Hier müssen kurzfristig alternative Angebote geschaffen werden. Dazu gehören Neubauten und Umbauten sowie das Ermöglichen von unternehmerischen Aktivitäten – hier gibt es bereits in Villingen-Schwenningen klare Vorstellungen bereits aktiver Betreiber, denen man bisher aber reserviert gegenüberstand. Genauso müssen hier und da freiwerdende Raum-Kapazitäten aller Träger phantasiereich und im Miteinander aller Kräfte zielführend genutzt werden.

In VS gibt es einen enormen Sanierungsstau: Schulen, Straßen, um nur die dicksten Brocken zu nennen. War das aus Ihrer Sicht vermeidbar, und wie wollen Sie ein solches Thema sinnstiftend für die Bürger anpacken?

Ja, das wäre vermeidbar gewesen, wenn von vornherein Ausbaupläne priorisiert, mit ausreichenden Mittel versorgt und diese Vorhaben dann abgearbeitet worden wären. Die Beständigkeit, wie wir es zum Beispiel unter meiner Mitwirkung im Kreistag praktizieren, ist hier ein entscheidender Faktor. Ich unterstütze den Weg, auch in finanziell engen Zeiten stetig und bedarfsgerecht an diesen Projekten zu arbeiten. VS muss hier jetzt mal richtig Vollgas geben.

Weshalb gab es aus Ihrer Sicht in VS den jahrelang dauernden Eiertanz um ein neues Jugendkulturzentrum?

Genaueres müssen Sie beim amtierenden Oberbürgermeister nachfragen, denn er ist zuständig. Ich denke, das brauchte alles leider viel zu viel Zeit – zum Nachteil der Jugend dieser Stadt. Ich hätte mich mit allen Beteiligten und Betroffenen an einen Tisch gesetzt, festgehalten, was für Bedarfe bestehen, Dinge, die hinderlich sind, benannt. Lösungsvorschläge erarbeitet und dann umgesetzt. Mit einem guten, von allen getragenen Konzept bekommt man auch Mehrheiten. Dadurch wären auch frühere Ergebnisse zu erzielen gewesen. Die Frage der attraktiven Anbindung mit Buslinien ist ebenfalls noch nicht sichtbar.

Weshalb gibt es so lange Wartelisten für betreutes Wohnen und in Pflegeheimen?

Weil das Angebot zu gering ist. Diese Angebote sind gerade im betreuten Wohnen so, dass sie nicht nur zentral abgebildet werden können. Viele Ältere in den Ortschaften, so wurde mir vor Ort berichtet, wollen dort nicht weg. Ein Angebot vor Ort fehlt, also bleiben sie vor Ort in ihren Häusern. Zum Teil reagiert man jetzt durch entsprechende Angebote in den beiden großen Stadtbezirken, welche durch die Bauträger initiiert werden. Jedoch ist es noch unklar für mich, weshalb hier nicht beständiger an dem doch absehbaren Bedarf gearbeitet wurde. Das ist eine Planungsaufgabe.

Wie schafft eine Stadt kostengünstigen Wohnraum im Sinne einer guten Stadtentwicklung?

Indem sie Voraussetzungen für die Bauherren schafft, die günstigen Wohnraum ermöglichen. Dazu gehören preiswerte und verlässliche Grundstückspreise inklusive der Erschließungskosten und beratendes Handeln der Verwaltung. Kostengünstiges Wohnen wird aber auch durch gute ÖPNV-Verbindungen oder Car-Sharing-Angebote erreicht, nämlich dann, wenn in den Familien ein Personenwagen in allen Lebenslagen wirklich verzichtbar ist. Der Gewinn für die Stadtentwicklung ist die Kombination von Einzelhäusern, mehrgeschossigen Gebäuden und Wohnanlagen, die ein gutes Leben in einem bezahlbaren Umfeld wirklich hergeben. Ein gutes Beispiel für sinnstiftendes Wirken auf diesem Sektor ist sicherlich die städtische Wohnbaugesellschaft Wbg mit den Pilotprojekten Neckarfair und Sperberfair in Schwenningen und Villingen.

Was bauen Sie auf den Tonhallenplatz, Herr Roth?

Bei diesem Gelände handelt es sich um ein Filetstück von VS. Ob die Idee einer eigenen Einkaufslandschaft auf diesen rund 8500 Quadratmetern oder ein Hotel mit Tiefgarage oder was sich sonst noch entwickelt, ist seit Jahren im Gespräch. Kurzfristig ist hier das wichtig: Die Bürger wünschen sich hier Stellplätze, und das sollten wir zumindest so lange herstellen, bis eine Neunutzung des Areals durchdebattiert, voll beschlossen und baureif ist. Der Ist-Zustand einer vor sich hin wuchernden Wiese geht hier klar am Bürgerwillen vorbei.

Wie entwickeln Sie die fünf Kilometer Fläche zwischen V und S?

Die jetzige Nutzung als Dienstleistungsbereich rund um das Klinikum ist eine Erfolgsgeschichte. Auch die Entwicklung des Stadtteils Schilterhäusle mit der Wohnbebauung ist endlich auf einem guten Weg. Hier ist noch Raum für verdichtetes Wohnen für Studenten und junge Familien, ein Festplatz, der als verbindendes Glied zwischen Villingen und Schwenningen an dieser Stelle wirken könnte, und außerdem ein Publikumsmagnet wie etwa das lange herbeigesehnte Bade-Paradies für unser Oberzentrum. All das wird nur mit einer Lösung des zeitweisen Verkehrsinfarkts lösbar sein. Über die Frage einer Achse zur Bundesstraße wird hier erneut gesprochen werden müssen.

Kleine Schulen in den Dörfern lassen oder schließen und größere Einheiten bilden?

Hier eine ganz klare Aussage von mir: Die vorhandenen Schulen bleiben in den Ortschaften.

Nennen Sie doch einmal Ihre positiven Eigenschaften?

Ich bin ein guter Zuhörer, ein erfolgreicher Vermittler. Ich bin empathisch und gradlinig. Ich habe eine hohe visuelle Vorstellungskraft, das erleichtert mir das Planen. Ich fertige für mich im Geiste oft Zielfotos an und kann dies in der Folge aber in Teams oder Gruppen sowohl vermitteln als auch gemeinsam anstreben.

Und Ihre negativen Eigenschaften sind?

Ich bin manchmal sehr ungeduldig und mich ärgern Ungerechtigkeiten. Eine gewisse Inkonsequenz werfe ich mir in den letzten Jahren beim Sporttreiben vor.

Sie sind als OB Chef einer Verwaltung: Beschreiben Sie bitte, wie diese 1453 Mitarbeiter in fünf Jahren arbeiten werden.

Glücklich, wertgeschätzt und voller Tatendrang für tolle Aufgaben. Betonen möchte ich: Die Digitalisierung geht an keinem Mitarbeiter einer Verwaltung vorbei. Das muss als Vorteil und Zugewinn erkannt werden. Als Mehrwert, weil dadurch das Arbeiten erleichtert wird. Viele Arbeitsfelder können dezentral bearbeitet werden mit dem Laptop von überall im Stadtgebiet. Die Chancen des Internets müssen mit dem neuen Konzept des Rathauses in VS eng verbunden sein. Neue Arbeitsformen müssen familiengerechter sein, um den definitiv kommenden Facharbeitermangel abzufangen. Die Stadtverwaltung VS ist zu der Zeit dann ein hoch attraktiver Arbeitgeber.

Beschreiben Sie doch bitte das Stadtleben nach acht Jahren Ihrer Regentschaft. Was hat sich dann verändert, und worauf dürfen sich die Menschen bei Ihnen verlassen?

Die Menschen dürfen sich darauf verlassen, dass ich dafür sorge, dass das Verwaltungshandeln begreifbar und nachvollziehbar ist. Die Bürgerinnen und Bürger sind bei mir gewohnt, beteiligt und ernst genommen zu sein. In meiner ersten Amtsperiode habe ich mit dem Gemeinderat die Infrastruktur erheblich verbessert, das werden sowohl Besucher von Kindergärten und Schulen spüren als auch die Menschen, die zu Fuß, mit Fahrrad, Auto und Bus bei uns unterwegs sind. Bei den Schulen muss klar sein, dass in acht Jahren die wesentlichen Probleme vom Tisch sind. Handel und Innenstadtleben florieren und sind von partnerschaftlichem Handeln der Beteiligten geprägt. Mit einem Wort: VS ist wieder Oberzentrum.

Wenn Sie nicht gewählt werden, was dann?

Dann bleibe ich Bürgermeister in Tuningen.

Immer wieder diskutiert wird Ihr Familienstand. Was können Sie dazu sagen?

Ich bin ledig, arbeite seit Beendigung meiner Schulzeit immer mit großem Einsatz. Wenn ich doch noch den Partner fürs Leben finden sollte, dann wird es, um auch dieses Thema klar anzusprechen, eine Frau sein.

Ist es ein Vorteil oder ein Nachteil in der heutigen Zeit, mit einer konkreten Parteiunterstützung wie bei Ihnen durch die CDU in einen solchen Wahlkampf zu ziehen?

Als unabhängiger Kandidat ist es hilfreich und beruhigend, wenn mich eine starke Partei und Gruppierungen unterstützen. Ich empfinde das nicht als Nachteil, weil die Kommunalpolitik – anders wie in Land und Bund – keine Parteienmeinung beinhaltet, sondern rein sachorientiert sein muss. Das erlebe ich in der dritten Amtsperiode im Kreistag so und empfinde das als ideal. Ich handhabe das auch so in Tuningen. Ich bin nach wie vor interessiert an weiterer Unterstützung.

Sie sind als gewählter Bürgermeister aus Ihrer Heimatstadt Villingen-Schwenningen nach Tuningen gezogen und bewohnen dort ein Haus. Wo muss der neue OB von VS wohnen?

An einem schönen Ort in der Gesamtstadt.

Sie sind hier zur Schule gegangen, groß geworden, immer wieder zurückgekehrt in der Freizeit – wie unabhängig können Sie in dieser Hinsicht sein?

Bei den Entscheidungen des Oberbürgermeisters geht es um Sachthemen, und ich habe einen Eid geschworen, alles für das Wohl der Stadt zu tun. Da spielen persönliche Beziehungen in meinem hier sicherlich vorhandenen Freundeskreis keine Rolle.

Mit welchem Blick auf das VS-Rathaus sind Sie eigentlich groß geworden?

Ich bin von klein auf mit dem Rathaus konfrontiert gewesen. Mein Vater war ja der Fahrer von den Oberbürgermeistern Kern und Gebauer. Abends, an Wochenenden, immer waren da diese Termine, und ich durfte da auch einige Male im Dienstwagen mitfahren. Ich erinnere mich an diese Zeit sehr gerne. Für mich waren als Kind die Oberbürgermeister immer Respektspersonen, die sich aber immer mir sehr zugewandt gezeigt haben. Als ich später Auszubildender bei der Stadt VS war, erlebte ich ihn als einen Patron, der immer für seine Mitarbeiter da war, bei Problemen auch als letzte Instanz.

Sie haben die Ausbildung zum Mittleren Dienst und ein berufsbegleitendes Studium zum Wirtschafts-Diplom an der Freiburger Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie, der VWA, absolviert. Seither sind Sie Betriebswirt mit dem Zusatz VWA. Der VS-OB ist den Amtsleitern aus dem Höheren Dienst vorgesetzt. Wie gelingt das?

Mit Sicherheit sehr gut. Meine Berufserfahrung und das vorhandene Wissen, gepaart mit der Kompetenz der Amtsleiter, führen zu sehr guten Ergebnissen. Klar ist: Es gibt immer Situationen, in denen der verantwortliche Behördenleiter der gesamten Stadtverwaltung die Richtung vorgibt.

Fragen: Norbert Trippl

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