Im Vorfeld der Abstimmung über Stolperstein-Mahnmale wird über dieses Projekt nun wieder heftig und erbittert diskutiert. Auslöser ist eine Anfrage des Freien Wähler-Stadtrats Bertold Ummenhofer bei der Israelitischen Kultusgemeinde Rottweil/Villingen-Schwenningen, wie deren Vorstand zu dieser besonderen Form der Mahnmale steht. Die Gemeinde vertritt etwa 270 Juden in der Region. Deren Sprecherin Tatjana Malafy hatte Ummenhofer geantwortet, der neue Vorsitzende der jüdischen Gemeinde finde die Idee der Stolperstein-Verlegung nicht gut. Der Freie Wähler-Stadtrat hatte daraufhin einen Leserbrief geschrieben.

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Damit hatte sich die Auffassung der jüdischen Gemeinde diametral geändert, denn vor der Abstimmung 2013 im VS-Gemeinderat sprach sie sich noch für die im Boden verlegten kubischen Steinen mit den Namen der Opfer des nationalsozialistischen Terrors aus. Allerdings bleibt unklar, ob die aktuelle Aussage auf eine mögliche Verlegung der Stolpersteine in Rottweil gemünzt ist – oder ob sich Malafy tatsächlich gegen das geplante Mahnmal-Projekt in Villingen-Schwenningen ausspricht. Malafy ist derzeit erkrankt und kann daher ihre Aussage nicht konkretisieren, teilte ein Mitglied der jüdischen Gemeinde mit.

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Der Vorsitzende des Vereins „Stolpersteine“, Friedrich Engelke, hält auf Anfrage die „Instrumentalisierung der Aktion für nicht klug“. Er verweist darauf, dass es auch unter Juden unterschiedliche Ansichten zum Thema Stolpersteine gebe. Das bekannteste Beispiel ist die Münchnerin Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der deutschen Juden hatte sich immer gegen eine Verlegung der Stolpersteine in München ausgesprochen, weil damit die Würde der jüdischen Opfer buchstäblich ein zweites Mal mit Füßen getreten werde. Letztendlich erreichte Knobloch, dass in München auf eine andere Weise, mit Stelen, an die jüdischen Opfer erinnert wird. Engelke kann Knoblochs Position sehr gut nachvollziehen, die Münchnerin entkam als Kind in letzter Sekunde dem nationalsozialistischen Terror.

Beste Form der Erinnerung

In Villingen-Schwenningen geht es aber darum, überhaupt an die Opfer zu erinnern. Und da hält Engelke die „Stolpersteine“ nach wie vor für die beste Form. Er erläutert, dass jüdische Besucher in der Stadt es immer bedauert hatten, dass es vor allem in Villingen keine Möglichkeit des Gedenkens gebe. Von diesen hatte er auch keine Briefe eingefordert, er ist sich sicher, sie hätten vehement dafür argumentiert. Doch er glaubt nicht, dass dies die Stadträte notwendig hätten. Die Argumente und auch der Beschlussantrag, ob die Doppelstadt die Stolpersteine verlegen möchte und damit Teil des „größten Shoah-Denk- und Mahnmal-Projekts Europas“ werden möchte, seien bekannt. Damit müssten sich die Stadträte auseinandersetzen.

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Die Position der Rottweiler Gemeinde sei eine, auch in München gab es unter den Juden sehr unterschiedliche Ansichten. Engelke erklärt sich die gegenüber Stolpersteinen ablehnende Haltung der Israelitischen Kultusgemeinde Rottweil/Villingen-Schwenningen auch damit, dass dort größtenteils Juden aus Osteuropa und Russland leben, deren Vorfahren eben nicht aus Villingen-Schwenningen oder Rottweil kommen. Ihnen seien andere Dinge, zum Beispiel die Synagoge und der Friedhof, wichtiger.

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