Idylle kann wehtun. Das wird jedem Wanderer bewusst, der seinen Weg durch den Eckerwald nimmt. Denn in dem kleinen Naturparadies kommen plötzlich Ruinen, Fundamente, Teile von Gebäuden zum Vorschein. Und die stehen wiederum für ein rabenschwarzes Geschichtskapitel der Region: Hier hatten die Nazis eine Schieferölproduktionsstätte mit dem Decknamen „Wüste 10“ errichtet.

Von Moos überwachsen sind die Überbleibsel des früheren Werks „Wüste 10.“
Von Moos überwachsen sind die Überbleibsel des früheren Werks „Wüste 10.“ | Bild: Hauser, Gerhard

Es war der vergebliche Versuch der Nazis, aus Schiefergestein Öl zu gewinnen, um nach dem Verlust der rumänischen Ölförderstätten am Ende des Zweiten Weltkriegs überhaupt noch an Treibstoff zu gelangen. Im Vorland der Schwäbischen Alb gab es mehrere Werke, die durch Verschwelung das im Gestein gebundene Schweröl in Destillationsanlagen kondensieren sollten.

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Die Arbeiter, die am Rande des Kreises Rottweil zu Tode geschunden wurden, sehr oft aus einem kaum nachvollziehbaren Sadismus des Lagerkommandanten heraus, kamen überwiegend aus dem politischen Widerstand der von den Nationalsozialisten besetzten Länder Europas.

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Die Lager, auch das für „Wüste 10“ zuständige bei Schörzingen, waren Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsass. Die Häftlinge mussten täglich einen Acht-Kilometer-Marsch hinter sich bringen, arbeiteten dann wie Sklaven hüfthoch im Wasser und Schlamm. Obwohl die Nazis geeignete Werkzeuge hatten, rückten sie diese wohl nicht heraus. Über 500 Menschen starben allein in diesem Lager.

Soweit die Fakten. Die Initiative Gedenkstätte Eckerwald machte einen vorbildlichen Gedenkpfad daraus. Etwa eine halbe Stunde dauert der Rundgang, je nachdem, wie viel Zeit man aufbringen möchte.

Ruinen als Mahmale

Im lichten Laubwald sind die Ruinen des Ölschieferwerks erklärt, das Leiden der Häftlinge lebt wieder auf. Die Produktionsanlagen blieben der verzweifelte Versuch, das Ende des Krieges hinauszuschieben. Doch der Ertrag war gering, die Energiebilanz negativ. Von den zehn Werken gelangten nur vier über die Versuchsphase hinaus, das im Eckerwald gehörte nicht dazu. 1500 Tonnen minderwertiger Treibstoff wurde in allen Werken gewonnen.

In einem Gebäude wird das Leben einiger Häftlinge nachgezeichnet. BBC gehört, verpfiffen, schon landete man im Konzentrationslager. Im Ersten Weltkrieg aufseiten des Deutschen Reichs gekämpft, verwundet, ein Landwirt, acht Kinder aufgezogen, aber starker Alkoholiker und Raucher, auch dies war ein Fall für das KZ: zwei von vielen Verschleppten, die bei Schörzingen starben.

Eindrucksvolles Mahnmal von Künstler Siegfried Haas mitten mit Wald.
Eindrucksvolles Mahnmal von Künstler Siegfried Haas mitten mit Wald. | Bild: Hauser, Gerhard

In einem von den Häftlings ausgehobenen Grube steht nun die Bronzeskulptur des Künstlers Siegfried Haas. Weiter vorn ist ein Friedenswälchen angelegt mit den schon verblichenen Fahnen der Heimatländer, aus denen die Opfer kamen: Polen, Frankreich, Ungarn und viele mehr.

Bild 3: Mal ein etwas anderer Freizeittipp: Wandern im Wald der 500 Toten
Bild: Kerstan, Stefanie

Es ist eine beeindruckende Begegnung mit der Vergangenheit, beeindruckend vielleicht auch deswegen, weil diese Relikte in der eigenen Heimatregion liegen. Es fehlt die es manchmal auch einfacher machende Distanz, hier am Fuß der Schwäbischen Alb geschahen die Verbrechen.

Der Wanderweg führt auf ein Plateau, auf dem auch der Flugplatz Rottweil-Zepfenhan liegt.
Der Wanderweg führt auf ein Plateau, auf dem auch der Flugplatz Rottweil-Zepfenhan liegt. | Bild: Hauser. Gerhard

Vielleicht ist es ganz gut, dass man nach dem Rundgang auf die Eckerwaldtour abbiegen kann, eine leichte, etwas über acht Kilometer lange Strecke. Ganz lässt einem die Geschichte zwar nicht los. Entlang am Flugplatz Zepfenhan (hier geht in ein kleines Tal hinab eine Abkürzung zurück zum Gedenkpfad, dann ist es ein Spaziergang) verläuft der Weg in Richtung Naturfreundehaus. Die Naturfreunde waren unter den Nationalsozialisten ebenfalls verboten. Ihr früheres Naturfreundehaus bei Schörzingen wurde beschlagnahmt und als SS-Quartier für den Eckerwald verwendet.

Der Flugplatz am Rande des Eckerwalds.
Der Flugplatz am Rande des Eckerwalds. | Bild: Hauser, Gerhard

In den 1950er Jahren erwarben die Naturfreunde den Jungbrunnen. An dem derzeit nicht bewirtschafteten und nur für angemeldete Gruppen offenen Haus führt der Weg vorbei, bevor es dann zurück zum Parkplatz geht. Die Strecke kann auch in umgekehrter Richtung gelaufen werden: Dann bildet der Gedenkpfad den Abschluss der Runde.

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