Für die Ornithologen in der Region ist es eine Sensation: Nach wochenlangen Beobachtungen mit vorsichtigem Abstand gilt als sicher, dass mit der Rohrweihe eine seltene Greifvogelart auf die Baar zurückgekehrt ist. Helmut Gehring, promovierter Biologe mit exzellentem Fachwissen zur Tier- und Pflanzenwelt auf der Baar, und Otto Körner, Leiter eines Planungsbüro mit unzähligen Anknüpfungspunkten im Bereich Vogel- und Artenschutz, sind dem möglichen Rückkehrer auf die Spur gekommen. „Man muss dabei beweisen, dass es sich tatsächlich um einen Brutvogel handelt“, erläutert Gehring. Ein längerer Aufenthalt mit Aufzucht des Nachwuchses unterschiede sich elementar von der Stippvisite eines durchreisenden Zugvogels.

„Seit 40 Jahren ist das das erste Rohrweihen-Vorkommen.“Helmut Gehring
„Seit 40 Jahren ist das das erste Rohrweihen-Vorkommen.“Helmut Gehring | Bild: Wursthorn, Jens

Es ist ein paar Wochen her, als Gehring von einem Weg aus einen der milan-großen Vögel beim Nistbau beobachtet hat. Schier den ganzen Tag habe der Vogel Nistmaterial in die gleiche Richtung transportiert. Rohrweihen sind Bodenbrüter. Sie bauen ihre Nester ins Schilf. Wo genau sich die Brutstätte befindet, wissen Gehring und Körner nicht. Viel zu störend und belastend wäre eine Expedition selbst vorsichtiger Beobachter in die Wiesenfläche für die Altvögel, viel zu riskant für die Entwicklung der Aufzucht. Auch über den Ort, wo die Vogelbeobachtungen stattfanden, schweigen sich die beiden aus.

Eine weibliche Rohrweihe im typischen Beuteflug dicht über dem Boden.
Eine weibliche Rohrweihe im typischen Beuteflug dicht über dem Boden. | Bild: Manfred Stöber

Denn die Nachricht, auf der Baar könne man mit Geduld und Glück Rohrweihen vor die Kameralinse bekommen, würde sich unter Hobby-Vogelkundlern in Windeseile verbreiten. „Da hätten wir Dutzende von Fotografen aus einem weiten Umkreis“, äußert Gehring Bedenken. Deshalb ist eine genauere Lokalisierung der selten gewordenen Zuwanderer nur den Ornithologen aus dem Arbeitskreis Schwarzwald-Baar bekannt. Dabei führt die Gedankenbrücke zwischen Nistbau-Flügen und tatsächlichem Nest in die Irre. „Die Männchen bauen mehrere Plattformen“, beschreibt Körner eine besondere Form des Werbens um den weiblichen Vogel. Wenn der Angebeteten ein Unterbau behagt, wird darauf das Nest erstellt – fast als ob im menschlichen Vergleichsrahmen ein angehender Häuslebauer seiner Partnerin gleich mehrere mögliche Bauplätze offeriert.

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„Irgendwo in der Nähe der Stillen Musel zwischen Donaueschingen und Bad Dürrheim„, bleiben die Naturfreunde vage. Einen Fototermin vor Ort lehnen sie ab. Die Stille Musel ist wenige Kilometer langes Flüsschen, das in Mühlhausen entspringt, durch den Salinensee und den Bad Dürrheimer Ortskern fließt und weiter in Richtung Donaueschingen fließt, den nördlichen Schlosspark passiert und kurz nach dem Zusammenfluss von Brigach und Breg in die Donau mündet.

„An der Stillen Musel ist doch Einiges in Ordnung.“Otto Körner
„An der Stillen Musel ist doch Einiges in Ordnung.“Otto Körner | Bild: Planugsbüro Arcus

Helmut Gehring ist 70 Jahre alt und Pensionär. In seinem Berufsleben war er Biologielehrer am Hoptbühl-Gymnasium und Lehrer-Ausbilder an der Lehrerakademie in Rottweil. Sein Ornithologen-Gedächtnis reicht 40 Jahre zurück. „Und seit dieser Zeit ist das nun das erste Rohrweihen-Vorkommen“, freut er sich. Er selbst hatte noch nicht die Gelegenheit, die Greifvögel zu fotografieren, waren die Begegnungen doch immer überraschend und schnell vorüber. Zwei- bis dreimal in der Woche bekommen Gehring und Körner die Rohrweihen zu Gesicht – was ein klares Zeichen sei, dass sie sich hier zumindest vorübergehend niedergelassen haben. Und was sollten sie sonst hier tun, als ihre Brut großzuziehen.

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Aus der vorsichtigen und regelmäßigen Beobachtung hat sich nun eine weitere Besonderheit entwickelt. Es sind nämlich nicht nur zwei, sondern drei erwachsene Tiere, die sich derzeit auf der Baar aufhalten. Ein junges erwachsenes Männchen, das möglicherweise bei der Aufzucht hilft, habe sich dem Paar angeschlossen, erzählt Otto Körner. Das sei bei Raubvögeln nicht ungewöhnlich. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Dreierbeziehung liege bei Greifvögeln etwa bei 15 Prozent, schlüsselt der 62-jährige Ingenieur für Raum- und Umweltplanung auf.

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Die Rohrweihe ist ein Zugvogel. Es ist nicht sicher, dass die Vögel im nächsten Jahr erneut die Baar anfliegen. Was bestehen bleibt, sind die sich stetig bessernden Nahrungsbedingungen für Greifvögel aller Art. Einhellig loben Gehring und Körner die Anstrengungen zur Renaturierung der Stillen Musel. „Da ist einiges in Ordnung“, äußert sich Körner. Die Moorböden und der höhere Grundwasserstand des Flüsschens geben Insekten wie etwa der Schnake, und Amphiben reichhaltige Fortpflanzungsmöglichkeiten, wovon Sing- oder Wasservögel profitieren. Und am Ende der Nahrungskette stehe eben die Rohrweihe oder der Schwarze und Rote Milan, den man auf der Baar, etwa in den Pappeln entlang der Stillen Musel, deutlich häufiger beobachten könne. Zudem habe sich die Stille Musel zum bevorzugten Rastplatz durchreisender Zugvögel etabliert.

Ein stiller Jäger aus dem Schilf

  • Einordnung: Die Rohrweihe gehört zur Familie der habichtartigen Greifvögel und zur Gattung der Weihen. Weibchen sind größer als Männchen. Sie erreichen eine Länge von bis zu 60 Zentimetern und eine Flügelspannweite von fast 1,30 Meter. Lebensraum und Rückzugsgebiet der Zugvögel, die häufig südlich der Sahara überwintern, sind hierzulande Schilfbereiche an stehenden oder morastigen Gewässern. Aus Ästen, Rohr und Gräsern entsteht der Horst, der flach am Boden liegt. Auf dem Speiseplan der Rohrweihe stehen Singvögel, die Küken von Wasservögeln, kleine Säugetiere, Amphibien und Fische.
  • Unterscheidung: Am auffälligsten ist die Gefiederfärbung am Kopf. Weibchen sind durchgängig dunkelbraun gefiedert und haben einen hellgelben Kopf. Beim rostbraunen Männchen ist der Kopf im Wesentlichen hellgrau gehalten. Charakteristisch ist die Jagdmethode. Die Rohrweihe überfliegt den Boden in geringer Höhe in V-förmiger Flügelstellung, um sich aus geringer Höhe auf ihre die Beute zu stürzen.
  • Bestand: Intensivlandwirtschaft, Bejagung und Trockenlegungen haben im 19. und 20. Jahrhundert zu großen Bestandsverlusten gesorgt. Seit etwa 1950 erholt diese Raubvogelart wieder. In Deutschland werden bis zu 8000 Brutpaare vermutet, in Baden-Württemberg sollen es laut Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum bis 50 Paare insbesondere am Oberrhein und im Bodenseeraum sein.